Nach Motiven seines Familienromans "Mittelreich" hat Josef Bierbichlers den Film "Zwei Herren im Anzug" gedreht. Ein Vater kann seinen Sohn nicht lieben, die Mutter verteidigt ihn mit fürsorglicher Zärtlichkeit. Spät kommt das Kriegstrauma des Vaters zur Sprache – die Erinnerungsarbeit hat sich doch gelohnt.

Ganz langsam nähert sich zu Beginn von "Zwei Herren im Anzug", Josef Bierbichlers Verfilmung seines Familienromans "Mittelerde", die Kamera einem Wirtshaus am See. Auf dem See schwimmen zwei schwarze Hüte. Erst ganz am Ende des Zweistundenfilms (Erstsendung bei ARTE) löst sich auf, was die Hüte bedeuten. Zwei alte Herren, engelhafte Beobachter des Menschenlebens sind ins Wasser gegangen. Ihre letzten Worte: "Sind wir froh, dass wir keine Menschen sind!" – Der Rest ist Schweigen, Schweigen über die sehr harte Geschichte vom Seewirt, der sich nicht mehr erinnern kann, an das was war in Russland und in Polen, damals 1944.

40 Jahre danach sitzen sie im Saal des Wirtshauses, der Wirt und Bauer Pankraz und sein Sohn, der Semi. Die Mutter ist gerade beerdigt worden, der Leichenschmaus ist vorbei. Alte Freunde und Bekannte sind gekommen, die fast vergessen sind, die Nachbarin, die damals der Mutter die Heirat mit Pankraz empfohlen hat. Josef Bierbichler und sein Sohn Simon Donatz graben sich hier durch einen Dialog der Erinnerung. Zurück geblendet wird weit über die Zeit des letzten Weltkriegs hinaus in die Vorkriegszeit und auf die Mobilmachung für den Ersten Weltkrieg. In Doppelrollen sind dann Bierbichler und Donatz auch die frühere Generation.

Doch es ist kein Geschichtsbuch, das hier aufgeschlagen wird. Sehr subjektiv, auch mithilfe von aufbewahrten Familienfotos, kommen die Erinnerungen ans Licht. Scheinbar unverfängliche zunächst, dann immer schlimmere. Zwei zerstörte Seelen: Nie haben Sohn und Vater miteinander reden können, immer hat der Vater geschwiegen. Er hat den Sohn nicht haben wollen, so stellt sich heraus, ihn immer abgelehnt, aus spät zum Vorschein kommenden traumatischen Gründen.

Lange glaubt man beim Betrachten des dialogischen Gedankenstroms, alles gehe seinen familienüblichen Gang. Nichts Ungewöhnliches, der harte Handel eben, das schwere Bauernleben. Doch sitzt der ältere Sohn viele Jahre nach dem Krieg plötzlich wieder in der Küche. Er hat, so stellt sich heraus, den Verstand verloren nach seiner Kriegsverletzung. Im Wirtshaus hält er antisemitische Reden, schließlich wird sein Zustand für unheilbar erklärt.

Marien- und Soldatenlieder mischen sich schon vor dem ersten Krieg, in den die Burschen zur Musterung in Lederhosen und mit Federhüten ziehen. Immer noch aber geht später dem Pankraz das Lied nicht aus dem Kopf, das er als junger Solist in der Kirche sang: "Selig sind die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich" aus dem "Evangelimann". Ein Lied, das den Pankraz, der einmal Sänger werden wollte und sich schon auf der Opernbühne sah, ein Leben lang begleitet. Auch Semi, sein Sohn wird dieses Lied wiederhören. Da ist er im Klosterinternat, und ein Pater nähert sich ihm nach dem Turnunterricht lüstern an.

Bierbichler, der ja in diesem Film nach Motiven seines Romans "Mittelreich" Schauspieler und Regisseur in einem ist, macht daraus nicht zuletzt mithilfe der Musik eine unter die Haut gehende Kunstszene zwischen Klage, Mitgefühl und Pein. Überboten wird sie nur vom unmittelbar folgenden plötzlichen Entschluss des Vaters, sich von der Frau zu trennen und obendrein sein Erbe der Kirche zu vermachen, weil der eigene Sohn gar so unchristlich sei.

Semi, der Sohn, aber beschließt zuletzt, das will ertragen sein, in den Schoß der erkrankten Mutter zurückzukehren, statt wie vom frömmlerischen Vater empflohlen, in den "Schoß der Kirche". Bierbichler, der Achternbusch-Schauspieler, Freund und wohl auch Lehrling, bedient sich da einer drastischen Bildsprache, wie bei Achternbusch gelernt. Nur noch größer, rigoroser. Dagegen waren Achternbuschs Tabubrüche, etwa der skandalträchtig gekreuzigte Frosch im "Gespenst", geradezu marginal.

Bierbichlers Lebensbeichte, die wohlgemerkt nicht deckungsgleich ist mit der eigenen Biografie, hat zum Glück für den Zuschauer aber auch ihre komischen und durchaus banalen Momente. Grandios werden beispielsweise die Nachkriegszeit und die Kehrseiten des Wirtschaftswunders geschildert. Ein Faschingsfest mit Maskenprämierung gipfelt in der Überlegung, ob nun eine Stripperin mit Hitlerbärtchen Chancen habe auf einen Preis. "Die Frau ist schön", gibt ein Mitglied der Jury zu bedenken, nicht ohne anzumerken, man könne der Prämierten zum Ausgleich ja einen Mann "mit hebräischem Aussehen" an die Seite stellen. Irgendwann aber sagt dann Pankraz zur Hitler-Maske den denkwürdigen epochalen Satz: "Ich war nie ein Nazi, doch kein Nazi war ich nie."

Angesichts des 1944 auf dem Rückzug in Polen Erlebten, als Pankraz und sein Kriegskamerad von SS-Leuten zu einem letzten schrecklichen Sondereinsatz gezwungen werden, ist das ein Satz, der erstaunlich ist. Zwischen all der bombastischen Wagner-Smbolik und den Bildern vom Untergang im See, die Bierbichler für seinen armen bindungslosen Helden findet, wirkt diese Nebenbei-Erkenntnis wie ein hoffnugsvoller Funke der Vernunft. Eine wahrhaft komische Erkenntnis.


Quelle: teleschau – der Mediendienst