Die Toten Hosen nehmen ausnahmsweise den Fuß vom Gas: Campino über die neue CD "Alles ohne Strom", schottische Abwehrspieler, das Alter und seine Königin.

Es soll auch leiser gehen. Ein bisschen jedenfalls. Natürlich soll getanzt werden, natürlich sind alle Hebel im Feiermodus. Und doch: Die Toten Hosen setzen auf ihrem aktuellen Album und bei der bevorstehenden Tour im Jahr 2020 auch auf die ruhigen, nachdenklichen Momente. "Alles ohne Strom" heißt das Akustikalbum der Band um Frontmann Campino, das am 25. Oktober erscheint. Gefolgt am 22. November von einer DVD/Blu-ray, die im Sommer live in der Düsseldorfer Tonhalle aufgenommen wurde. "Die eigenen Lieder noch einmal neu entdecken" – das war das Ziel. Mit 16 Musikern – Klavier, Bläser, Streicher – standen die Hosen auf der Bühne. Das Ergebnis: sicher deutlich lärmender als 2005 beim Unplugged-Auftritt im Wiener Burgtheater. Aber eben kein brachialer Rock-Event. "Es hat einfach seinen Reiz, scheinbar widersprüchliche Instrumente auf einer Bühne zu vereinigen und die Stärken rauszuholen", erklärt Campino, der für die Gigs sogar Gesangsunterricht nahm.

prisma: Ein Publikum, das sitzt. Das war ungewöhnlich für ein Hosen-Konzert ...

Campino: Ja, das ist sicher kein Alltag. Und ich gebe zu: Es hat seine Vor- und Nachteile.

prisma: Welche denn?

Campino: Wer sitzt, ist sicher eher bereit, wirklich zuzuhören. Gerade auch bei den neuen Liedern, die wir gespielt haben, war da schon eine andere Aufmerksamkeit. Aber natürlich ist ein sitzendes Publikum nicht meine Idealvorstellung bei einem Konzertabend. Es war hier in der Tonhalle eher wie im Theater. Bei der Tournee im kommenden Jahr wird das schon wieder anders aussehen. Dann soll auch getanzt und richtig gefeiert werden. Ein bisschen so wie bei einer Balkanband, die man für Hochzeiten und Beerdigungen mieten kann.

prisma: Sie kommen bei Live-Konzerten sehr übers Körperliche. Wie war es diesmal für Sie, sich einfach mal zu hinzusetzen und zurückzunehmen. Beraubt Sie das nicht einer wesentlichen Stärke?

Campino: Diese Problematik kenne ich natürlich. Aber letztendlich haben mir die Erfahrungen im Theater unter Klaus Maria Brandauer als Mackie Messer geholfen. Dort lernte ich, nicht einfach intuitiv auf eine Bühne zu gehen, sondern mit klaren Vorgaben. Das hat mir zwar nicht immer gefallen, aber es war interessant. Diesmal in der Tonhalle war es ähnlich. Klar ist das ungewohnt: Du kommst dir nackt vor, wenn du vor sitzendem Publikum stehst. Wann sonst die Leute schon mal meine Beine, meine Füße? Und selten erkenne ich sonst von meinem Platz aus tatsächlich so viele Gesichter. Das war schon besonders – eine Art Wohnzimmerveranstaltung eben.

prisma: Wie entstand die Idee zu diesem besonderen Konzert in Düsseldorf?

Campino: Die MTV Unplugged Konzerte im Burgtheater in Wien sind uns allen in guter Erinnerung geblieben. Und es gab ja immer auch die Zusammenarbeit mit Gerhard Polt und den Biermösl Blosn, bei der wir oft in kleinen Theatern gespielt haben. Dabei traten in den ersten Jahren als Inszenierung echte Musiker gegen Krachmacher an, aber über die Jahre sind wir zu einer Einheit verschmolzen. Das hat uns unheimlich viel Spaß gemacht, und wir nahmen uns fest vor, weitere Seitensprünge dieser Art zu begehen. Es hat einfach seinen Reiz, scheinbar widersprüchliche Instrumente auf einer Bühne zu vereinigen und die Stärken rauszuholen.

prisma: War diesmal auch viel Übung notwendig? Sonst kann man die Hosen ja vermutlich nachts um drei wecken, und die Band spielt ihr Set.

