Sunrise-Avenue-Frontmann Samu Haber kommt mit seiner Band bald auf Deutschland-Tour – und sitzt auch wieder in der Jury von "The Voice of Germany". Wir haben mit dem Finnen über seine Musik, sein Land und die neue, siebte Staffel der beliebten Casting-Show gesprochen.

Samu, wenn Menschen über unser Jahrzehnt nachdenken, wird ihnen eine Menge einfallen: Politik, Umwelt, Wirtschaft – aber an Herzschmerz, an ein "Heartbreak Century" werden nur die wenigsten denken. Warum habt ihr euer Album so genannt?

Wir nennen unsere Alben immer nach einem der Songs darauf, und das war in diesem Fall "Heartbreak Century". Natürlich sind Politik, Wirtschaft oder der Klimawandel Dinge, die Menschen beschäftigen, aber uns ging es um diese Unmenge an Möglichkeiten, die wir alle haben und die uns Menschen ein Stück weit rastlos macht, ruhelos. Es gibt Milliarden von Möglichkeiten für alles. Da ist es schwer, eine Entscheidung zu treffen, und wir haben oft Angst etwas zu verpassen.

Rastlos passt von außen betrachtet auch auf dich. Folgt man dir auf Instagram, bekommt man den Alltag eines Jetsetters zu sehen: heute Helsinki, morgen Berlin, übermorgen Zürich ...

Das stimmt, aber ich bin nicht rastlos, ich habe einfach einen Job, für den ich viel reisen muss. Das ist schon ein großer Unterschied.

Was genau meinst du dann mit dem Song?

Vielen Menschen fällt es schwer innezuhalten und sich auf den Moment zu konzentrieren, sich einfach mal umzuschauen, zu atmen und ihr Smartphone und solche Dinge zu vergessen. Stattdessen sind sie ständig mit allem und jeden Kontakt. Das meine ich.

Ihr geht mit dem Album natürlich auch auf Tournee, und nach Deutschland kommt ihr gleich mehrfach, zuerst in kleinere Hallen, 2018 dann in die großen Arenen. Warum?

Der erste Teil ist eine Club-Tour, so etwas wie eine Album-Release-Tour, was viele Bands heute nicht mehr machen. Auch wir haben ja in den letzten Jahren eher in großen Hallen und auf Festivals gespielt und nicht in kleinen Clubs. Das haben wir schon vermisst. Außerdem finde ich, es fühlt sich großartig an, für ein kleineres Publikum zu spielen. Gerade mit neuen Songs ist es toll, wenn einem die Leute etwas näher sind. Aber natürlich freuen wir uns dann auch auf die großen Arenen, die hoffentlich genauso voll sein werden.

Was ist dir persönlich lieber? Die kleine Show oder der ganz große Auftritt?

Wenn du nur in kleinen Clubs spielst, träumst du von den großen Hallen. Und wenn du nur in den großen Hallen spielst, fehlt dir dieses Gefühl, jeden in Publikum sehen und spüren zu können.

In großen Arenen zu spielen, heißt heute ja auch mithalten zu können mit anderen großen Bands und ihren Shows. Setzt euch das unter Druck?

Nein, nicht wirklich. Jede Band macht da ihr eigenes Ding. Natürlich gibt es etwas, das jemand wie Bruno Mars hat, das wir nicht haben, aber das gilt andersherum auch. Manche haben vielleicht auch ein größeres Budget, aber darum geht es gar nicht. Musik ist ja kein Wettbewerb.

Hört man sich das neue Album an, hat sich eure Musik durchaus weiterentwickelt. Auf der einen Seite findet man neue Einflüsse, beispielsweise aus dem Folk, auf der anderen Seite wirken einige Songs auch eingängiger, partytauglicher. Wie zufrieden bist du mit dem Sound?

