Ein Jugendlicher stirbt nach einem scheinbar harmlosen Verkehrsunfall. Zurück bleiben gleich mehrere Menschen, die sich mit der Schuldfrage auseinandersetzen müssen.

Sollte der Österreicher Johannes Fabrick mal eine eigene Visitenkarte produzieren, könnte er unter seiner Berufsbezeichnung "Regisseur" noch die nähere Spezifikation "Schuldspezialist" ins Design mit aufnehmen. Tatsächlich ist der 61-jährige Filmemacher sehr gut darin, Plots zu inszenieren, die sich mit diesem Kernthema menschlicher Dramen beschäftigen. Die Selbstmordanalyse "Der letzte schöne Tag" (2011) oder "Pass gut auf ihn auf!" (2013), beide Filme mit Julia Koschitz, waren mit Preisen prämierte TV-Highlights, in denen Fabrick mit exzellentem Auge für die Nöte seiner Charaktere TV-Dramen schuf, die noch Jahre später in Erinnerung bleiben. Der Plot von "Winterherz – Tod in einer kalten Nacht", geschrieben von Susanne Schneider ("Tatort": Der schöne Schein") scheint sich nun nahtlos in die besondere Erzählkunst Fabricks einzureihen.

Die bayerische Provinz, nahe Augsburg. Jungpolizist Mike (Anton Spieker) geht mit seinem Bruder Finn (Jeremias Meyer), der kurz vor dem Abi steht, feiern. Weil Mike im Bett mit Valerie (Amanda da Gloria) landet, lässt er seinen Bruder entgegen der Absprache mit den Eltern (Ulrike Kriener, Bernhard Schütz) stark angetrunken in der Disko zurück. Er solle sich für den Heimweg ein Taxi nehmen. Weil Finn jedoch in kalter Winternacht den torkelnden Fußweg bevorzugt, kollidiert er mit dem Wagen von Jungrichter Maxim (Franz Pätzold) und dessen Frau Sylvie (Laura de Boer). Weil Maxim ein wenig getrunken hat, will er den scheinbar unverletzten Finn nicht in eine Klinik fahren, sondern lässt ihn an einer Bushaltestelle zurück. Von dort aus ruft er frierend seinen Bruder Mike an, der jedoch – zusammen mit Valerie – nichts ans Handy geht. Am nächsten Morgen ist Finn tot, gestorben an inneren Blutungen.

Richter Maxim erfährt aus der Zeitung von Finns Tod und nordet seine schockierte Frau ein, niemanden von dem Vorall zu erzählen. Ein spätes Eingeständnis der Schuld würde auch niemanden mehr lebendig machen, aber ihre Lebensgrundlage zerstören – sagt der Jurist. Derweil kämpfen Mike und seine Eltern mit dem eigenen Zutun zum Drama. Mike hätte Finn nicht alleine gehen lasen soll. Und wäre er ans Telefon gegangen, würde sein Bruder vielleicht noch leben.

Diese Fragen und das Hadern mit den Antworten sind es, die den Film-Plot von "Winterherz" so interessant machen. Auch wenn Polizist Mike grimmig und von Selbstvorwürfen geplagt ermitteln will, wer seinen Bruder angefahren hat und ihn dann zurückließ, ist der Film kaum ein Krimi, aber dafür ein mitreißendes Drama. Es lebt von der bestechenden Grundkonstellation der Geschichte und einer ruhigen, ihr Personal präzise beobachtenden Kamera, die hier tolle junge Schauspieler einfängt, deren Gesichter man bisher kaum kennt. Aufgrund dieser Stärken entwickelt der Film schnell einen Sog.

Dass der Plot mit zunehmender Dauer unnötig konstruiert erscheint, schmälert ein wenig die tolle Leistung der Schauspieler und stört die grandiose, winterlichen Bildsprache. "Winterherz" ist nicht das beste aller Johannes Fabrick-Schulddramen, dafür verlieren die Charaktere in Hälfte zwei des Buchs doch ein wenig zu sehr ihre Spur. Dem Zuschauer bleibt ein Konflikt im Kopf zurück, der jeden erwischen kann. "Wir leben mit unglaublich vielen Unterlassungssünden, Unkorrektheiten, dem ein oder anderen Bequemlichkeitsschwindel", sagt Fabrick über seinen neuen Film. "Solange wir damit durchkommen, kräht kein Hahn danach. Erst im Moment der Katastrophe wird der Schrei nach dem Schuldigen laut. Das hat etwas schrecklich Unmoralisches."


Quelle: teleschau – der Mediendienst