"The Investigation"

Serie über den Mord an Kim Wall wählt ungewöhnlichen Ansatz

von Eric Leimann

Der schaurige Mord an der Journalistin Kim Wall bewegte 2017 die Welt. Tobias Lindholm (Oscar-nominiert für "A War") hat aus dem Stoff eine grandiose Miniserie gemacht. 

Der Tod der schwedischen Journalistin Kim Wall, die von einem selbst gebauten U-Boot des dänischen Erfinders Peter Madsen verschwand, geriet im Sommer 2017 zum Kriminalfall, der die Welt bewegte. Die Leiche der jungen Frau blieb quälend lange verschwunden. Angehörige bangten darum, dass Kim Wall vielleicht noch am Leben wäre. Gleichzeitig gab es immer wieder neue Versionen des Hauptverdächtigen, was passiert war. Und dann dieses Setting: Eine Frau steigt zu einem Fremden in ein selbst gebautes Unterwasserfahrzeug – und liefert sich ihm aus: ein Stoff, der Fantasien beflügelt. Ab Donnerstag, 28. Januar, ist die Serie "The Investigation – Der Mord an Kim Wall" bei TVNOW zu sehen.

Im Gegensatz zur aufs makabre Spektakel setzenden Weltpresse wollte der dänische Autor und Regisseur Tobias Lindholm eine andere Geschichte erzählen. Der für das Afghanistan-Drama "A War" Oscar-nominierte Serienmacher erzählt die Boulevard-Aufreger-Geschichte ungeheuer präzise und in ruhigen Bilden als Polizei- und Angehörigen-Drama. In sechs Folgen à etwa 45 Minuten sieht man dem Leiter der Kopenhagener Mordkommission dabei zu, wie er stoisch an der Lösung des eigentlich ziemlich zähen Falls arbeitet. Jens Møller, der wie alle anderen Figuren so heißt wie im echten Leben, wird von Søren Malling gespielt, den man aus der dänischen Politserie "Borgen" als Chefredakteur der Nachrichtensendung kennt.

Malling verkörpert den im Privatleben ungeheuer wortkargen Ermittler so zurückgenommen, dass man sich als Zuschauer von Serien, in denen es mehr kracht – und das dürften die meisten sein -, erst mal gewöhnen muss. Fast scheint es, als hätte Tobias Lindholm die Ermittlungen Møllers in Echtzeit aufgeschrieben und abgefilmt, so detailreich wird hier Polizeiarbeit geschildert. Doch es bleibt nicht beim quasidokumentarischen Ermittlerfilm. Lindholm nutzt seine drei Stunden, um in großartig gespielten Szenen neben dem Fall auch die Sprachlosigkeit und Trauer jener auszuloten, die einen Menschen verloren haben oder sich über die ständige Beschäftigung mit menschlichen Abgründen manchmal selbst nicht mehr wiederfinden.

Auf langen Autofahrten oder einsamen Jagdpartien sieht man dem ansonsten dauertelefonierenden Kommissar direkt in die Seele, wenn das Handy mal für einige Minuten Ruhe gibt. Dass ihn die Trauer der schwedischen Eltern – prominent besetzt mit Pernilla August ("Star Wars") und Rolf "Wallander" Lassgård – an die Entfremdung von der eigenen erwachsenen Tochter denken lässt, all dies wird hier in Dialogen und Szenen nur wunderbar subtil angedeutet und dem Zuschauer eben nicht mit dem Dampfhammer beigebracht.

Tobias Lindholm, 43, ist momentan der vielleicht begehrteste Autor Dänemarks. Seine Referenzen sind Drehbücher für mit Preisen überhäufte Filme wie "Die Jagd" oder zuletzt "Der Rausch" (Europäischer Filmpreis 2020, beides mit Thomas Vinterberg). Auch für internationale Serien wie das Netflix-Produkt "Mindhunter" hat er schon gearbeitet, allerdings als Regisseur. Sein Ansatz für "The Investigation – Der Mord an Kim Wall" ist fesselnd, weil er das in der Realität hochgepitchte Drama auf einen fast schon elegischen Ermittlungsfilm sowie menschliches Drama herunterbricht – und so mit der Zeit ganz große Emotionen erzeugt.

Eine Andacht für die Arbeit der Ermittler und Helfer

Ein entscheidender Beitrag dürfte die nicht unbedingt zu erwartende Mitarbeit des echten Ermittlers Jens Møller sowie der Opfer-Eltern, Ingrid und Joachim Wall gewesen sein. Offenbar war es allen Beteiligten ein Anliegen, die lange, quälende Suche nach dem toten Körper und Details des Tathergangs als humanistisches Monument der Wahrheitsfindung zu festzuhalten. Weil die Figuren – über sämtliche Schmerzgrenzen des Aushaltbaren hinaus – so hart daran arbeiteten, die Wahrheit herauszufinden, entstanden Freundschaften und ein kollektives Gefühl des Trosts und der gegenseitigen Unterstützung, die man in der Serie zu spüren glaubt.

Am besten kann man dies verstehen, wenn man die im Grunde aussichtslose Suche nach Leichenteilen im Öresund zwischen Dänemark und Schweden in den Fokus rückt, die in den ersten beiden Folgen breiten Raum einnimmt. Als Madsens selbst gebautes U-Boot vom Grund gehoben wird, sieht man das echte Bergungsschiff und die echte Taucher-Crew. Sogar schwedische Leichenhunde "spielen" sich selbst – genau wie der echte Vierbeiner der Familie Wall als Hund ihrer Seriencharaktere bellt.

Mit seinem Dreh vorwiegend an Originalschauplätzen und einem enigmatischen Cello-Soundtrack (Tonsgaard Sørensen) schafft Lindholm fast so etwas wie eine Andacht für die Arbeit der Ermittler und Helfer, die der Schicksalsgemeinschaft half, "das Dunkel zu überwinden und wieder ins Licht zu finden", wie er selbst sagt. Klingt ein bisschen evangelisch, ist aber in der Serienumsetzung ein echter Spannungs-Slow-Burner. Einer, der lange nachhallt, wenn man sich auf die skandinavisch zurückhaltende Stimmung und den Zauber des langen Augenblicks einlässt.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
Das könnte Sie auch interessieren