Ein neues Album von Element of Crime ist ein wenig wie Urlaub an einem neuen Ort einer Küste, an die man seit Jahren gerne fährt. Man freut sich wie verrückt, weil man weiß, dass es gut werden wird. Und doch bleibt sie, die Spannung: Kann dieser unbekannte wie vertraute Fleck nach 33 Jahren vielleicht noch mehr bezaubern?

So abwechslungsreich jedenfalls wie "Schafe, Monster und Mäuse" (erscheint am 5. Oktober) fiel schon lange kein Besuch in der Welt der Berliner Band mehr aus. Auf dem achten Studioalbum und ersten seit vier Jahren muss Sänger Sven Regener, der im vergangenen Jahr mit "Wiener Straße" auch als Autor ("Herr Lehmann") wieder Erfolge feierte, eine Menge loswerden. Wie auch beim Gespräch in einem Kreuzberger Café, wo der 57-Jährige gemeinsam mit Gitarrist Jakob Ilja über Sehnsuchtsorte, "Wetten, dass ..?" und Rock'n'Roll sinniert.

prisma: Da wir gerade hier in Kreuzberg sitzen – Ihr neues Album ist überaus Berlin-lastig geworden. Resultiert das aus einem neuen Blick auf die Stadt oder hat es sich eben so ergeben?

Sven Regener: Ich denke beides. Es ist Zufall – aber man hat sich das alles ja auch erobert. So, dass es möglich ist, den Songs auch konkrete Orte zu geben. Und da arbeite ich dann mit den Namen und deren Klängen, die damit verbunden sind. Das wirkt stimulierend. Ausdrücke wie Schlesisches Tor oder Halensee – das ist schon stark!

prisma: Es gibt aber kein Konzept?

Regener: Im engeren Sinne nicht. Aber dadurch, dass die Songs alle in einem bestimmten Zeitraum entstehen, gibt es wiederkehrende Dinge. Auf dem aktuellen Album zum Beispiel mehrfach Steine – sogar weinende! Das passiert, weil man mit so einem Klang – "Stein" – losgeht. So, wie bei uns als Band, die immer die Musik zuerst kreiert, zu einer bestimmten Zeit vielleicht viele Songs etwa in G-Dur aufkommen. Auch bei den Texten drängen sich bestimmte Topoi im Bewusstsein nach vorne. Das sollte man zulassen. Jedenfalls sollte man keine Angst davor haben, dass man sich wiederholt.

Jakob Ilja: Man sollte eben auch keine Angst davor haben, über die Stadt zu singen, in der man wohnt. Nur weil man Sorge hat, das könnte als Städtemarketing verstanden werden. Es ist natürlich kein Konzeptalbum über Berlin. Der Hörer kann ja mit den Begriffen und Ortsnamen ganz eigene Orte assoziieren. Der Späti in "Die Party am Schlesischen Tor" kann zum Beispiel auch in Wanne-Eickel stehen. Man kann auch in den Bergen Seemannslieder genießen.

Regener: Deshalb ist ja auch amerikanische Popmusik überall erfolgreich. Weil wir auch in Deutschland mit all den Dingen etwas anfangen können, obwohl wir eben nicht in New York leben. Alles, was in der Kunst passiert, weist doch eigentlich immer über diese konkreten Sachen hinaus. Aber dennoch mag ich es auch konkret und muss es oft auch konkret sein.

prisma: Zum Beispiel, wenn Sie den Halensee besingen.

Regener: Was soll ich Werdersee singen, wenn ich Halensee singen kann? Da passt der Sound und die Konnotation besser. Der Halensee ist ja außerhalb Berlins oder gar der City-West kaum bekannt. Es ist ein sehr kleiner See, aber auch in dem wohnt ein Meer, das raus will.

prisma: Schafft man damit auch Sehnsuchtsorte?

Ilja: Das ist ja das Schöne an Musik. Orte, an denen man nie war, werden zu eigenen Sehnsuchtsorten, nur weil man sie in einem Song hört.

Regener: Da fällt mir eines der berühmtesten und schönsten Lieder ein, "Moon River" von Johnny Mercer. Diesen Fluss gab es gar nicht, den hat er sich wegen des Klangs ausgedacht. Nach dem Tod von Mercer, der aus Savannah, Georgia, kam, haben sie einen kleinen Fluss hinter seinem Geburtshaus in "Moon River" umbenannt.

prisma: Entstand eigentlich durch Ihren wohl bekanntesten Song "Delmenhorst" eine bestimmte Aura um diesen Ort?

Regener: Sehnsuchtsort Delmenhorst – auf jeden Fall! Aber es gibt ja noch mehr: hier in Berlin etwa den Club Birgit & Bier, benannt nach einer Textzeile aus "Kaffee und Karin". Das ist doch toll, dass die Leute damit machen können, was sie wollen.

prisma: Von Zitaten, textlicher wie musikalischer Art, lebt nicht zuletzt auch das Werk von Element of Crime ...

Ilja: Sich bei anderen zu bedienen, ist ja auch die Idee von Rock'n'Roll. Es gibt einen Riesenfundus, da schmeißt jeder was rein – und jeder bedient sich daraus. Solange es keine offensichtlichen Plagiate sind geht das in Ordnung. Natürlich passiert es einem manchmal, dass man mit einem Song einem anderen sehr nahe kommt. Es gibt nun mal nur eine bestimmte Anzahl von Noten und Akkorden, die man miteinander in Beziehung setzt kann.

prisma: Wie gehen Sie mit Deutungen Ihrer Musik um, die von außen kommen?

