Eine gewöhnliche Musikdoku ist "The Defiant Ones" nicht. Allein die Länge ist episch. Viereinhalb Stunden, verteilt auf vier Folgen, dauert die HBO-Produktion, die ab 23. März 2018 in Deutschland exklusiv bei Netflix zu sehen ist. Zu lang ist die Dokumentation aber nicht. Mit Dr. Dre und Jimmy Iovine porträtiert sie schließlich zwei Protagonisten, die als Produzenten, Rapper und umtriebige Unternehmer Rock und HipHop prägten und der Popkultur ihren Stempel aufdrückte. Kraftvolle, faszinierend und nicht immer einfache Typen: "defiant" bedeutet "aufsässig, trotzig".

Dr. Dre und Jimmy Iovine, das ist eine künstlerische und geschäftliche Mischung, gegen die Nitroglycerin wie ein Milchshake wirkt. Dass sich die beiden in den 1990er-Jahren gefunden haben, hat die Musikindustrie nachhaltig beeinflusst. Bono, Eminem, Stevie Nicks, Ice Cube, Gwen Stefani, Tom Petty, Trent Reznor, Snoop Dogg, Bruce Springsteen, P. Diddy und will.i.am – sie alle ziehen in der mit dem Grammy für den besten Musikfilm ausgezeichneten Doku mehr oder weniger ihren Hut.

Dr. Dre, Jahrgang 1965 und bürgerlich André Romelle Young, wuchs in Compton auf, diesem Vorort von Los Angeles, der damals einfach nur eine Hölle war. Dort erfand Dre den Gangsta-Rap, zusammen mit Ice Cube und Eazy-E. Er revolutionierte den HipHop mit seinem Solo-Debüt "The Chronic" und schenkte der Welt Entdeckungen wie Snoop Dogg, Eminem and 50 Cent.

Jimmy Iovine, Jahrgang 1953, wurde auf der anderen Seite der Vereinigten Staaten geboren. Der New Yorker Arbeitersohn hat schon in den frühen Tagen seiner Karriere Alben von Bruce Springsteen, Tom Petty, John Lennon, Patti Smith und U2 produziert.

Auch dunkle Kapitel werden behandelt

Dass man solchen Typen mit einer gewissen Ehrfurcht begegnet, ist nachvollziehbar. "The Defiant Ones" ist ein glänzender, rasanter, ambitionierter und oft unterhaltsamer Vierteiler über Erfolge und Misserfolg, über kreative Brillanz und unzähmbare Energie. Regisseur Allen Hughes ("Menace II Society") erstarrt aber nicht zur Salzsäule: Er lässt auch die dunklen Kapitel nicht aus. Dr. Dres Prügelattacke auf eine Fernsehmoderatorin etwa oder den Tod seines Sohnes.

Hughes erzählt mit dem Blick für Details aber auch dem Wissen, dass niemand, schon gar nicht aus Compton oder Brooklyn, vor der Kamera alles preisgibt. Offiziell bleiben ein paar Geheimnisse, aber dank einer cleveren Montage, erfährt man trotzdem mehr, als Dr. Dre und Jimmy Iovine verraten. Und das ist oftmals sehr persönlich und steht im krassen Gegensatz zu der furiosen Eröffnungssequenz, in der es um den Milliardendeal geht, den Dr. Dre und Jimmy Iovine 2014 machten, als sie ihre Kopfhörer- und Streaming-Firma "Beats" an Apple verkauften.


Quelle: teleschau – der Mediendienst