29.05.2015 "Tatort" Münster

"Tatort: Erkläre Chimäre": Champagner, aber nicht für das Hochzeitspaar

von Detlef Hartlap
Ein trautes Paar? Prof. Boerne (Jan Josef Liefers) und Kommissar Thiel (Axel Prahl) spielen ein schwules Ehepaar, weil Boernes schwuler reicher Erbonkel Gustav aus Florida zu Besuch kommt.
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Ein trautes Paar? Prof. Boerne (Jan Josef Liefers) und Kommissar Thiel (Axel Prahl) spielen ein schwules Ehepaar, weil Boernes schwuler reicher Erbonkel Gustav aus Florida zu Besuch kommt.  Fotoquelle: WDR/Martin Valentin Menke

Starke Schauspieler bei stark nachlassender Gag-Dichte. Wer schreibt mal ein richtig gepfeffertes Drehbuch für Axel Prahl und Jan Josef Liefers?

Mord? Ja, klar, den gibt's auch. Ein gewisser Luiz Bensao – den Namen vergisst man sofort wieder, weil er keine Rolle spielt – wird tot aufgefunden. Mordaufklärung? Kommt vor. Schreitet voran. Ist nebensächlich.

Wir befinden uns wieder einmal in Münster, der Hauptstadt der abstrusen Fernsehkrimis. Bei "Wilsberg" geht es ja schon ziemlich albern zu, aber die Tatort-Folgen aus der Stadt der Wiedertäufer und eines unaufsteigbaren Fußballvereins ("Preußen" Münster) erreichen, je nach Folge, höchste Plemplem-Werte.

Und höchste Zuschauerwerte.

Was übrigens ein Indiz dafür ist, dass Deutschland im Ganzen anders tickt als Sigmar Gabriel oder Volker Kauder, als es die ängstlichen Vorbehalte gegen die Homo-Ehe vermuten lassen oder auch das kaltschnäuzige Festhalten an den Zuständen in Massentierhaltungsbetrieben.

Apropos Homo-Ehe. Thiel und Boerne geben sich das Ja-Wort. Endlich. Ein schönes Paar. Aber wie es die Steinzeit-Fraktion der CDU will, handelt es sich um ein Ja-Wort als ob ... Nur so zum Schein. Kein Pastor erteilt den Segen. Thiel und Boerne geben sich als Eheleute, weil doch Boernes Erbonkel aus Florida im Anflug ist (gespielt vom alten Schmalzier Christian Kohlund, der diesmal Gustav von Elst heißt). Der Erbonkel ist ein bekennender Schwuler und vererbt nur an ebensolche. Glaubt jedenfalls Boerne, der ewige Opportunist. 

Die Schwulität bleibt eine wohlfeile Klamotte ohne Esprit

Nun muss man allerdings feststellen: Die Hochzeitsnummer zündet nicht ganz so, wie von den Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter erhofft. Das Darstellerpaar Axel Prahl und Jan Josef Liefers gibt sich alle Mühe, daran liegt es nicht. Die Beiden könnten auch ihre eigene Beerdigung spielen, begnadete Komödianten, die sie sind. Aber die Schwulität bleibt eine wohlfeile Klamotte ohne Esprit, ohne wirkliche Gefährdung des schönen Scheins. Ein alter Hut.

Besser gefällt der Luftröhrenschnitt, der zum Slapstick wird. Thiel droht zu ersticken, er hat sich an den Frechheiten Boernes verschluckt – und Boerne setzt mit dem Obstmesser zum rettenden Eingriff an. Der Gag? Besteht in Boernes ungebremstem Redeschwall und Thiels vergeblicher Gegenwehr im Zustand der Hilflosigkeit.

Nicht zum ersten Mal wünscht man sich, dass Prahl und Liefers einmal ein Drehbuch von annähernd Billy-Wilder-Format zuteilwürde. Rede und Gegenrede wie aus der Pistole geschossen, jedes Wort gemein oder wenigstens treffend. Vielleicht wären sie so gut, wie wir Walter Matthau und Jack Lemmon in Erinnerung haben. Vielleicht sogar besser?

Beschäftigungsgarantie mit nachlassender Gag-Dichte

Doch die Aufträge zu Tatort-Drehbüchern werden, so scheint es, im immer gleichen Kreis vergeben. Eine Art Beschäftigungsgarantie mit nachlassender Gag-Dichte. Cantz und Hinter liefern hier ihren neunten Münster-Tatort ab.

Und so wie es rüberkommt, leben nicht Prahl und Liefers von den Gags der Autoren, sondern umgekehrt: Die Autoren dürfen sich in der Schauspielkunst von Prahl und Liefers sonnen, die selbst die schwächste Pointe noch ein wenig anspitzen.

Der Umgang mit Pointen ist ein großes Thema in diesem Tatort. Beim Titel "Erkläre Chimäre" handelt es sich um einen alten Schülerspruch, der in den Sechzigerjahren auf jener Anstalt kursierte, die man damals "Penne" nannte. Was eine Chimäre ist, wird (von Boerne) umständlichst erklärt. Interessanter ist der Umgang des Münster-Ensembles mit schlechten Gags. Zur Feier der Beförderung von Nadeshda Krusenstern (deplatziert wie immer: Friederike Kempter) wird heftig dem Wodka zugesprochen, was Thiel zu der erstaunlich unbesoffenen Feststellung veranlasst: "Jetzt ein Doppelmord, dann würde ich gleich vier Leichen sehen."

Darauf Boerne, lallend: "Vier Leichen, das ist gut. Das ist guuut."

Oder Vadder Thiel, der Taxifahrer. Er schwärmt von seiner Kollegin Tine Haemmer und nennt sie: "nen Hammer!"

Da macht Boerne ganz große Augen und prustet: "Das ist schon eher ein Vorschlaghammer!"

"Vorschlaghammer?", überlegt der alte Thiel, "das ist gut. Das merk ich mir."

Nein, der Gipfel des Fernsehhumors ist der Münster-Tatort nicht (oder nicht mehr). Aber die Quoten werden wieder exorbitant gut sein. Wie gut, darüber entscheidet auch das Wetter. Für Sonntag ist schönes Wetter angesagt. Also eher nur elf als zwölf Millionen Zuschauer.  

Die große Sunnyi Melles als verdatterte Weinhändlerin

Geht es eigentlich auch um was? Jein. Sechs Pullen Champagner aus einem Wrack, das vor Kuba liegt, tauchen in Münster auf. Sie stammen aus dem Jahr 1829, sehen aber aus wie frisch von Lidl. Boerne strahlt sie trotzdem im Zustand höchster Verzückung an. Sunnyi Melles, ja, die große einmalige Sunnyi Melles, gibt hier eine etwas verdatterte Weinhändlerin und zwischenzeitliche Herrin des Champagners. Eine Piefrolle.

1983 war sie schon einmal im Tatort zu sehen. In der Titelrolle "Miriam". Sie war ein Faszinosum. Unerklärbar. Vor allem für einen wie Schimanski, der ihr nicht beizukommen vermochte.

In der Zwischenzeit ist sie zur Grande Dame des deutschen Theaters avanciert. Die Fernsehserie, in der sie zuletzt eine tragende Rolle spielte, ist viel zu gut, als dass sie von ARD oder ZDF auch nur in Erwägung gezogen würde. In David Schalkos "Altes Geld" spielt sie – grandios – die sexbesessene Gattin eines sterbenden Industriellen.

Warum sie sich diesen Tatort angetan hat? Erkläre Chimäre!

Lesen Sie hier: Der große "Tatort"-Check: Das Theater der Publikumslieblinge

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