Ilja: Die Gefühlswelt, die unsere Musik bei Anderen wachruft, ist so individuell, so eigen. Die kann ich natürlich teilen. Aber letztlich geben wir die Musik ja weg. Wenn ich meine Gedanken dazu äußern würde, käme mir das wie ein Beipackzettel vor. Zu sagen "Nee, das ist falsch, in Wirklichkeit meinten wir das so und so" – das möchte ich nicht.

prisma: Wenn Sie auf Ihre Nebenprojekte schauen in den Bereichen Filmmusik und Literatur: Wie würden Sie deren Einfluss auf die Band beschreiben?

Ilja: Ich glaube, es gibt einen unbewussten Einfluss, wie bei allen Dingen, die einen umgeben. Aber die Elements sind schon ein eigener Kosmos mit einer besonderer Stilistik. Was ich aus der Filmmusik ziehe, ist eigentlich nicht wirklich hilfreich für das Komponieren mit der Band.

Regener: Bei den Texten ergibt sich das natürlich, dass die selben Topoi eine Rolle spielen. Weil es ja vom selben Typen kommt. Aber es ist eine andere Welt. Wenn ich meine Literaturveröffentlichungen habe und die Lesungen und dann wieder zu Element of Crime komme, dann ist das wie ein Wochenendurlaub. Wobei ich nicht sagen kann, was von beidem jetzt was ist. Letztlich ist das aber der Grund, warum ich bei den ganzen Veröffentlichungen nicht wahnsinnig werde. Und ich bin bei Element of Crime nur einer von vier Leuten, das ist eine ganz andere Position. Es klingt banal, aber man kann nur eine Band im Leben haben. Und wenn die weg ist, dann kommt die nicht mehr wieder.

prisma: Waren Sie deshalb auch vorsichtig, mit Element of Crime auf Hypes und Trends aufzuspringen?

Ilja: Ich weiß gar nicht, wie wir das hätten machen sollen (lacht)! Wir wussten gar nicht wie das geht!

Regener: Wir fanden ja auch in Berlin schon keinen Zug, auf den wir aufspringen konnten. Aber klar: Es gab sicher Marketing-Leute, die das gedacht haben. Doch so funktioniert die Musik nicht. In den 80er-Jahren war es sicher der feuchte Traum unseres Plattenfirmenmanagers, uns bei "Wetten, dass ..?" unterzubringen. Das war für die Musikindustrie damals so was wie ein Gottesgeschenk. Aber die hätten uns ja gar nicht genommen mit unserer Musik. Das war ein Glücksfall – sonst hätten wir uns dieser ganzen Sache gar nicht erwehren können, so wichtig war das den Plattenfirmen. Wir hätten dann wohl den Erweis erbracht, dass man auch in der Show auftreten kann, ohne tausende Platten am nächsten Tag zu verkaufen.

prisma: Sind Sie froh, kein Massenphänomen geworden zu sein?

Regener: Element of Crime ist keine Band, die jeder kennt oder kennen muss. Zugleich aber eine sehr populäre Band. Wer Musik, wie wir sie machen, nicht mag, der kennt uns gar nicht. Das ist natürlich die beste Situation, die man haben kann. Die, die uns hassen würden, kennen uns nicht. Wir hatten ja auch nie eine große Single. Anfangs war das vielleicht ein Fluch oder wurde so wahrgenommen, aber dann entpuppte es sich als ein großer Segen. Weil wir erfolgreich sind und trotzdem machen können, was wir wollen.

prisma: Gab es eigentlich jemals Versuche, Element of Crime als "Band des Autors Sven Regener" anzupreisen?

Regener: Das wäre ja lächerlich! So eine Band würde gleich niemand mehr ernstnehmen. Zu Recht! Sowas ist immer ein bisschen würdelos. Und ohne Würde kannst du so eine Musik nicht machen. Und wenn überhaupt etwas Konkretes, dann erwarten die Leute von uns nicht, dass wir etwa gut aussehen oder so, sondern nur, dass wir eine gewisse Würde bewahren.

prisma: Wie diskutieren Sie in der Band über Angebote wie "Inas Nacht" oder den Auftritt in der Elbphilharmonie in diesem Jahr?

Ilja: Derlei Fragen gab es ja von Anfang an. Klar reden wir darüber, ob dieser oder jener Auftrittsort etwas für uns wäre. Zu "Inas Nacht" gehen wir zum Beispiel sehr gerne. So etwas wie die Elbphilharmonie macht man mal, weil es ein interessanter Ort ist. Da gibt es kein Dogma. Ein Konsens über Auftrittsorte ist in der Band meist schnell gefunden.

Regener: Es geht nicht darum, dass wir uns zu fein sind für etwas. Nur passen wir eben nicht zu Formaten wie früher "Wetten, dass ..?", wo man Playback spielen muss. Da gingen wir damals lieber zu Biolek oder heute zu Ina Müller, da spielen wir unsere Musik live im Fernsehen, und das ist nie falsch!

Ilja: Das berührt ja auch Fragen der Imagepflege. Die kann schnell etwas sehr Anstrengendes sein. Je polierter das Image, je ernster man sich nimmt, desto anstrengender. Das war nie unser Ding. Wir können zum Beispiel auf unserer Website nur mit einer gehörigen Portion Selbstironie werben, sonst nimmt einen doch keiner ernst.

Regener: Wir posten ja schon auf Facebook und Instagram, aber eben auf unsere Weise. Das ist dann sehr spröde und unterkühlt. Die Plattenfirma wundert sich manchmal darüber, aber im Grunde funktioniert es sehr gut. Aber man sollte das nicht übertreiben. Ich weiß gar nicht, wie andere das Dauerfeuer in den sozialen Medien überhaupt durch- und aushalten.


Quelle: teleschau – der Mediendienst