Die deutsche Netflix-Serie "Skylines" schafft es, HipHop, Musik- und Finanzgeschäft, Drogen sowie den Kampf gegen das Organisierte Verbrechen unter einen Hut zu bringen. Dabei blasen das fotogene Frankfurt und sein authentisch funkelnder Sound dem Sechsteiler frischen Wind in die Segel.

Wenn Wunderkind-Produzent Jinn (Edin Hasanovic) an den Knöpfen dreht und sein Kopf echsenartig zu den Beats zuckt, geht in der neuen deutschen Netflix-Serie "Skylines" (ab Freitag, 27. September verfügbar) fast immer eine Tür auf. Die Tür zu einer großen Serie? Vielleicht. Zumindest aber eine zu legendären Filmmomenten, die mit der Fusion sich verdichtender Plot-Bilder und Musik arbeiten. Oft gegen Ende der zwischen 45 Minuten und einer guten Stunde langen Folgen steht jener Moment, in dem die Erzählstränge kulminieren, in dem Musik-, Finanz- und Drogengeschäft zusammenfinden und sich das starke Personal dieser von Maren Ades "Komplizen Film" produzierten Serie ebenfalls in der Collage vereint.

Der echte Jinn hinter der Figur des aufstrebenden HipHop-Produzenten heißt Benjamin Bazzazian und ist für einen Großteil des Serien-Soundtracks verantwortlich. Bazzazian arbeitete bereits mit deutschen HipHop-Größen wie Haftbefehl, Azad oder Samy Deluxe. Wenn Underground-Produzent Jinn mit seinen Beats die Bosse des Frankfurter Kultlabels Skyline Records begeistert, die ihn exklusiv unter Vertrag nehmen wollen, fängt auch der Zuschauer Feuer: Weil in "Skylines" tatsächlich so etwas wie ein authentisch scheinendes Bild des Gangsta-Rap-Geschäftes vor den Augen flimmert. Entsprechend viele Szenen spielen im Tonstudio, wo es Jinn mit echten Rappern, die lustvolle Gastauftritte absolvieren, und Schauspielern, denen man es absolut abnimmt, dass sie Rapper sein könnten, zu tun bekommt. Unter den Darstellern "trashtalken" Größen wie Azzi Memo, Nimo oder auch der Frankfurter Rapper Olexesh. Außerdem spielen Azad, Nura, Miss Platnum, Celo & Abdi und MC Bogy sich selbst.

Dennoch ist "Skylines" keine Serie über das Musikgeschäft, wie es HBO mal mit der in schönen Bildern gescheiterten 70-er-Jahre-Hommage "Vinyl" versuchte. Nein, in "Skylines" geht es nicht nur um die Karriere und moralischen Verwicklungen Jinns, sondern auch um den Labelchef und alternden Promi-Rapper Kalifa (Murathan Muslu), dessen älterer Bruder Ardan (Erdal Yildiz) aus dem ausländischen Exil zurückkehrt, um das lukrative Drogengeschäft im Frankfurter Bahnhofsviertel zu übernehmen. Ardan ermöglichte seinem Bruder einst mit Drogengeld die Musikkarriere. Nun will er Anteile am "sauberen" Rap-Geschäft. Dazu verfolgt man das Leben von Drogenermittlerin Sara (toll: Peri Baumeister), deren mühsam aufrechterhaltene Kleinfamilie in emotionalen Trümmern liegt, während sie sich mit verdeckten Ermittlern und Informanten an schillernd schmutzigen Orten der Stadt trifft.

Natürlich wäre man nicht in Frankfurt, spielte das Bankenwesen keine Rolle. Dieses Element wird in den Erzähl-Flickenteppich des noch relativ unbekannten, 38-jährigen Showrunners Dennis Schanz geknüpft, indem Jinn der Sohn eines erfolgreichen Finanz-Managers namens Raimund ist, dargestellt vom Stuttgarter "Tatort"-Kommissar Richy Müller. Ergänzend dazu tänzelt Jinns Schwester Lily (Anna Herrmann) zwischen den gegensätzlichen Welten: Die sensible Blondine mit Bluse und Headset arbeitet mit ihrem Vater in einem schicken Bankenturm, pflegt privat jedoch enge Beziehungen zu Rappern und Drogen – was gelegentlich harte Abstürze zur Folge hat.

Starker Cast, authentische Szene

45 Tage drehte das "Skylines"-Team in Frankfurt, 21 waren es – nur für Innenaufnahmen – in Berlin. "Berlin ist überdreht", sagte Produzent Jonas Dornbach der "Frankfurter Rundschau" und zeigte sich von der für Filmprojekte immer beliebter werdenden 700.000-Einwohnerstadt begeistert: "Frankfurt ist eine Weltstadt auf kleinem Raum." Aus zwei Gründen stellt "Skylines" in der Tat eine Bereicherung der aktuellen Serien-Landschaft dar.

Zum einen bekommt man als Zuschauer tatsächlich das Gefühl – ähnlich wie jene HipHop-Fans, die in der Serie immer wieder mal eine Studioführung durch die heiligen Hallen von "Skylines Records" erhalten -, dass man in den Folgen immer wieder Mäuschen beim Entstehen echter HipHop-Produktionen spielen darf. Gleichzeitig erhält man einen Eindruck, wie das echte Business zwischen Straßenjargon und Big Business funktioniert. Diesen künstlerisch sicher schwierigen Spagat bekommt die Serie hin, ohne zu langweilen oder gar ins Dokumentarische zu kippen.

Zum anderen freut man sich über den bärenstarken Cast: die Energie von Schauspielern wie Edin Hasanovic ("Brüder"), Murathan Muslu ("8 Tage") oder Peri Baumeister ("Unsere Zeit ist jetzt") trägt die etwa sechs Stunden Spielzeit der ersten Staffel über eine Erzählung, die an manchen Stellen ein wenig mehr Originalität in der Kriminalhandlung verdient hätte. Was man jedoch auch als Jammern auf hohem Niveau bezeichnen könnte.

Was der Amazon-Serie "Beat" wider ihr Versprechen, sie spiele in der Berliner Techno-Szene, nicht so ganz gelang, nämlich neben einer – im Vergleich zu "Skylines" größeren Erzählung auch das Bild einer Subkultur zu zeichnen, gelingt dem Frankfurter Netflix-Projekt deutlich besser. Yo! Netflix Raps.


Quelle: teleschau – der Mediendienst