Allein umherirrende Flüchtlingskinder, die von Prostitutionsringen ausgenutzt werden: "Vermisst in Berlin" zeigt mit herausragenden Darstellern eine düstere deutsche Realität.

Seit der so genannten "Flüchtlingskrise" 2015 befassen sich insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen ausführlich mit der Thematik – auch und gerade im Fiction-Bereich. Was läge da näher, als den polarisierenden Diskurs um Schlepper, Migration und Integration im Herzstück des deutschen Fernsehfilms, dem Krimi, zu verankern? Das ZDF tut nun genau das: Im Crime-Drama "Vermisst in Berlin" deckt eine fantastische Jördis Triebel als Ex-Ermittlerin die düstersten Seiten des Geschäfts mit den Geflüchteten auf: durch Krieg und Armut nach Europa gelangte Kinder, die sich wie "kleine Gespenster" alleine durch das fremde Deutschland bewegen, nur um irgendwann in die Fänge schlimmster Prostitutionsringe zu geraten. Kompromisslos zeigt der Film nicht nur kriminelle Abgründe auf, sondern auch die zynisch machende Ohnmacht der Behörden.

Dem schmutzigen Geschäft mit jenen, die sich nicht wehren können, wird in der Geschichte von Frauke Hunfeld und Silke Zertz Judith die ehemalige Ermittlerin schrittweise gewahr. Judith Volkmann heißt sie, ausgestiegen aus dem Polizeidienst und nun als Kellnerin in einem zwielichtigen Laden tätig, wo sie nach eigenen Angaben dreimal so viel verdient wie als Polizistin. Auf die Probe gestellt wird die Mittvierzigerin, als ihr eines Nachts ein Kind vors Auto läuft und genauso schnell wieder verschwindet. Bald wird ihr klar, dass es sich um einen Flüchtlingsjungen handelt. Einer von 9.000, die in Deutschland allein herumirren, wie sie bald ernüchtert feststellt. Ohne selbst mehr im Polizeidienst zu sein, versucht sich Volkmann einzumischen.

Sie kontaktiert ihren ehemaligen Chef Deniz Kovacevic, fantastisch verkörpert von Edin Hasanovic. Zwischen den beiden schwelt noch ein Konflikt von früher, den sie bald offen austragen: "Keine Befugnis – ein Fremdwort für dich!", schimpft er. – "Wann bist du denn zu so nem abgefuckten Polizeibürokraten geworden?", wirft sie ihm vor. Nebenher verhandeln die beiden Streithähne dabei die migrantische Realität in Deutschland: Sie beschuldigt ihn, nicht nach dem Jungen zu fahnden, weil er kein deutsches Kind ist. Woraufhin er ausrastet: "Sag mal hast du vergessen wer ich bin? Ich bin immer noch der mit dem komischen Nachnamen, den niemand aussprechen kann!" Für ihn, den ausländischen Aufsteiger, steht fest: "Auch als LKA-Beamter bleibe ich ein Kanake".

Es ist ein hart mit anzuschauender Weg, den die Ermittlerin ohne offiziellen Auftrag beschreitet: Sie findet den gesuchten Jungen, Djamal (Lilien Batman); versucht ihn zu schützen. Doch gibt es Tausende wie ihn, die von (etwas überzeichnet dargestellten) Banden entführt und zur Prostitution gezwungen werden. Bald schon stößt Volkmann nicht nur auf tragische Kinderschicksale, sondern auch auf ein Netzwerk aus Menschenhandel und Kinderprostitution, dem die von Natalia Wörner diabolisch gespielte Evelyn Kraft vorsteht. Und selbst in den Kinderheimen scheinen die Flüchtlinge nicht sicher zu sein, dort stößt sie auf eine von Zynismus geprägte Weltsicht.

Viele Helfer, etwa Jan Pollak (Florian Stetter), der für die Vermisstensuche des Roten Kreuzes tätig ist und mit dem Volkmann bald zusammenarbeitet, wollen helfen, sie können aber angesichts systemischer Gründe oft nichts machen. "Ich bin froh überhaupt jemanden gefunden zu haben, der hier Sozialarbeit macht", heißt es da etwa. Die Lähmung der Behörden, die langsamen Ermittlungen, die Hilflosigkeit angesichts krimineller Netzwerke, die Tragik hinter den Kinderschicksalen – all das verknüpft "Vermisst in Berlin" zum moralinarmen und vor allem grandios gespielten Krimi-Drama.


Quelle: teleschau – der Mediendienst