Kultregisseur Terry Gilliam spricht im Interview über seinen neuen Film "The Man Who Killed Don Quixote" und erzählt, warum die Arbeiten daran ein Vierteljahrhundert gedauert haben.

Terry Gilliam empfängt im schicken Ambiente des Bayerischen Hofs in München zum Interview. So richtig will der Regisseur nicht hierher passen, mit seinem knallbunten Hemd und dem ergrauten Vokuhila. Egal. Gilliam, Mitbegründer von Monty Python und Regisseur von Meisterwerken wie "Die Ritter der Kokosnuss", "Brazil" und "12 Monkeys", wirkt zwar etwas müde, ist aber verdammt gut gelaunt. Vielleicht liegt es ja daran, dass der 77-Jährige über seinen neuen Film "The Man Who Killed Don Quixote" endlich in der Vergangenheitsform sprechen darf. Denn nach rund 25 ziemlich chaotischen Jahren läuft die Cervantes-Verfilmung endlich in den Kinos – ab dem 27. September auch in Deutschland. In seinem Film schickt Gilliam Jonathan Pryce als modernen Don Quixote durch das Spanien von heute. Unterwegs begegnet er dem Werbefilmer Toby (Adam Driver), den er für seinen Sancho Panza hält.

prisma: Mister Gilliam, Sie müssen unendlich erleichtert sein, dass Ihr Film endlich fertig ist!

Terry Gilliam: Tja, es hat etwas länger gedauert als geplant (lacht). Ich fände es toll, wenn jemand ein Buch über diese letzten 25 Jahre schreiben würde. Ich habe all die schlechten Dinge, die passiert sind, nämlich glücklicherweise vergessen. Die Produzenten, die ich während der vielen Jahre traf, waren Fantasten. Jeder sagte: "Ich kann den unmöglichen Film möglich machen!" Und jeder Einzelne von ihnen ist gescheitert. Einmal hatten wir mit einer Frau zu tun, die behauptete, sie habe Geld, das während der Revolution in Tunesien gestohlen wurde und das sich nun in Zürich befände. Also taten wir alles, um an dieses Geld heranzukommen. Irgendwann stellte sich heraus, dass es von einem Mann stammte, dem 15 Prozent des weltweiten Mineralienreichtums gehören. Dann sollte das Geld aber nicht über sein eigenes Konto fließen, sondern über das seiner Tochter. Mit so einem Nonsens mussten wir uns jahrelang herumschlagen!

prisma: Nach all den Anstrengungen müssten Sie sich selbst wie Don Quixote fühlen, der gegen Windmühlen gekämpft hat.

Gilliam: Ich bin vor allem erschöpft. Ich fühle mich mehr wie Sancho Panza als wie Don Quixote. Die Menschen denken immer, ich wäre der Verrückte, aber das stimmt nicht. Ich bin der Sensible. Das Verrückte war nur meine Obsession, den Film durchzuziehen. Aber ich habe auch immer sehr pragmatisch gedacht: Woher bekommen wir das Geld? Wie lösen wir technische Probleme? Nicht ich bin verrückt – der Film ist es!

prisma: Wieso haben Sie nie aufgegeben?

Gilliam: Ich weiß es nicht. Die Leute sagten mir andauernd: Hör auf, vergiss es, du wirst das Geld nicht bekommen. Aber ich mag keine vernünftigen Menschen. Wenn jemand "Nein" sagt, sage ich "Warum?". Wenn ich mich hinsetze und alles überdenke, dann macht es keinerlei Sinn. Ich dachte an Orson Welles, der ja auch mit seinem "Don Quixote" gescheitert ist: Ich werde zwar nie ein so guter Regisseur sein wie er, aber immerhin den verdammten Film zu Ende bringen! Ich wollte es allen zeigen und einfach durchziehen.

prisma: Jetzt, da der Film fertig ist – ist er so geworden, wie Sie ihn sich vorgestellt hatten, als Sie vor vielen Jahren mit den Arbeiten begannen?

Gilliam: Nein. Es ist ein viel besserer Film geworden. Er ist das Ergebnis all der Zeit, die vergangen ist, und der vielen Dinge, die ich überdacht habe. Ich habe vieles immer wieder neu geschrieben, weil mich das Drehbuch gelangweilt hat, je öfter ich damit gearbeitet habe. Außerdem wollte ich den Film billiger machen. Also entschied ich mich dafür, Toby nicht ins 17. Jahrhundert reisen zu lassen, sondern im Hier und Jetzt zu bleiben. So mussten wir uns keine Sorgen machen, dass plötzlich Satellitenschüsseln im Bild auftauchen!

prisma: Toby, gespielt von Adam Driver, ist ein ehrgeiziger Werbefilmer. Steckt etwas von Ihnen in dieser Figur?

Gilliam: Jedes Mal, wenn ich Werbefilme gedreht habe, dachte ich mir: nie wieder! Ich kenne so viele Leute, die vom Geld, das man damit machen kann, korrumpiert wurden. Bei meinem letzten Werbespot, das war 2002, bekam ich für zehn Drehtage mehr Geld, als ich mit "Don Quixote" in all den Jahren machte. Für mich muss ein Film etwas aussagen, das noch nie jemand zuvor gesagt hat. Und das kann man nicht, wenn man einen Werbespot für Hundefutter dreht!

prisma: Sie begannen mit dem Projekt im Jahr 1989. Seitdem hat sich die Welt enorm verändert ...

