Fragen und Antworten

"Tatort: Borowski und das Haus am Meer" basiert auf realer Geschichte

von Maximilian Haase

Die düstere Handlung des "Tatorts" aus Kiel warf Fragen auf: Wurden 68er-Kinder etwa tatsächlich im Wald ausgesetzt?

Endlich mal ein "Tatort", der Ruhe und Erholung versprach! Doch der Kieler Krimi "Borowski und das Haus am Meer" bot entgegen seines Titels weder dem Kommissar noch den Zuschauern auch nur im Ansatz Anlass zur Entspannung. Stattdessen: düstere Bilder einer unwirtlichen See, verweste Hundekadaver, mysteriöse Charaktere wie einen schweigsamen "Indianer", verbissene Alt-68er und traumatisierte Kinder. Puh. Klar, dass der Zuschauer da mit einigen Fragen zurückgelassen wurde.

Worum ging es?

Borowski (rau, kühl und grandios wie die Küste: Axel Milberg) und seine Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) wurden mal wieder nicht direkt zu einem Fall gerufen. Vielmehr rannte dieser ihnen aus dem Wald direkt vors Auto – in Gestalt eines kleinen Jungen. Simon (Anton Peltier) hieß er und berichtete verängstigt, dass er von einem Hund angegriffen, schließlich jedoch von einem Indianer gerettet worden war – vor allem aber, dass sein Opa tot im Wald liege. Doch die Ermittler konnten nichts Verdächtiges finden und brachten den Achtjährigen zu seinen Eltern Johann (Martin Lindow) und Nadja Flemming (Tatiana Nekrasov). Und tatsächlich: Der Großvater war nicht mehr da.

Keine gute Nachricht, wie die Zuschauer in bisweilen etwas wirr geschnittenen Rückblicken erfuhren: Der alzheimerkranke Opa Heinrich (Reiner Schöne) verlor oft Orientierung und Beherrschung und beschimpfte seinen Sohn, den Pfarrer Johann. Der wiederum hatte seinen dementen Vater, der ihn nie wirklich anerkannte, aus christlicher Nächstenliebe zur Pflege aufgenommen – oft allerdings auch im Zimmer eingesperrt. Dass die Ermittler die Leiche des verschwundenen Heinrichs schließlich vergraben am Strand fanden – getötet und dann bestattet in christlicher Bet-Pose – machte die Gemengelage nicht weniger rätselhaft.

Worum ging es wirklich?

Zwar tischte der Experimenten oft zugeneigte NDR-"Tatort" diesmal keine vollkommen groteske Handlung auf – dafür aber eine verstörende Familiengeschichte, die den Konflikt dreier deutscher Generationen und damit nicht weniger als die deutsche Geschichte als solche spiegelte. Denn während der Pfarrer streng, konservativ und trotzdem liebend über die Familie herrschte, lebte sein toter Vater einst als alternativer 68er-Kommunarde, verfasste ein Standardwerk zur antiautoritären Erziehung und wohnte zuletzt mit seiner großen Liebe Inga Andersen (Jannie Faurschou) auf einem dänischen Hippie-Schiff.

Nicht nur das: Heinrichs Vater wiederum war bei der SS und überzeugter Nazi, weshalb sein Sohn sich von ihm und dem Deutschsein im Allgemeinen abgrenzen wollte. Der Kommentar von Heinrichs Ex-Frau dazu paraphrasierte eine umstrittene, doch noch immer beliebte Denkfigur der deutschen Nachkriegsgeschichte: "Diese Generation war genauso fanatisch wie ihre Väter", lautet dieser Nazivergleich, der unter anderem im Buch "Unser Kampf. Ein irritierter Blick zurück" des Historikers Götz Aly ausgeführt wird. Regisseur Niki Stein sagt dazu: "Inwieweit gibt es eine genetische Veranlagung für das unfassbare Morden unserer Väter? Mich hat diese Schuldkette interessiert." Die deutsche Geschichte und ihr Generationenkonflikt als Familiendrama – das funktioniert sonst nur in großen Romanen von Thomas Mann und Co. Überraschend war, dass dies auch einem "Tatort" gelingen kann.

Inwiefern basierte der "Tatort" auf realer Geschichte?

In hohem Maße. Die erwähnten historischen Bezüge und die Abgrenzung der Kinder von ihren Nazi-Eltern entsprechen in großen Teilen der bundesrepublikanischen Realität. So wird erwähnt, dass Heinrichs verhasster Vater Teil der sogenannten "Rattenlinie Nord" war – jener Fluchtroute also, auf der die Nazigrößen 1945 kurz vor der Niederlage über Schleswig-Holstein in Richtung Flensburg zu entkommen versuchten. Dort hatte sich die letzte Reichsregierung unter Karl Dönitz eingerichtet. Teil der "Rattenlinie Nord" war etwa auch Heinrich Himmler.