Ich finde, es ist mit Abstand das beste Album, das ich bis jetzt gemacht habe. Ich hatte dieses Lederjacken-Rock-Ding ehrlich gesagt ein bisschen satt. Eigentlich war ich so nie und nachdem das letzte Album etwas rockiger war, wollte ich etwas anderes machen. Auch das neue Album hat eine Menge Energie, aber es geht mehr in Richtung Singer-Songwriter, vielleicht auch Richtung Folk. Aber ich plane so etwas nicht, ich folge meinem Gefühl. Und so wie "Heartbreak Century" geworden ist, fühlt sich Sunrise Avenue für mich gerade an. Die Songs sind sehr entspannt, deshalb wäre es dumm gewesen, sie mit schweren Schlagzeug- und Gitarrenklängen kaputt zu machen. So wie es geworden ist, fühlt sich das Album sehr natürlich an und jetzt, wo wir gerade für die Tour proben, freue ich mich riesig darauf, sie live zu spielen.

Und das Album funktioniert sowohl in kleinen Clubs als auch in großen Hallen?

Das werden wir sehen. Natürlich ist es immer eine Herausforderung, mit neuen Songs auf Tour zu gehen, aber ich war nie so zuversichtlich wie jetzt. Ich glaube, das wird super, super cool.

Finnland ist ein Land mit einer reichen Kultur, literarisch, aber auch musikalisch. Eure Musik aber würde ich eher als international bezeichnen. Reizt es Euch nicht manchmal, mehr Finnland in Eure Musik zu lassen?

Ich finde, es ist eine Menge Finnland in unserer Musik! Natürlich sind die Melodien sehr poppig, unsere Musik ist Popmusik, aber ich bin hier aufgewachsen und man hört, dass da ein Finne singt und dass ein Finne die Songs geschrieben hat. Aber ich denke darüber nicht groß nach. Musik ist für mich nichts Technisches, am Ende passiert das alles einfach. Wenn du anfängst Musik zu planen, ist das so als würdest du planen ein Baby zu machen. Aber du musst es einfach tun: Musik machen, Liebe machen – und am Ende wird etwas dabei rumkommen. Folge deinem Bauchgefühl!

Du hast in einem Interview mal gesagt, Finnland sei Deutschland sehr ähnlich. Dabei gibt es in der Mentalität doch einige Unterschiede, oder nicht?

Wirklich? Vielleicht, wenn du alte Kaurismäki-Filme guckst oder ein Kimi-Räikkönen-Interview. Aber sonst? Ich meine: Schau mich an, wenn ich bei "The Voice" sitze. (lacht) Beide Länder haben eine protestantische Geschichte, wir haben ähnliche Gesellschaften, in denen wir aufeinander Rücksicht nehmen, und beide Länder sind nicht gerade Badeparadiese. Ich finde, wir haben viel gemeinsam. Dieses Vorurteil beispielsweise, dass die Finnen so introvertiert sein, stimmt überhaupt nicht. Und mal ehrlich: Gehen die Deutschen so wahnsinnig oft aus sich heraus? Natürlich kommen solche Klischees irgendwo her, und vor 30 oder 40 Jahren sah die Welt vielleicht noch anders aus, aber heute sehe ich schon sehr viele Gemeinsamkeiten.

Ist das also eine Generationenfrage?

Vielleicht, aber vor allem wird diese Welt insgesamt doch ohnehin immer homogener. Dazu kommt aber, dass es überall Unterschiede gibt. München und Leipzig sind völlig verschieden. Und selbst in Berlin-Mitte und Kudamm triffst du völlig unterschiedliche Leute.

Nun beginnt am 19. Oktober 2017 die siebte Staffel von "The Voice of Germany", bei der du wieder als Juror dabei sein wirst. Allerdings hast du bis jetzt nie gewinnen können. Wie groß ist der Druck?

Ehrlich?

Natürlich!