Campino: Es ist schon ein bisschen wie bei einem Fußballspieler. Nur weil der früher mal gut war, muss es heute für ihn nicht mehr reichen. Ohne Training geht es nicht – er muss seine Laufwege kennen und sie immer wieder durchspielen. Proben sind für uns als Band stets existenziell wichtig gewesen. Aber diesmal begannen wir schon sechs Monate vorher damit, uns auf diese Herausforderung einzustellen. Zunächst dachten wir uns im Tonstudio die Bläser einfach mal dazu. Erst, als wir genau wussten, wie das Ganze klingen soll, baten wir die Musiker hinzu. Und das sind allesamt Profis, haben zum Beispiel Erfahrung mit klassischer Musik. Sie spielen gnadenlos gut vom Blatt, dann sitzt das eigentlich sofort. Wichtiger war uns aber das Menschliche untereinander. Das Publikum muss spüren, dass dort oben eben eine Band steht.

prisma: Sie haben sogar wieder Gesangsunterricht genommen.

Campino: Richtig, bei Ludwig Grabmeier, der Professor an der Hochschule in Düsseldorf ist und dort Opernsänger ausbildet.

prisma: Mit Erfolg?

Campino: Vergessen Sie nicht: Es dauert acht Jahre, bis man ausgebildeter Opernsänger ist. Wenn er mir also über vier Wochen was erklären will, bleibt vermutlich nicht so viel hängen. Aber es hat mir unheimlich Spaß gemacht, im Hinblick auf das Projekt noch mal Unterricht zu nehmen. Ich kenne ihn seit unserem Musikprojekt "Entartete Musik", damals freundeten wir uns an. Ich glaube schon, dass er mir ein Stück weit neues Wissen vermitteln konnte. Aber womöglich bilde ich mir das nur ein.

prisma: Tatsächlich standen Sie bei diesem Konzert ja viel mehr als sonst auch stimmlich im Vordergrund. Da war ein exponierter Campino.

Campino: Das war so. Bei einem normalen Konzert wird durch die ganzen Verstärker und den Krach das Filigrane ja mit Freude weggeprügelt. Da kommt es für mich vor allem darauf an, dass das Publikum trotz meiner Rennerei nicht ständig nur mein Keuchen hört. Diesmal aber ging es vielmehr darum, dass Zwischentöne erkennbar sind. Schiefes Singen würde der Zuhörer sofort mitkriegen. Also hat mir Professor Grabmeier ein paar Tricks beigebracht.

prisma: Zum Beispiel?

Campino: Wie Vokale beim Singen definiert werden. Wie forme ich den Mund beim "A", beim "O", beim "I" ... solche Dinge eben.

prisma: Um beim Fußballvergleich zu bleiben: Es ist schon eine Frage, ob ein Weltklassemann wie Mo Salah bereit wäre, mit einem Coach noch einmal das Grundsätzliche zu üben.

Campino: Gerade in seinem Fall gehe ich schon davon aus, dass das so ist. Der fragt sich doch auch, wie er noch eleganter und effektiver über die Seite kommen kann. Aber bitte: Bei Salah kann ich qualitativ sicher nicht mithalten.

prisma: In welchem Liverpool-Spieler erkennen Sie sich denn wieder?

Campino: Wir wären alle gerne Steven Gerrard. Aber auch als Balljunge im Stadion wäre ich zufrieden.

prisma: Anders gefragt: Wer spielt so, wie Sie singen?

Campino: Da müssen wir wohl eher in Schottland suchen. Irgendwo dort in der Abwehr. Einer, bei dem nicht jeder Pass ankommt und bei dem der eine oder andere Ball schon mal aufs Dach geht. Aber Einsatz und Kampfeswille werden vom Publikum goutiert. So etwa ...

prisma: Mit 57 Jahren sind Sie ja auch nicht mehr der Allerjüngste. Da kommt so ein bisschen Zurückhaltung wie diesmal auf der Bühne in der Tonhalle womöglich mal ganz recht ...

Campino: Wobei es ähnlich anstrengend war, nur eben auf andere Gebieten. Am Ende der Abende hatte ich immer leicht einen im Tee und bin erschöpft ins Bett gefallen.

prisma: Wie gehen Sie ganz grundsätzlich mit dem zunehmenden Alter um? Mit 57 zwickt's ja schon mal hier und da ... Fiel Ihnen die letzte Tournee schon schwerer?

Campino: Nein, so was kommt bei mir auf der Bühne tatsächlich nicht auf. Wobei ich weiß, dass das ein Riesenglück ist. Dort oben fühle ich mich einfach nur sauwohl und habe das Gefühl, mich bewegen zu können wie immer. Klar, in anderen Lebenslagen merke ich das Alter. Und ab und an auch am nächsten Tag nach dem Konzert.

prisma: Aber Sie agieren schon anders als früher?

