Volker Bruch ist für die deutsche Serie "Babylon Berlin" so tief wie nie zuvor in eine Rolle eingetaucht. Im Interview erzählt er von den Dreharbeiten, den Sets und den Herausforderungen.

Volker Bruch hat einen Job, um den ihn viele Schauspielkollegen beneiden. Der 37-Jährige spielt die Hauptrolle in "Babylon Berlin" (ab Freitag, 13. Oktober 2017, 20.15 Uhr, Sky 1), dem mit knapp 40 Millionen Euro teuersten Serienprojekt, das es bisher in Deutschland gab. Etwa ein Jahr nach der Ausstrahlung im Pay-TV sind die 18 Folgen von Staffel eins und zwei bei der kofinanzierenden ARD zu sehen. Beide Staffeln orientieren sich am Roman "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher.

Volker Bruch spielt Kommissar Gereon Rath, der ein Sittengemälde Berlins im Jahre 1929 durchschreitet. Virtuos spielen die Filmemacher Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries mit großen Sets, Armeen von Komparsen und erschaffen so einen atemberaubenden Ritt durch die Milieus der späten Weimarer Republik. Volker Bruch, der mit seiner langjährigen Partnerin und Kollegin Miriam Stein mittlerweile ein Kind hat, spricht beim Interview in Berlin-Mitte über seine größte Rolle in einem Serienevent, das mit zwei weiteren Staffel fortgesetzt wird.

prisma: Taucht man tiefer in einer Rolle ein, wenn man 16 Teile einer Serie am Stück dreht?

Volker Bruch: Auf jeden Fall. Normalerweise habe ich selbst bei einer Hauptrolle ab und zu mal freie Tage. Hier drehte ich sieben Monate lang am Stück, jeden Tag. Gereon Rath war permanent Gast bei mir, wenn man so will. Das stellt eine Intensität her, die man nicht mit anderen Projekten vergleichen kann.

prisma: Lebten Sie noch mehr im Jahr 1929, weil Sie diese sieben Monate in großen, teuren Sets und bombastischer Ausstattung verbrachten? Oder spielt das für Ihre Arbeit keine so große Rolle?

Bruch: Ich war schon anders überrascht und begeistert, wenn ich morgens ans Set kam, und da standen dann 300 Komparsen in ihren Kostümen bereit. Auch die Sets waren riesig, geradezu gigantisch. Ich war im Vorfeld mal in Babelsberg, um mir diese Bauten anzusehen. Damals war ich ehrlich gesagt ein wenig ernüchtert. Die hatten etwas Kühles, Totes. Doch als wir dann drehten, konnte ich sie kaum wiedererkennen. Die Sets waren auf einmal lebendig geworden – durch Komparsen und Patina. Durch die Autos, die da durchfuhren. Dann regnete es noch, und ich hatte das Gefühl, man wäre tatsächlich in eine Zeitblase geraten.

prisma: Wie fanden Sie Ihr persönliches Gefühl für das Jahr 1929?

Bruch: Es gibt verschiedene Dinge, die helfen. Das Kostüm zum Beispiel. Sobald man diese Schuhe anhat und der Hut auf dem Kopf sitzt, verändert das alles: die eigene Haltung, den Gang. Das macht schon mal eine Menge aus. Außerdem sind die Sets von Uli Hanisch ziemlich wahnsinnig. Er ist einer der besten Szenenbildner, die es gibt.

prisma: Was ist für Sie am spannendsten an dieser Zeit?

Bruch: Es treffen einfach extreme Kontraste aufeinander, was dieser Geschichte einen tollen Nährboden liefert: arm und reich, dazu unterschiedliche politische Visionen, um die hart gekämpft wurde. Wir zeigen sehr unterschiedliche Milieus. Gereon Rath arbeitet sich da durch, und man lernt dieses Panoptikum Berlin 1929 durch seine Augen kennen. Das ist für mich der vielleicht größte Reiz dieser Serie.

prisma: Die Filmemacher vergleichen Berlin 1929 mit 1989, als sie junge Männer waren und ein Berlin kennenlernten, in dem es anscheinend keine festen Regeln mehr gab. Sie sind 1980 geboren. Erinnern Sie sich an Zeiten oder Orte, an denen Sie eine solche kreative Euphorie spürten?

Bruch: An eine Epoche kann ich mich nicht erinnern. Ich komme aus München. Als ich auf die Schauspielschule nach Wien ging, begann eine Zeit, die vielleicht am ehesten mit diesem Gefühl vergleichbar ist. Wir Schauspielschüler hegten und pflegten den Größenwahn, den man in diesem Alter eben hat. Damals schien uns alles möglich. Es sind wilde Sachen passiert. Vielleicht war das damals mein persönliches Berlin 1929.

prisma: Was genau machte den Größenwahn aus?

Bruch: Mit Anfang 20 dachten wir einfach, alles verändern zu können. Es gab eine Euphorie, die uns gegenseitig beflügelte. Das hat dann tatsächlich auch sehr viel möglich gemacht, was uns wiederum bestärkte. Später relativiert sich dann alles wieder. Aber es ist wichtig und toll, so eine Phase mal erlebt zu haben.

prisma: "Babylon Berlin" zeigt einen Tanz auf dem Vulkan. Vier Jahre später beginnt die Nazi-Zeit. Manche sehen auch da eine Parallele zu heute. Sie ebenfalls?

