Dirk Kummers Film "Zuckersand" ist eine Familiengeschichte aus der DDR im Jahr '79. Doch sie ist mehr als das – eine schöne Feier der Fantasie.

"Mit dem Kopf kann man überall hinreisen", hat der gescheite Nachbar Kaczmareck (Hermann Beyer) zu den zehnjährigen Freunden Fred und Jonas gesagt. "Und wenn du auf den Mond willst, stellst du eine Leiter ran – und rauf!" Fred und Jonas, von Tilman Döbler und Valentin Wessely fantastisch ungezwungen gespielt, glauben alles, was Kaczmareck so sagt: dass ein Stück Zucker schwimmen kann, wenn man nur fest daran glaubt, dass die Aale aus Kuba kommen und tausende Kilometer weit wieder dorthin ziehen – und eben auch, dass man einen Tunnel durch die Erde bis hinunter nach Australien graben kann.

Genauer gesagt müsste man 12.742 Kilometer graben. Dann würde man am anderen Ende der Welt von den Aborigines, von Koalabären und Kängurus begrüßt. Als Jonas' Mutter einen Ausreiseantrag stellt und die Trennung der Freunde droht, nimmt dieser Plan Gestalt an: Jonas und Fred fangen in einer alten Fabrikhalle an, sich durch den sandigen Brandenburger Boden zu graben. Man muss nur gerade bohren. Wenn man es genau macht, kann man sich sogar einen Kilometer sparen.

Rührende Geschichte über wahre Freundschaft

Was nach Tunnelbau und einer weiteren DDR-Fluchtgeschichte klingt, ist in Wahrheit eine ebenso mitreißende wie rührende Geschichte über die wahre Freundschaft in harter Zeit. Die Geschichte von Fred und Jonas, die sich ihre Blutsbrüderschaft in die Arme ritzen, wird von Dirk Kummer (Buch und Regie) in Erinnerung eigener Kindheitserfahrungen konsequent aus der Perspektive der Jungen erzählt. Geschichte von unten, und bei aller aufkommenden Tragik ganz nah am Alltag dran in der zugemauerten DDR. Nie verbiestert, immer mit einer Prise Komik durchsetzt, werden die Eltern-Kind-Beziehungen oder der Schulalltag gezeigt. Ein Streichholz, das einen Arbeiter symbolisiert, kann leicht gebrochen werden, sagt die Lehrerin, aber die Arbeiterschaft als Ganzes ist unbesiegbar und stark.

Gegenüber den Aborigines, die problemlos in Gedanken weiteste Strecken überwinden können, ist in den Augen der Jungen aber auch eine noch so starke Arbeiterschaft ohne Chance, zumal sich nach dem Ausreiseantrag die Kontaktverbote verstärken. Freds Vater (Christian Friedel) ist Grenzbeamter, so muss man wissen, er ist zufrieden mit "seinem" Staat – ebenso wie die Mutter in ihrem Kindergarten. Jonas' Mutter, die Ausreisewillige, ist gläubige Christin und friedensbewegt. Fred bewundert sie, nicht zuletzt wegen ihrer wallenden roten Haare. "Aber meine Mutter kannste nicht heiraten", sagt Jonas sehr bestimmt. Freds Schwester wechselt schon die Freunde wie die Hemden. Sie will die Pille, das hat sie aus der "Bravo" des Nachbarn gelernt.

Leichte, humorvolle Poesie

Dass Fred neben dem Tunnel noch einen anderen Trumpf im Ärmel hat, macht die Träume von Freiheit schon fast zu perfekt: Er wird fürs Sport-Internat auserlesen, einst könnte er mit dem Olympiakader der DDR nach Australien reisen. Fred will einer wie Emil Zatopek werden. Ach was? sagt die Mutter, und holt alle ein wenig aus dem Himmel der Träume zurück. Für den Zuschauer gibt's allerdings in diesem Zusammenhang viel Realismus aus der Sportkaderzüchtung der DDR. Aber dann ist es eben doch Jonas, der bei der Ausreise im "Tränenpalast" mit viel Geschick der Mutter entschlüpft.

Fred wird Jonas nie wieder sehen, und das ist dann eine ganz andere Geschichte – von Tragik und Trennung, bei der noch nicht einmal die Aborigines helfen können. Schade drum. Aber die leichte, humorvolle Poesie des Films, egal ob er nun als Jugendfilm firmieren mag oder nicht, kann das keineswegs mildern. Beim Münchner Filmfest wurde "Zuckersand" übrigens mit dem Preis für den besten Fernsehfilm gekürt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst