Im ZDF-Talk "Markus Lanz"

Antisemitismus-Debatte läuft bei "Markus Lanz" aus dem Ruder - Gäste wollen Studio verlassen: "Herr Wolffsohn, bitte bleiben Sie hier"

09.07.2024, 09.22 Uhr
von Natascha Wittmann

Bei "Markus Lanz" wurde über die zunehmenden antisemitische Vorfälle in Deutschland gesprochen. Schriftstellerin Deborah Feldmann äußerte scharfe Kritik an der deutschen Polizei und stieß damit auf Unverständnis bei Historiker Michael Wolffsohn. Schauspielerin Adriana Altaras und Jurist Michael Fürst nahmen ebenfalls an der kontroversen Diskussion teil.

Die steigende Gewaltbereitschaft

Seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 ist die Lage nicht nur im Nahen Osten prekär. Auch in Deutschland steigt die Zahl antisemitischer Vorfälle. Laut einer jüngsten Studie wurden 2023 insgesamt 4782 antisemitische Vorfälle dokumentiert – ein Anstieg von unglaublichen 83 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Markus Lanz wollte deshalb am vergangenen Donnerstag von seinen Gästen wissen: "Was bedeutet es, heute in Deutschland jüdisch zu sein?"

Schauspielerin Adriana Altaras gab offen zu, dass sie mittlerweile nicht mehr auf der Straße in Berlin als Jüdin erkannt oder gehört werden wolle. "Über sowas habe ich nie nachgedacht. Ich war immer eine öffentliche Jüdin, bin damit vielleicht sogar hausieren gegangen", so Altaras.

Schriftstellerin Deborah Feldmann sah das ähnlich. Mit zittriger Stimme und Tränen in den Augen offenbarte sie: "Die letzten neun Monate waren für mich und für viele meiner Freundinnen und Bekannte ein unendlicher, lebendiger Albtraum. Ich kann das nicht anders beschreiben." Feldmann ergänzte: "Ich habe jedes Bild, jedes Video gesehen, was am 7. Oktober passiert ist." Gleichzeitig könne sie jedoch auch mit allen Palästinensern mitfühlen und sagte, die Bilder aus Gaza könne "kein Mensch aushalten". Im Gespräch mit Markus Lanz kritisierte sie: "Wir scheinen keine Macht zu haben, Einfluss auf diese Situation auszuüben." Feldmann warnte weiter: "Ich sehe ein Zerbröseln der jüdischen Welt (...). Ich weiß nicht, wie wir wieder zusammenkommen können. Ich weiß nicht, wie wir uns heilen können. (...) Ich bin verzweifelt, entsetzt, aber entschlossen. Trotz allem!"

Deborah Feldmann: "Die Erinnerungskultur ist zu einem Machtsystem geworden"

Auch Historiker Michael Wolffsohn bezeichnete die aktuelle Lage in Deutschland als brenzlig und gab zu: "Im Prinzip ist die Geschichte Gegenwart geworden." Laut Wolffsohn gebe es jedoch verschiedene Auswüchse des Antisemitismus. "Das ist eine Gefahr: der alt-rechtsextremistische, der (...) linksextremistische und der muslimische", so Wolffsohn, der ergänzte, dass Europa mittlerweile "ein Nebenschauplatz der Nahostkonflikte geworden" und dadurch historisch "eine völlig neue Situation" entstanden sei. "Jetzt ist sozusagen der Damm gebrochen. Und es kann nur ein Damm brechen, wenn eben genug Wasser schon dagegen ist", warnte der Historiker. Er ergänzte: "Es ist eine Tendenz da, die Juden insgesamt anzugreifen – egal, ob sie mit Israel verbunden sind oder nicht."

Deborah Feldmann sah derweil die Gefahr vor allem im rechtsextremistischen Antisemitismus und machte gleichzeitig auch die Politik für die wachsende Kluft innerhalb der jüdischen Gemeinde mitverantwortlich: "Die Erinnerungskultur ist zu einem Machtsystem geworden, worin die Politik seit Jahrzehnten investiert. Damit werden innenpolitische Machtkämpfe ausgefochten, die nichts mit Juden zutun haben." Als Beispiel nannte sie die Bildungsministerin Bettina Stark-Watzingers entsetzte Reaktion auf einen Brief mehrerer Uni-Lehrkräfte, die sich für das Recht Studierender auf friedlichen Protest aussprachen. "Wir werden ausgenutzt und danach werden wir dafür auch für schuldig gehalten", behauptete Feldmann. Michael Wolffsohn sah das jedoch völlig anders: "Es ging darum, die jüdischen Studenten zu schützen." Feldmann konterte jedoch wütend: "Dieser Staat schützt alle, die sich für die Staatsräson einsetzen - Juden wie Nicht-Juden. Jeder, der die Staatsräson ein klein wenig hinterfragt, (...) die werden nicht geschützt – Juden inklusive."

Michael Fürst: "Das ist wirklich nicht mehr auszuhalten jetzt!"

Dem konnte Adriana Altaras nicht ganz zustimmen. Sie sagte, sie habe keinerlei Antisemitismus aufgrund ihrer Israel-Kritik erfahren: "Ich halte es für absolut angebracht, Israel zu kritisieren." Feldmann erklärte jedoch, dass ihre Realität völlig anders aussehe und ihr regelmäßig eine Geiselhaft und der Holocaust gewünscht werde. "Ich habe Angst", so die Schriftstellerin. "Du glaubst, wenn man nicht Israel-freundlich ist, wird man in Deutschland gesteinigt?", hakte Altaras ungläubig nach. Feldmann nickte und erklärte, dass es vermehrt Polizeigewalt gegen Juden gebe. "Inzwischen kriege ich einen Herzinfarkt, wenn ich einen Polizisten sehe", so Feldmann. Jurist Michael Fürst schoss empört zurück: "Herr Lanz, das ist wirklich nicht mehr auszuhalten jetzt!" Deborah Feldmann zog jedoch unbeirrt weiter vom Leder: "Die Faktenlage ist klar (...): Juden werden von Polizisten auf Demos verhaftet, weil sie sich für ein Ende des Krieges einsetzen."

Als sich die übrigen Gäste mehrmals für Frieden aussprachen und erklärten, dass der Staat seine Bürger schützen müsse, wetterte die Schriftstellerin weiter: "Den Frieden, den Sie wollen, (...) der wird in Deutschland aktiv verhindert." Es werde vom Staat sogar "Druck" ausgeübt, "dass Friedensveranstaltungen abgesagt werden". Michael Wolffsohn wollte das nicht unkommentiert stehen lassen. Entrüstet stand der Historiker aus seinem Stuhl auf und drohte mit dem Abbruch der Sendung: "Nein! Stopp! Frau Feldmann! Ich gehe weg! Es geht nicht!" "Herr Wolffsohn, bitte bleiben Sie hier. Bitte tun Sie mir den Gefallen", beschwichtigte Lanz seinen Gast, worauf sich Wolfssohn wieder beruhigte. Einen gemeinsamen Nenner konnten Feldmann und Wolffsohn dennoch nicht finden. "Nicht einfache Diskussion – es war ein Versuch", so Lanz abschließend.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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