Ebenfalls fest in der historischen Realität verankert war der Verweis des "Tatorts" auf die antiautoritäre Erziehung und Lebensweise der 68er. So galt der Großvater im Film in der reformpädagogischen Bewegung Dänemarks ab den 70er-Jahren als großes Vorbild, sein Buch "Ulydighed" (zu Deutsch: "Ungehorsam") als wichtiger Leitfaden zur alternativen Erziehung. Zwar sind Heinrich und sein Werk erfunden – aber angelehnt an den Dänen Mogens Petersen und dessen "Tvind"-Bewegung, die 1973 gegründet wurde, alternative Schulen und Schulschiffe unterhielt, junge Leute aus Deutschland und ganz Europa anzog – und bald als sektenartiges "Imperium" galt.

Ähnliche von der Reformpädagogik sowie vom Freudomarxismus und dessen antikapitalistischen Leitlinien geprägte Konzepte existierten insbesondere auch in Deutschland in dieser Zeit und beeinflussten eine ganze Generation – Waldorf und Montessori lassen noch heute grüßen. Ein Vorbild aus dieser Zeit könnte etwa der Journalist Gerhard Bott gewesen sein, der 1970 den Sammelband "Erziehung zum Ungehorsam. Antiautoritäre Kinderläden" herausgab.

Setzten die 68er ihre Kinder wirklich in der Wildnis aus?

Borowski fungierte in dem "Tatort" als eine Art Vertreter der Widersprüchlichkeiten der Alt-68er – und offenbarte: "Wir haben damals ständig mit unseren Lehrern diskutiert." Der "Tatort" sollte dem Regisseur und Autor zufolge dann auch keine ablehnende Abrechnung mit der Reformpädagogik sein: "Aber er überzieht es. Er zwingt die Kinder zu einer Freiheit, die die gar nicht wollen". Ausführlich thematisiert wurden aber die Nachteile der sogenannten "antiautoritären Erziehung". Denn, so Axel Milberg: "Die Befreiung war zu ungeduldig und oft bevormundend. Auch in sexueller Hinsicht."

So basierte Heinrichs Blick auf Erziehung auch darauf, dass Erwachsene die aufkeimende Sexualität der Kinder aktiv begleiten sollten. Eine befremdliche und heute klar pädophile Interpretation von "freier Erziehung", die im Laufe des Krimis noch entscheidend werden sollte. Zudem eine Debatte, die ebenfalls ihre Grundlage in der deutschen Gesellschaft hat. Noch vor wenigen Jahren wurde um das Erbe der Grünen gerungen, die zu ihren Anfangstagen auch Mitglieder hatten, die Konzepte des sexuellen Zusammenlebens mit Kindern in Teilen guthießen.

Auch sah Heinrichs 68er-Leitfaden vor, dass die Kinder allein in der Wildnis ausgesetzt wurden, um Eigenständigkeit zu lernen. "Erziehung zur Eigenständigkeit – ist das so schlecht?", fragte der Kommissar, der Gehorsamsverweigerung gegenüber unsinnigen Befehlen für richtig hielt. Doch gab es das wirklich? Nun ja: Zwar setzten die 68er und ihre Nachfolger Ideen wie die Waldkindergärten und Waldwochen um. Ein Aussetzen von Kindern, die auf sich allein gestellt waren, gab es allerdings nur in Extremfällen wie der besagten dänischen "Tvind"-Bewegung. Die sorgte für einen riesigen Skandal, als eine Gruppe von "Tvind"-Schülern von einer Irland-Reise eigenständig nach Hause trampen sollte.

Und wer war nun der mysteriöse "Indianer"?

Dauerpräsent war der hoch mysteriös agierende "Indianer", gespielt vom Dänen Thomas Chaanhing. Der Schauspieler mit chinesischer Abstammung machte seine Sache so gut, dass man immer wieder aufzuckte, wenn seine Figur plötzlich in Gebüschen, am Altar der Kirche oder vor Simons Schule auftauchte. War sie nur eine Einbildung oder eine echte Bedrohung? Am Ende war der "Indianer" tatsächlich existent – ein wenig fragwürdig allerdings dürfte so einigen das irgendwie überkommene "Indianer"-Bild vorgekommen sein, das der "Tatort" damit zeichnete ("Indianer kommen normalerweise mit dem Kanu").


Quelle: teleschau – der Mediendienst
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