Gilliam: Ich wollte einfach nur eine gute "Quixote"-Geschichte drehen. Aber wenn ich "Brazil" für das Jahr 2020 machen würde, wüsste ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Die Welt ist chaotisch geworden, der Wahnsinn herrscht. Alles wird immer kindischer. Ich musste kürzlich bei einem Interview meinen Film mit Emojis beschreiben. Das ist Babykram, was soll das? Was ist nur aus uns geworden?

prisma: Wie sind Sie mit dem Druck umgegangen? Nach so langer Zeit wurde der Film schließlich zu einer Art Mythos ...

Gilliam: Ich glaube, dass der Film viel besser ist, als wir es damals gekonnt hätten. Er ist vielschichtiger, die Besetzung ist großartig – I didn't fuck it up too badly! Was mir Angst machte, war nicht, ob ich einen Film machen würde, der es wert war, so viele Jahre meines Lebens zu verbrauchen. Ich hatte Angst vor den Erwartungen der Menschen. In den letzten Wochen des Drehs war ich richtig niedergeschlagen, weil ich glaubte, dass der Film nicht interessant genug werden würde. Das Gute am Film aber ist: Man steht jeden Tag auf, geht an die Arbeit und ist bald nur noch damit beschäftigt, den Tag zu überleben!

prisma: Hatten die Schauspieler und das Team Sorgen, an einem Projekt mitzumachen, das schon so oft gescheitert ist?

Gilliam: Im Gegenteil! Seltsamerweise wollten die Leute unbedingt mitmachen. Teile der Crew haben auf die Hälfte ihres normalen Gehalts verzichtet. Es ist interessant, wie dieser Wahnsinn die Menschen angezogen hat. Einige aus der Crew waren sogar schon bei den früheren Drehs dabei.

prisma: Auch andere Projekte von Ihnen wurden nie realisiert. Glauben Sie, dass ein Fluch auf Ihnen liegt?

Gilliam: Ich glaube, dass das Filmemachen sehr schwer ist. Wenn ich meine Filme für weniger als zehn Millionen machen könnte – kein Problem. Aber "Don Quixote" hat 16 Millionen gekostet. So viel Geld bekommt man nur schwer zusammen. Glücklicherweise gab es eine Dame (Produzentin Alessandra Lo Savio, d. Red.), die den Film unbedingt sehen wollte, also gab sie uns drei Millionen Dollar. Wir tanzten dann gemeinsam über den roten Teppich in Cannes. Es ist doch schön, wenn jemand, der Geld hat, damit kein wertvolles Gemälde kauft, sondern einen Film finanziert.

prisma: Gibt es Projekte, von denen Sie momentan träumen?

Gilliam: Ich will nur, dass "Don Quixote" überall gut anläuft. Es ist schwer, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Ich falle nach jedem Film für einige Zeit in ein Loch. Ich sitze daheim und frage mich, was ich hätte besser machen können. Man muss den Boden berühren, bevor man wieder aufstehen kann. "Don Quixote" ist mein letzter Film. Aber ob es mein finaler Film wird, weiß ich noch nicht. Es gibt zwei Filme, die ich schon immer in meiner Version machen wollte, bevor ich tot bin: "Amarcord" von Federico Fellini und "Fanny und Alexander" von Ingmar Bergman.

prisma: Bei Cervantes sagt Don Quixote zu Sancho Panza einmal: "Fakten sind die Feinde der Wahrheit." Sehen Sie das auch so?

Gilliam: Wir leben in einer Welt der Illusion; die Art, wie wir Dinge wahrnehmen. Fakten und Wirklichkeit bekommt man nur schwer zum Greifen. Vor allem, wenn man die Nachrichten verfolgt. Ich glaube nur an Dinge, die ich aus erster Hand weiß. Immer, wenn ich in der Presse einen Artikel über mich oder einen Freund finde, hat das nichts mit der Wahrheit zu tun. Ich habe ein Problem damit, wie sich Geschichten ändern. Ich habe keine Ahnung, was im Weißen Haus vor sich geht. Ich lese Bücher darüber, aber ich weiß nicht, was wirklich passiert – oder wie man es in Ordnung bringt.

prisma: Sie sind in den USA geboren, besitzen heute aber die britische Staatsbürgerschaft ...

Gilliam: Ich verspüre keinerlei Verlangen, wieder in die Staaten zurückzukehren. Ich habe meine Staatsbürgerschaft aufgegeben, als George W. Bush wiedergewählt wurde. Danach konnte ich mich jedes Jahr nur noch 30 Tage in den USA aufhalten. Seit 2016 bin ich 100-prozentiger Brite. Und dann stimmten wir für den Brexit. Fuck! Wir sind in Europa! Großbritannien ist Europa. Aber irgendwie hat sich Theresa May von Donald Trump verführen lassen. Auch hier in Bayern passiert es: "Lasst uns die Lederhosen anziehen und jeden draußen halten, der kein Bayer ist!" Das ist Bullshit. Das wird nicht funktionieren. Die Flüchtlinge, die den ganzen Weg aus Syrien zu Fuß zu uns gekommen sind, sollen faul sein? Geht's noch? England ist ein Einwanderungsland – ich bin ja selbst eingewandert!


Quelle: teleschau – der Mediendienst