Bruch: Die Freizügigkeit und das Moderne des Jahres 1929 bekommen einen besonderen Beigeschmack, wenn man weiß, dass sich alles kurze Zeit später ins komplette Gegenteil verkehrte. Das wussten die Leute damals natürlich nicht. Genau das ist wichtig, wenn man so einen Stoff schreibt, inszeniert oder spielt. Einerseits glaube ich, dass sich Geschichte immer wiederholt. Andererseits glaube ich aber auch daran, dass unsere Demokratie stabil genug ist, dass etwas Vergleichbares nicht mehr passieren kann.

prisma: Haben Sie die Bücher von Volker Kutscher gelesen, die der Serie als Vorlage dienen?

Bruch: Ja, ich habe mittlerweile alle sechs gelesen. Es gibt schon Unterschiede zwischen Buch und Serie – was ich gut finde. Das ist meist keine gute Idee, Bücher sehr direkt in Filme zu übersetzen. Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten haben ganze Erzählstränge dazu erfunden, die im Buch nicht existieren. Die sich aber toll mit jenen verknüpfen, die im Roman zu finden sind. "Babylon Berlin" ist das seltene Beispiel einer Serie, in der sich die Verantwortlichen nicht selbst limitierten, indem sie sagten: "Das ist zu viel, zu groß oder es wird zu teuer."

prisma: Haben Sie ausschließlich in jenen neu errichteten, alten Berlin-Straßenzügen in Babelsberg gedreht? Oder gibt es auch Szenen, die in Berlin selbst oder anderswo draußen entstanden?

Bruch: Wir haben sogar ziemlich viel an Originalschauplätzen gedreht. Das geht immer so ein bisschen unter, wenn von diesen tollen Kulissenbauten die Rede ist. Wir drehten vielleicht vier oder fünf Wochen von den sieben Monate in Babelsberg. Die Innen-Szenen sind ohnehin an verschiedenen Locations in Berlin entstanden. Es gibt aber auch Straßen und Handlungsorte, die nicht im Studio gebaut wurden. Das Moka Efti, wo die großen Party-Szenen stattfinden, ist beispielsweise das alte Delphi, ein ehemaliges Stummfilmkino in Berlin. Die Straßenbahn-Fahrten drehten wir außerhalb der Stadt, etwa eine Stunde in Richtung Südosten. Da gibt es eine alte Strecke und ein Trambahn-Museum, wo wir dann einen ganzen Nachmittag lang Bahn gefahren sind, um die Tram-Szenen zu filmen.

prisma: Viele glauben, dass "Babylon Berlin" im Ausland Furore machen wird. Man erwartet von Ihnen die erste wirkliche deutsche Qualitätsserie. Was genau ist eigentlich spezifisch deutsch an dieser Serie – außer dem Handlungsort Berlin?

Bruch: Das ist ja schon mal ziemlich viel. Wir erzählen deutsche Geschichte und Geschichten, die das Berlin des Jahres 1929 zeigen. Hinzukommt: Wir haben die Serie in deutscher Sprache gedreht. Das war den Filmemachern sehr wichtig. Es gab im Finanzierungsstadium mal das Angebot eines großen amerikanischen Produzenten, das Ganze auf Englisch zu drehen. Die drei Filmemacher lehnten das ab, obwohl sie in diesem Fall sofort finanziert gewesen wären. Aber das wollten sie nicht. Es sollte eine deutsche Geschichte in deutscher Sprache erzählt werden.

prisma: Spürten Sie den hohen Erwartungsdruck?

Bruch: Druck gab es im Entstehungsprozess eigentlich nicht. Aber ich war schon erleichtert, als ich das Ergebnis gesehen habe. Ich war so begeistert, dass ich jetzt richtig stolz darauf bin. Ich freue mich, dass die Serie überall auf der Welt zu sehen ist.

prisma: War es komisch, mit drei unterschiedlichen Regisseuren am selben Film zu drehen?

Bruch: Keiner wusste, ob das funktioniert. Aber es war aber eine Wahnsinnserfahrung. Jeder der drei legt auf unterschiedliche Details der Figur wert. Es war, als würde man mit jedem noch mal andere Aspekte herausarbeiten. Das bereichert einen Charakter natürlich, der ja über zwölf Stunden interessant bleiben soll. Die drei Regisseure haben alle dieselbe Geschichte erzählt, aber eben jeder auf seine Art.

prisma: Wie haben sich Tykwer, von Borries und Handloegten die Arbeit aufgeteilt?

Bruch: Ganz stark nach Locations. Team Tom beispielsweise drehte die Partyszenen im Moka Efti. Im Endeffekt ist Tykwers Stil dann am Ende der Stil des Moka Efti, während andere Handlungsorte eben andere Sprachen, eine andere Ästhetik verfolgen. Das geht wunderbar zusammen, finde ich. Weil es eben auch nicht gleich sein muss. Wir schildern schließlich unterschiedliche Milieus.

prisma: Haben Sie das Gefühl, dass im Ausland die Akzeptanz steigt, auch mal etwas auf Deutsch mit Untertiteln zu sehen?

Bruch: Ich glaube, schon. Ich kenne die Geschichte von "Unsere Mütter, unsere Väter" ein bisschen. Im Ausland wurde ich oft auf die Serie angesprochen. Das haben viele Leute in Europa gesehen – auf Deutsch mit Untertiteln. Selbst in England war es ein Riesenerfolg. In Amerika läuft der Dreiteiler auf Netflix. Ich bin mir sicher, wenn man einmal angefangen hat, Filme und Serien in der Originalsprache zu schauen, kommt man nicht mehr zur Synchronfassung zurück. Weil in ihr einfach zu viel verloren geht. Ich bin mir sicher, dass die Welt auch deutschsprachige Serien lieben wird, wenn sie wirklich gut gemacht sind.


Quelle: teleschau – der Mediendienst