Diese versteckte Perle lohnt den Tauchgang im Pay-TV: Hochkarätig besetzt, spannend und ein bisschen verrückt – so wie das Silicon Valley selbst – erzählt das Doku-Drama "Valley of the Boom" über viereinhalb Stunden die "Babyjahre" des Internets zwischen 1994 und 2000.

In drei Doppelfolgen (Sonntag, 20. Januar, 21 Uhr, National Geographic) erfährt der Zuschauer, wie das junge Unternehmen Netscape den Browser erfand und schließlich im Krieg mit Microsoft auf die Bretter geschickt wurde. Man begleitet zwei jugendliche Freaks, die potenziellen Investoren erklären, was ein Social Network ist und einen charismatischen Betrüger namens Michael Fenne, der vom quasi Obdachlosen zum Streaming-Mogul aufzusteigen schien. Das hochwertig produzierte Format mit Spielszenen und dokumentarischen Ausschnitten sowie Interviews wirft ein faszinierendes Licht auf sechs Jahre, in denen das Internet die Welt veränderte.

Drei kalifornische Unternehmen stehen im Mittelpunkt des wahlweise in deutscher Synchronisation oder englischem Originalton ausgestrahlten Programms. Bezeichnenderweise gibt es alle drei Dotcom-Firmen heute nicht mehr.

Am geläufigsten dürfte dem nicht mehr ganz jungen "User" der Name Netscape sein. Deren Browser, der Netscape Navigator, machte das World Wide Web 1994 eigentlich erst richtig benutzbar. Nach einem spektakulären Börsengang, der aus dem kleinen Silicon Valley-Startup über Nacht ein Milliardenunternehmen machte, rieb man sich im sogenannten Browserkrieg gegen Microsoft auf. Netscape verlor mehr und mehr Marktanteile, schließlich fusionierte man mit AOL und verschwand als Marke samt Browser im neuen Unternehmen.

Ein zweiter Erzählstrang begleitet die jugendlichen Unternehmer Stephan Paternot and Todd Krizelman, die 1995 mit theGlobe.com das erste Social Network der Welt erfanden. Lange mussten sie ihren Investoren erklären, wofür ihre verrückte Idee gut war. Startup Nummer drei, die kurzlebige Firma Pixelon, wird vor allem über ihre Gründerfigur Michael Fenne (Steve Zahn) erzählt, der in Wirklichkeit David Kim Stanley hieß und ein verurteilter Straftäter war. Der charismatisch-verrückte Fenne, die meiste Zeit lebte er auf dem Rücksitz seines Autos und wusch sich an öffentlichen kalifornischen Strandduschen, "arbeitete" an einer Streaming-Lösung für qualitativ hochwertige Videos. Das zu einer Zeit, als die Bandbreiten für Datenübertragung noch relativ schmal waren. Legendär war Pixelons Launch-Party in Las Vegas, zu der er die Superstars des Pop wie LeAnn Rimes, The Dixie Chicks, Kiss oder Tony Bennet einlud – um ein Jahr später Insolvenz anzumelden.

"Valley of the Boom" erzählt die sechs verrückten Aufstiegsjahre des Internets bis zum Platzen der ersten Dotcom-Blase im Jahr 2000. Unterhaltend und spannend ist dabei nicht nur der Inhalt des Doku-Dramas, das einen ausführliche Blick hinter Kulissen der Geeks, Freaks und Finanziers des Silicon Valleys gewährt, ungewöhnlich ist das Programm auch in ästhetischer Hinsicht: die Spielszenen haben (Qualitäts)serien-Niveau. Renommierte Mimen wie Bradley Whitford ("Get Out", "The Post", "The West Wing"), Steve Zahn ("Planet der Affen: Survival", "The Crossing") oder Lamorne Morris ("Game Night", "New Girl") machen als charakterlich ambivalente Internet-Pioniere einen exzellenten Job. Dazu ist "Valley of the Boom" weder bierernst noch künstlich überdreht, sondern von feinem Humor durchzogen. Schauspieler fallen aus ihren Rollen und wenden sich direkt an den Zuschauer, um mit diesem "Klartext" zu reden.

Wenn Netscape und Microsoft bei ihrem ersten Meeting das Kriegsbeil ausgraben, wird die Szene eingefroren und zwei Rapper betreten den Konferenzraum. In schicken Reimen und mit perfektem Flow im Mid-Nineties-Style fassen sie die Geschehnisse des "Browser War" zusammen. Geübte Doku-Zuschauer glauben den Unterschied zwischen den meist etwas nüchternen deutschen Dokudramen und anglo-amerikanischen Produkten, die in der Regel mehr auf Effekt setzen, schon zu kennen. Eine derart "gebrochene", gleichzeitig ernsthafte wie ironisierte Machart wie bei "Valley of the Boom" hat man jedoch noch nicht oft gesehen. Schade, dass das starke Programm derzeit "nur" im Pay-TV läuft.


Quelle: teleschau – der Mediendienst