Mike Tyson fuchtelt ungeschickt mit einer Schrotflinte herum, um sich zu erschießen. Es knallt, dann Stille. Der Selbstmordversuch misslingt spektakulär. Von Beginn an hält die kanadisch-deutsche Tragikomödie "Coconut Hero" (2015), die das Erste nun in einer Wiederholung zu später Stunde zeigt, mit lakonischer Todessehnsucht nicht hinterm Berg. Mit ironischen Winks ebenso wenig: Natürlich handelt es sich bei dem suizidgefährdeten Protagonisten nicht um den Ohrbeißer-Boxer, sondern um einen gleichnamigen Provinz-Teenager. Dessen Coming-of-Age-Geschichte erzählt Florian Cossen in seinem zweiten Kinofilm nach dem hochgelobten Debüt "Das Lied in mir".

Mike Tyson also. Selbstverständlich wird die 16-jährige Hauptfigur in "Coconut Hero" in der Schule ausgiebig gehänselt und regelmäßig zu Boxkämpfen herausgefordert. Überhaupt erweist sich das Leben des Heranwachsenden als trostlos: In einem Kaff im letzten Winkel Kanadas wohnt Mike (Alex Ozerov) bei seiner alleinerziehenden Mutter (Krista Bridges) und fristet, von Hinterwäldlern umgeben, eine bemitleidenswerte Existenz. Sicher: Wie jeder Teenager in der Provinz bemitleidet er vor allem sich selbst. Und entscheidet konsequenterweise, sterben zu wollen.

Doch der Selbstmord will einfach nicht gelingen. Einmal mehr "hilft" Todesengel Zufall: Nach dem Erschießungsversuch checken die Ärzte Mike im Krankenhaus noch einmal von oben bis unten durch – und siehe da: Ein prächtiger Hirntumor hat sich im Kopf des Sterbewilligen eingenistet! Mike ist glücklich. Darf er doch endlich sterben, und das gar ohne sein Zutun. Eine Ausgangslage, die das Publikum entzweien dürfte: Muss derlei Morbidität denn sein? Oder aber: Sterbenwollen und Krankheit endlich mal ohne Moralquatsch!

Liebliche Tristesse und hübsche Landschaften

Jener verheißungsvolle Beginn weicht bald der Ernüchterung – zumindest für alle Freunde schwarzen Humors. "Coconut Hero" wandelt sich recht schnell von einer bitterbösen Psycho-Satire zum süßmelancholischen Wohlfühl-Geklimper. Das äußert sich vor allem in nett fotografierten Bildern lieblicher Tristesse und hübscher Landschaften.

Inmitten der nach dutzenden Filmen dieser Art nicht mehr taufrischen Szenerie lernt Mike nun natürlich das Leben wieder zu schätzen. Befreit von seiner zwanghaften Todessehnsucht läuft ihm die ältere Miranda (Bea Santos) über den Weg. Die ist – wie sollte es anders sein – very charming und völlig abgedreht. Und ändert, na klar, Mikes Blick auf Leben und Tod.

Was folgt, sind eine humorig urkitschige Liebesgeschichte für Hipster, ein schwermütiger Instagram-Roadtrip und ein vor neoromantischer Kulisse gezündetes Feuerwerk pseudophilosophischer Teenie-Lebensweisheiten im Hashtag-Format. Charmant gibt sich "Coconut Hero" dabei allemal – nur leider auch ebenso larmoyant wie irrelevant.


Quelle: teleschau – der Mediendienst