Wer entführt das Kind einer eher in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie? Die Kommissare des Kölner Tatort müssen sich in "Trautes Heim" nicht nur mit dieser schwer zu beantwortenden Fragen beschäftigen. Die ARD zeigt den Krimi als Wiederholung.

Was bei aller berechtigten Kritik an den mithin immer noch hanebüchenen Auswüchsen der "Tatort"-Drehbücher unbedingt auch mal gesagt werden muss: Es nervt! Jeden Montag dieses übellaunige "Tatort"-Bashing. Vor allem im Netz: Kaum ein Krimi der altehrwürdigen Reihe mehr, dem nicht auf mindestens einem Portal das Superlativ "schlechtester 'Tatort' aller Zeiten" verpasst wird – und dann heißt es für Tausende verhinderter Fernsehkritiker aus der Deckung der Foren heraus: Feuer frei. Raus mit dem Hass aufs Fernsehen und die Welt, immer feste druff, es trifft ja keinen Falschen.

Rund um den "Tatort" grassiert ein Diskursfieber, als ginge es um die Zukunft des Abendlandes. Dabei reden wir immer noch "nur" über Unterhaltung, über ein bisschen Krimi am Sonntagabend, über eine Traditionsmarke, die leider nach wie vor unter den plötzlichen Anfällen von Experimentierwut der ARD-Verantwortlichen zu leiden hat. Aber auch diese Zeiten wird der "Tatort" überstehen – dafür sorgen schon solche soliden Filme wie "Trautes Heim", ein Kölner Beitrag zur ARD-Reihe, der am 21. April 2013 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde und nun wegen des parallel laufenden Länderspiels nochmals zu seinem Recht kommt.

Mit eiserner Verlässlichkeit wühlen sich die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) durch einen Fall von Kindesentführung, der gar nicht mehr sein will als das und doch voller Überraschungen steckt.

Alte "Tatort"-Regel: Nie glauben, was man auf dem ersten Blick zu erkennen glaubt. Hier sehen wir: eine glückliche Mittelschichtsfamilie. Vater, Mutter, Kind, die sich am Morgen in ihrer bescheidenen Hochhauswohnung voneinander verabschieden. Küsschen hier, Küsschen da, Papa Roman Sasse (Barnaby Metschurat) geht zur Arbeit ins Büro, der Sohn, der kleine Lukas (Nick Schuck), bricht auf in Richtung Fußballplatz, und seine Mutter, Sasses Lebensgefährtin Simone Schäfer (Alma Leiberg), bleibt daheim, um sich wie immer um den Haushalt zu kümmern. Der Vorspann ist noch nicht zu Ende, als das Unfassbare geschieht: Lukas wird von der Straße in einen Transporter gezerrt. Ein Motorradfahrer wird Zeuge der Entführung, nimmt die Verfolgung auf, doch als er die Täter stellen will, wird der Mann brutal totgefahren.

Ist der Biker ein Zufallsopfer? Überhaupt: Wer entführt das Kind einer Familie, die offensichtlich nicht sonderlich wohlhabend ist? Handelt es sich etwa um ein Sexualdelikt? Ballauf und Schenk stehen erst mal ratlos vor Fragen wie diesen und stürzen sich in die klassische Ermittlungsarbeit – bis das Wrack des Transporters gefunden wird und darin auch Lukas' Handy. Das Gerät ist auf den Namen Ruth Junghanns registriert, einer Frau, die glaubhaft beteuert, noch nie etwas von einem Lukas Schäfer gehört zu haben ...

Eine absurde Geschichte, nüchtern erzählt

Die Welt von Ruth Junghanns (Sandra Borgmann) stellt sich ebenfalls als glückliche Mittelschichtsfamilie dar, nur auf höherem Niveau: Ruth Junghanns lebt im Design-Reihenhaus mit Sohn und Ehemann unter einem Dach. Und jetzt festhalten: Ihr Gatte ist der selbe Mann, den Ballauf, Schenk und mit ihnen das "Tatort"-Publikum schon als Roman Sasse kennen. Ein Mann, zwei Identitäten, zwei Familien, zwei Leben. Geholfen haben ihm dabei ein geradezu professionell ausgeprägter Hang zur Lüge sowie eine Agentur für Alibi-Beschaffung bei Seitensprüngen. Kaum zu glauben, aber so etwas gibt es wirklich.

Die Geschichte, die einem hier untergejubelt wird, ist so drüber, so absurd, dass sie schon wieder faszinierend ist. Auch weil sie eben geraderaus, ganz nüchtern erzählt und nicht noch künstlich überhöht wird. Irgendwann sitzt der doppelte Familienvater Sasse/Junghanns im Verhör und versucht sich zu erklären, wohlwissend, dass ihn keiner verstehen wird. Feige? "Ja, von mir aus", sagt er. "Ich bin ein Lügner, Betrüger, schlechter Mensch – alles", aber die Sorge um seinen entführten Sohn, die Liebe zu seinen beiden Frauen kauft man ihm trotzdem ab. Ein Mann, der sich letzten Endes selbst betrügt und daran nun zu zerbrechen droht. Was für ein Leben. Was für eine Rolle, die Barnaby Metschurat da mit erstaunlicher Souveränität stemmt.

Regisseur Christoph Schnee drehte nach einem Buch von Roland Heep und Frank Koopmann ein menschelndes Mittelschichts-Milieustück, in dem nichts abgehoben ist, abgesehen vielleicht vom rasanten Ford-Mustang-Fastback, mit dem der US-Car-affine Kommissar Bär diesmal durch die Kölner Straßen cruist. "Trautes Heim" ist ein konventioneller, hochseriöser Krimi. Und das tut uns "Tatort"-Diskutanten zwischendurch mal ganz gut.


Quelle: teleschau – der Mediendienst