Es wäre schon schön, aber ob ich gewinne oder nicht, ist keine Frage, die mich außerhalb des The-Voice-Studios wirklich beschäftigt. Doch natürlich würde ich mich freuen, als Finne, der kaum eure Sprache spricht, eine deutsche Show zu gewinnen und die finnische Flagge im Studio zu schwenken. (lacht) Und mal ehrlich: Ich mache jetzt zum vierten Mal mit. Es wäre an der Zeit.

Unabhängig vom Sieg: Bist du noch in Kontakt zu Talenten der ersten Staffeln?

Ja, natürlich, auch wenn es am Anfang einer Staffel 20 Talente sind und man nicht zu jedem einen engen Draht haben kann. Aber sogar mit einigen Talenten meiner ersten Staffel habe ich noch Kontakt, vor allem mit denen, die es in die Live-Shows oder weiter geschafft haben. Jeder von ihnen hat sein eigenes Leben, aber ich habe allen versprochen, dass sie mir schreiben oder mich anrufen können, wenn sie eine Frage zum Musik-Business haben.

Versuchst du, ihnen Hilfestellung oder Ratschläge zu geben?

Das kann ich gar nicht wirklich, aber wenn sie meine Meinung hören wollen, gerne.

Neben Yvonne Catterfeld und den zwei Fantas wird in dieser Staffel auch Mark Forster dabei sein und Andreas Bourani ersetzen. Was ist er für ein Typ?

Oh, er ist großartig! Es ist schwer, ihn mit Rea Garvey oder Andreas Bourani zu vergleichen, aber er ist der witzigste Typ, den ich je im Fernsehen gesehen habe, ein echter Comedian! Dazu kommt, dass er schon bei "The Voice Kids" mitgemacht hat und deshalb weiß, worauf es ankommt. Er ist richtig gut darin, das Publikum zu unterhalten.

Dass ihr euch übereinander lustig macht, gehört zur Show dazu. Wie schwierig ist es da, sich nicht auf ein bestimmtes Klischee festlegen zu lassen, auf bestimmte Witze oder Attitüden?

Ich finde, es ist nicht unser Job, sich darüber Gedanken zu machen. Die Produktionsfirma sorgt dafür, dass wir Spaß haben – und wenn das der Fall ist, hat ihn auch das Publikum. Darüber denke ich nie nach. Natürlich ziehen mich die anderen immer wieder mit meinem schlechten Deutsch auf – und ehrlich gesagt verstehe ich so gut wie nichts von dem, worüber sie reden. Aber das versuche ich auszunutzen, auf den richtigen Moment zu warten und die anderen dann mit meinen Waffen zu schlagen. Das Schöne ist ja, dass wir das alles am Ende nicht zu ernst nehmen. Natürlich will jeder gerne gewinnen, aber es ist und bleibt eine Show. Und ich mache mit, um Spaß zu haben.

Auf der einen Seite ziehen dich die anderen Juroren mit deinem Deutsch auf, auf der anderen Seite macht das ja auch einen Teil deines Charmes und deines Erfolgs aus. Du wärst also schön blöd, flüssig Deutsch zu lernen.

Es mag sein, dass das manchmal charmant wirkt, aber ein Vorteil ist das nicht, dafür ist es zu anstrengend. Es wäre aber auch nichts, was ich wirklich lernen könnte, dafür müsste ich hier leben. Alleine schon, dass Mark einen anderen Dialekt spricht als die Fantas, macht es wahnsinnig schwierig, vor allem wenn sie schnell sprechen. Englisch ist meine zweite Sprache, Deutsch meine fünfte! Ich kann mich darin einfach nicht schnell genug ausdrücken. Ich habe mir genug beigebracht, um bei "The Voice" ab und zu etwas einzuwerfen, aber ich könnte beispielsweise nie über unser neues Album auf Deutsch sprechen.

