2009 rettete Flugkapitän Chesley Sullenberger durch eine Notlandung auf dem Hudson River 155 Menschen das Leben. Regisseur Clint Eastwood hat daraus ein gelungenes Film-Porträt gemacht.

Der 15. Januar 2009 ging in die von zahlreichen Katastrophen gezeichnete amerikanische Gegenwartsgeschichte als der Tag ein, an dem eine weitere Katastrophe verhindert werden konnte. Der US-Airways-Flug 1549 war noch nicht lange vom New Yorker Flughafen LaGuardia abgehoben, als ein sogenannter "Vogelschlag" beide Triebwerke des Flugzeugs lahmlegte. Captain Chesley Sullenberger entschied sich für ein riskantes, doch letztlich unausweichliches Notfallmanöver und landete den Airbus A320 mit 155 Menschen an Bord auf dem Hudson River. Niemand erlitt schwerwiegende Verletzungen. Mit "Sully" (2016) zeichnete Clint Eastwood nicht nur die heldenhafte Tat nach, sondern bekräftigte in seinem unaufgeregten Meta-Katastrophenfilm die Wichtigkeit des "menschlichen Faktors". SAT.1 hat die berührende Geschichte nun als Free-TV-Premiere im Programm.

Ein Flugzeug rauscht mitten durch die Hochhausschluchten Manhattans hindurch, im rasanten Sinkflug kommen die Straßenzüge näher und näher. Eine Tragfläche streift ein Gebäude, Glasfronten bersten, Mauerstücke bröckeln auf den Asphalt. Dann der Absturz, der Aufprall, ein Feuerball. Eine Szene so entsetzlich und undenkbar wie der 11. September. Doch es war nur ein Albtraum, aus dem Captain Chesley "Sully" Sullenberger (Tom Hanks) in der Einsamkeit eines Hotels schweißgebadet aufschreckt. Schließlich hat der erfahrene Pilot nur wenige Stunden zuvor mit seiner unorthodoxen Entscheidung, auf dem Fluss notzulanden, selbst dafür gesorgt, dass die New Yorker kein erneutes Flugzeugtrauma erleben müssen.

Dieser Traum ist nur eines von mehreren Szenarien, die der Film in seinem Verlauf über den möglichen Ausgang der Hudson-Landung bereithält. "Sully" ist kein Biopic, kein reines Drama und erst recht kein simpler Katastrophenfilm, sondern eine mehrschichtige Reflexion über richtiges Handeln und dessen Bewertung, über Standpunkte und Konsequenzen. Die Heldentat selbst wird perspektivisch eingeordnet und mit der von Eastwood bekannten Unaufgeregtheit inszeniert, was als Gegenmodell zum allgemeinen medialen Unfallhype wohltuend hervorsticht.

Fast schon dokumentarisch, ohne spannungsvolle Musik oder hektische Schnitte werden die Rettungsmaßnahmen für die auf dem eiskalten Hudson festsetzenden Passagiere gezeigt: Als funktionierende Routinearbeit aller Einsatzkräfte und spontane Hilfeleistung eilig verständigter Fähren – nicht als effektheischende Sensation.

In "American Sniper" porträtierte Eastwood 2014 einen Helden, dessen moralischer Status nach über 150 bestätigten Tötungen zweifelhaft war. Der "American Hero" seines neuen Films scheint hingegen über jeden Zweifel erhaben zu sein, hat er schließlich mit seiner Landung das für unmöglich Gehaltene möglich gemacht. Doch trotz der tiefen Dankbarkeit der New Yorker Bevölkerung muss sich Captain Sully zusammen mit seinem Co-Piloten (Aaron Eckhart) vor einem Untersuchungsausschuss verantworten. Er sei mit der Landung auf dem Fluss ein zu hohes, unnötiges Risiko eingegangen, lautet der Vorwurf.

Was wiegt der "menschliche Faktor", was zählen jahrelange Berufserfahrung, Instinkt und Intuition in Zeiten der vollständigen Automatisierung noch? Wo endet Heldentum und beginnt Verantwortungslosigkeit? "Sully" gibt auf diese Fragen eine klare, versöhnliche und starke Antwort.


Quelle: teleschau – der Mediendienst