Campino: Absolut. Ich riskiere zum Beispiel bei Sprüngen nicht mehr so viel, und ich hänge auch nicht mehr zwölf Meter über der Erde an einem Bein an der Lichttraverse. Dächer werden von mir nicht mehr erklettert. Das vermisse ich auch nicht. Es sähe heute auch komisch aus – wie ein 57-Jähriger, der anscheinend der Welt unbedingt noch was beweisen muss. Das weckt doch beim Publikum eher Mitleid. Aber damals war das noch toll. Wie Russisch Roulette ...

prisma: Wo also kann Campino noch durchdrehen?

Campino: Ich habe ja immer noch die Möglichkeit, ein gutes Lied zu schreiben. Den Glauben daran lass ich mir nicht nehmen. Punkte machen in der Substanz, wenn Sie so wollen. Das bleibt. Aber klar: Älterwerden ist eine Herausforderung. Es gilt, das zu akzeptieren, ohne seine Würde zu verlieren. Wenn wir dann als Band immer noch Energie versprühen und für tolle Abende sorgen, dann haben wir viel erreicht.

prisma: Sie haben vor wenigen Monaten ganz offiziell neben der deutschen auch die englische Staatsbürgerschaft angenommen? Warum war Ihnen das wichtig?

Campino: Für mich hat sich da ein Kreis geschlossen. Ich bin ja seit meiner Geburt halb Deutscher, halb Engländer. Mein Leben lang habe ich mich mal deutsch, mal englisch gefühlt. Am ehesten noch als Europäer. Gott sei Dank war es für mich so, dass ich mich nicht festlegen musste. Es wird von Deutschland und Großbritannien geduldet, dass ich jetzt zwei Staatsbürgerschaften habe. Für mich fühlt es sich einfach richtig an. Am Ende ist es eine Formalität auf dem Papier, die aber für mich immer Lebensrealität war.

prisma: Sie haben sogar einen Eid geschworen.

Campino: Und ich tat es mit großer Freude. Sozusagen im Sinne der Queen für die Grundwerte Großbritanniens.

prisma: Stimmt, die Queen ist ja jetzt Ihr Staatsoberhaupt.

Campino: Das war sie für mich auch schon immer. Ganz ehrlich, wenn sie im Fernsehen ist, schaue ich mir das an, seitdem auf der Welt bin. Ich erinnere mich da an ein besonderes Erlebnis ...

prisma: Erzählen Sie!

Campino: Ich muss so fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Wir besuchten eine meiner Tanten in Dartmouth, einer englischen Kleinstadt, und die Queen besucht den Ort mit dem Schiff Britannia. Das war ein dickes Ding! Als es wieder auslief, fuhr es am Haus meiner Tante vorbei. Da gab es einen riesen Garten, der ging runter bis zum Ufer des Flusses. Ich stand da – allein auf dieser Wiese mit einer Fahne und wedelte wie verrückt. Die Queen war noch an Deck und hat mir zurückgewunken. Das war ein Gruß an mich, hundertprozentig, denn sonst war ja niemand da. Dieser Moment hat mir viel bedeutet. Den hab ich nie vergessen.

Die Toten Hosen auf "Alles ohne Strom"-Tour

  • 10.06.20 Kempten, BigBox
  • 12.06.20 Stuttgart, Schleyer-Halle
  • 16.06.20 Dortmund, Westfalenhalle 1
  • 19.06.20 Düsseldorf, ISS Dome
  • 24.06.20 Hamburg, Barclaycard Arena
  • 26.06.20 Frankfurt, Festhalle
  • 30.06.20 München, Olympiahalle
  • 04.07.20 Wien, Wiener Stadthalle (A)
  • 10.07.20 Zürich, Hallenstadion (CH)
  • 15.07.20 Dresden, Filmnächte Am Elbufer
  • 18.07.20 Vechta, Stoppelmarkt
  • 12.08.20 Avenches, Rock Oz' Arénes (CH)
  • 14.08.20 Köln, Lanxess Arena
  • 18.08.20 Berlin, Waldbühne
  • 21.08.20 Erfurt, Domplatz
  • 22.08.20 Coburg, Schlossplatz
  • 26.08.20 St. Goarshausen, Loreley Freilichtbühne
  • 27.08.20 Uelzen, Open R Festival
  • 29.08.20 Graz, Open Air Am Messegelände (A)
  • 05.09.20 Konstanz, Bodenseestadion

Quelle: teleschau – der Mediendienst