In Deutschland zu leben, ist ja gar nicht so abwegig, vor einigen Jahren hast du mal damit geliebäugelt, dir hier eine Wohnung zu suchen. Wie sieht es damit aus?

Ich lebe nach wie vor in Helsinki, das ist seit 15 Jahren meine Heimat. Es stimmt, ich habe mal darüber nachgedacht, aber eine Wohnung kaufen und ein Zuhause haben, sind zwei verschiedene Dinge. Bis heute also ist da noch nichts passiert, obwohl ich Deutschland liebe, und ganz besonders Berlin. Das ist so eine tolle, kreative Stadt! Es fühlt sich aber auch schön an, nach Hause zu kommen, wenn ein Job erledigt ist. Hier in Helsinki wohnen meine Freunde, mit denen ich heute Abend zum Beispiel zum Eishockey gehe ...

Und darüber hinaus? Wie erholst du dich vom Alltag? Klassisch im finnischen Sommerhaus und in der Sauna?

Nein, ich mag die Stadt, ich mag Helsinki. In diesem Jahr war ich zum Beispiel kein einziges Mal in unserem Sommerhaus. Stattdessen treffe ich mich mit Freunden zum Minigolf oder zum Wasserski. Das Beste daran ist, dass die alle nicht in der Musikbranche arbeiten, das hilft beim Abschalten. Dafür brauche ich nicht viel, ich muss nicht an exotische Orte reisen. Ich glaube, ich bin da sehr bodenständig.

Ihr seid mit Sunrise Avenue ja auch in Finnland sehr erfolgreich, dazu hast du in den letzten Jahren einige Songs auf Finnisch veröffentlicht. Kannst du dich in Helsinki frei bewegen, ohne alle fünf Minuten angesprochen zu werden?

Ja und nein. Wenn ich in einen Club gehe, erkennen mich die Leute natürlich schon, aber das stört mich nicht sehr. Vor allem kann ich mir ja aussuchen, wo ich hingehe. Ich muss nicht die Orte wählen, an denen allzu viele Menschen abhängen.

Die ersten Folgen bis zu den Live-Shows von "The Voice" sind ja schon abgedreht. Ohne zu viel über dein Team zu verraten: Wie stehen die Chancen?

Mein Team ist stark! Ich weiß, das sage ich jedes Jahr, aber dieses Mal ist mein Team definitiv das Stärkste. Ich bin jedes Mal wieder überrascht. Nach der ersten Staffel habe ich mich gefragt, wie lange es diese Show wohl geben wird. Aber auch dieses Jahr haben sich wieder 10.000 Menschen beworben – und das Niveau war wieder unglaublich hoch!

Woran liegt das? Was ist das Geheimnis dieser Show?

In allererster Linie ist "The Voice" eine echte Musik-Show, da stehen echte Musiker auf der Bühne und die Talente im Vordergrund. Aber es ist auch die einzige Show, bei der die Juroren kämpfen müssen, um etwas zu erreichen. Bei anderen Shows sitzt die Jury hinter einem Tisch und drückt auf Buzzer. Das finde ich langweilig.

Und wenn du auf diese Talente guckst: Bist du manchmal neidisch auf all das, was noch vor ihnen liegt, auf all das, was für sie noch möglich ist?

Was ist denn für mich mehr möglich?

Sag du es mir ...

Ich wüsste nichts. Deshalb muss die Antwort auch nein sein. Ich bin nicht neidisch auf jemanden, der 29 ist und von dem träumt, was ich schon habe. Ehrlich gesagt glaube ich, es ist genau andersherum. Ich versuche ihnen dabei zu helfen, all die fantastischen Dinge zu erreichen, die mir das Leben geschenkt hat.

Das klingt sehr dankbar.

Ja, das bin ich auch. Ich meine: Es läuft nicht so schlecht. Deshalb dürfte ich auch die letzte Person auf diesem Planeten sein, die neidisch auf irgendjemanden ist.

Florian Blaschke führte das Interview.