Die Musikwelt steht unter Schock. Schon wieder. Und wieder hat es einen aus der Rock-Szene "erwischt". Chester Bennington von Linkin Park erhängte sich übereinstimmenden Medienberichten zufolge am 20. Juli in seinem Haus in Los Angeles, gut zwei Monate nachdem Chris Cornell in Detroit Selbstmord beging – ebenfalls erhängt. Bennington wurde 41 Jahre alt. Er war erfolgreich, populär, hatte Familie (sechs Kinder), und doch machte der Sänger nie einen Hehl daraus, dass er bisweilen am Leben verzweifelte. "Gäbe es die Musik nicht, wäre ich tot", hatte er einst erklärt. Zuletzt konnte ihm offenbar nicht einmal mehr seine große Leidenschaft den nötigen Halt bieten.

"Als ich mir 2015 ein Bein brach und eine Weile nichts wirklich machen konnte, realisierte ich: Es gibt meine Familie, und es gibt Linkin Park. Für diese beiden Dinge muss ich mir Zeit schaffen. Alles andere darf nicht mehr als Spaß sein." 2015 hatte Chester Bennington, mit oder ohne Beinbruch, schon eine Menge gesehen und erlebt, privat wie beruflich. Genug, um eine klare Vorstellung davon zu haben, was in seinem Leben wichtig ist.

Schon als Jugendlicher hatte Bennington davon geträumt, einmal Rockstar zu werden. Er hörte die Platten von Depeche Mode und den Stone Temple Pilots, denen er von 2013 bis 2015 sogar selbst als Sänger angehörte. Mit 17 Jahren gründete Bennington mit seinem Kumpel Sean Dowdell die Band Sean Dowdell and his Friends. Wenig später eröffneten die beiden Freunde ein gemeinsames Tattoo-Studio in Phoenix – ein weiterer Weg für den getriebenen Kreativen Bennington, sich künstlerisch zu entfalten, und weit mehr als ein Hobby: Bennington, der unter anderem auch als Schuh-Designer arbeitete, machte sich über die Jahre einen Namen als Tätowierer.

Sänger mit hohem Wiedererkennungswert

Zu weltweitem Ruhm aber gelangte Bennington als Sänger mit hohem Wiedererkennungswert. Nach dem Aus von Sean Dowdell and his Friends (später Grey Daze) trat er 1999 der drei Jahre zuvor gegründeten Band Xero bei. Wenig später benannte sich die Gruppe um in Hybrid Theory, kurz darauf noch einmal in Linkin Park. Der Rest ist Musikgeschichte. Die Nu-Metall-Formation veröffentlichte sieben Studioalben (das letzte, "One More Light", im Mai 2017). Sie wurde mit zwei Grammys und zahlreichen MTV Awards ausgezeichnet. Linkin Park verkauften bis heute über 70 Millionen Tonträger. – Mit Chester Bennington wurden Linkin Park zu einer der erfolgreichsten Rockgruppen des 21. Jahrhunderts. "Schockiert und mit gebrochenem Herzen" reagierte Bandkollege Mike Shinoda bei Twitter auf die Nachricht vom Tod seines langjährigen Weggefährten.

"Sie hat etwas Positives, sie ist hoffnungsvoll", umschrieb Bennington die Musik seiner Band unlängst. Und den passenden Vergleich schob der Frontmann direkt hinterher: "Das ist, als wenn du im Frühling ein Grab besuchst und die schönen Blumen bemerkst, die daneben aus der Erde wachsen." Trotz aller "Hoffnung": Aus solchen Worten sprach fraglos ein düsterer Blick auf die Welt, den man bei einer Metalband schnell als "typisch" abtut, der aber bei Bennington nicht von ungefähr kam. Seinem Erfolg als Musiker stand eine private Biografie gegenüber, die sich bisweilen mit Schaudern liest.

Sexuell missbraucht

Bennington wurde als Kind über Jahre sexuell missbraucht; er soll damals Mordgedanken entwickelt haben; das Verhältnis zu seinen Eltern – ein Polizist und eine Krankenschwester – war vor allem nach der Scheidung 1987 schwer belastet. Bennington trank schon als Jugendlicher exzessiv, konsumierte neben LSD und Opiaten auch Kokain und Crystal Meth bis hin zur Abhängigkeit. Im Alter von 18 Jahren wurde er von einem US-Gericht zu Sozialstunden verdonnert.

Im Interview mit der "Bild"-Zeitung sprach er zuletzt noch über Depressionen, die ihn auch über die letzten zehn Jahre begleitet hätten: "Ich hatte eine Art Burn-out, aber nicht, weil ich mich müde fühlte. Ich hatte einfach die Schnauze voll von der Welt. Ich wollte nichts mehr machen, wollte niemanden sehen."

Von der Musik von Linkin Park mag man halten, was man will. Viele warfen der Band von Beginn an vor, sich zu sehr dem Mainstrean anzubiedern. Aber: Chester Bennington war fraglos eine Persönlichkeit, die mit ihrer reflektierten Sicht auf sich selbst und die Welt herausstach. Das wurde immer wieder auch in Benningtons Erinnerungen an seine Jugend deutlich und in seiner Erkenntnis, das diese jenseits der 40 womöglich vorbei ist. Die Jugend, erklärte er kürzlich, sei "die Zeit, in der du die meiste Kraft hast, wieder aufzustehen, wenn Mist passiert. Du hast ein Maximum an Optimismus."

Chris Cornell und Bennington waren gute Freunde

Das Datum mag am Ende keine Rolle spielen, und auch sonst sollte man vorsichtig sein mit Bezügen zu Chris Cornell. Aber zu dem "Mist", der im Leben passiert, zählte für Bennington sicher auch der Tod des Soundgarden-Frontmanns. Cornell hätte am 20. Juli seinen 53. Geburtstag gefeiert. Er und Bennington waren gute Freunde. Der Sänger von Linkin Park soll Taufpate für eines von Cornells Kinder gewesen sein, er sang auf dessen Beerdigung Cohens "Halleluja" und schrieb in einem Trauerbrief: "Ich kann mir keine Welt ohne dich vorstellen."

Abhängigkeit, Ängste, Verlust, Perspektivlosigkeit – Themen wie diese verarbeitete Bennington immer in seinen Songs, von denen angesichts seines Todes noch einmal klar wird, wie persönlich sie tatsächlich waren. "In The End", "Shadow Of The Day", "Breaking The Habit", zuletzt "Nobody Can Save Me": Chester Bennington war ein lebender Beweis dafür, dass melancholische oder düstere Texte in der Rockmusik oft genug nicht nur Formeln sind – und dafür, dass private Schwierigkeiten manchmal auch vom größtmöglichen beruflichen Erfolg nicht kompensiert werden.


Quelle: teleschau – der Mediendienst