Bitteres Aus gegen die Spanier

Große Emotionen nach EM-Niederlage bei ARD-Experten: "Mein Herz blutet"

08.07.2024, 08.02 Uhr
von Michael Eichhammer

Schon vor dem Anpfiff standen Esther Sedlaczek die Haare zu Berge. Die tierischen und menschlichen Orakel lagen falsch: Deutschland verlor das Viertelfinale gegen Spanien. Trotz kämpferischer Leistung und einiger strittiger Szenen reichte es am Ende nicht. Ein Aus mit viel Emotionen und einer großen Portion Hoffnung für die Zukunft.

Unzählige tierische und menschliche Orakel prophezeiten im Vorfeld das Ergebnis des Viertelfinales zwischen Deutschland und Spanien. Vor dem Einzug der Gladiatoren in die Arena in Stuttgart um 18 Uhr wurde in der ARD noch fleißig weiter orakelt – von Moderatorin Esther Sedlaczek und Experte Bastian Schweinsteiger.

Angesichts von als Weisheiten getarnten Plattitüden wie "Auf Kleinigkeiten kommt es an" oder "schnell drehen und zum Abschluss kommen" (Schweinsteiger) hätte man sich manchmal gewünscht, die im Hintergrund bereits eingespielte inoffizielle Hyme "Völlig losgelöst" würde das Duo übertönen. Immerhin ein Spruch von Schweini war ein Volltreffer: "Wenn wir heute genauso stehen wie deine Haare, dann gewinnen wir", prognostizierte der ehemalige WM-Held und Ex-Bayern-Profi. Eine Anspielung auf Szedlaczeks turmhoch gestapelten Zopf.

Im Gespräch mit dem Bundestrainer stellte Esther Sedlaczek fest, dass Julian Nagelsmann immer so "entspannt" wirken würde und wann denn selbst bei ihm die Nervosität einsetze. "Nervös bin ich nicht, aber angespannt", konterte er, cool wie der Held aus einem 80er-Jahre-Actionfilm. Zudem widersprach er der Moderatorin, als die erwähnte, dass das heutige Spiel das letzte von Toni Kroos sein könnte: "Er hat ja nächste Woche noch zwei", gab sich Nagelsmann kampfbereit.

Ohne Nagelsmanns Kaugummi hätte man glatt nervös werden können

Nach der ersten Halbzeit klang diese Einschätzung noch äußerst plausibel: ein torloses Unentschieden. Oder optimistisch gesehen und von vielen Fans gefühlt: 0:0 für Deutschland. Verpasste Torchancen, einige Fouls und ein Schiedsrichter, der in Spendierlaune war bei der Vergabe von gelben Karten sorgten für Nervenkitzel. Wo gehobelt wird, da fallen Spanier, doch Toni Kroos war der gelb-roten Karte irgendwann gefährlich nah.

Zum Glück signalisierte Julian Nagelsmann mit seinem Kaugummikauen, dass es für die Zuschauer keinen Grund zur Panik gab. Irgendwann aber entglitten selbst Nagelsmann die Gesichtszüge und obwohl es bis zur letzten Sekunde der Nachspielzeit spannend blieb, siegte die rote Furie am Ende mit 2:1.

Die meisten Märchen beginnen mit "Es war einmal ...", doch das deutsche Sommermärchen-Revival 2024 endete mit diesem Satz. "Völlig losgelöst" war niemand mehr. Stattdessen: Spieler wie Zuschauer völlig aufgelöst. Bastian Schweinsteiger und Esther Sedlaczek versuchten sich nach dem Spiel als Trost spendende Grabredner für den soeben gestorbenen Traum vom Halbfinale.

"Das Schöne ist, dass wir die Herzen wieder erobert haben", befand Schweinsteiger, zudem "wir die bessere Mannschaft waren". Sedlaczek schwelgte flankierend im Konjunktiv: "Es wäre ein verdienter Sieg gewesen." Hätte, hätte, Abwehrkette. Schweinsteiger gab zu: "Mein Herz blutet." Auch der interviewte Joshua Kimmich fand das Drama von Stuttgart "sehr ungerecht". Die bessere Mannschaft habe verloren, "das ist schwer zu ertragen". Toni Kroos sagte das Gleiche, nur in anderen Worten. Er fand aber auch, man könne stolz auf das Erreichte sein und den Anspruch, besser zu werden, weitertragen. Allerdings ohne ihn, denn Julian Nagelsmann lag falsch als Wahrsager: Toni Kroos beendete am Freitagabend in Stuttgart seine Karriere.

Olaf Scholz lächelt wie immer alles weg

Auch der Bundeskanzler durfte den Moment der Trauer noch für einen PR-Auftritt nutzen und lächelte sein bekanntes Lächeln in die Kamera und sagte Sätze, die Politiker eben so sagen. Irgendwas mit "toll gekämpft" und "großer Erfolg". Wesentlich authentischer wirkte Niclas Füllkrugs Ansprache an die Fans: "An euch vielen Dank für das tolle Gefühl, das ihr uns gegeben habt. Es war wahnsinnig schön, für euch zu spielen!"

Julian Nagelsmann machte keinen Hehl aus seinem Gemütszustand. Vom Kaugummi-Helden war nichts mehr übriggeblieben: "Ich kämpfe mit den Tränen", sagte er. Man hätte es ihm auch ohne Worte angesehen und aus seiner angeschlagenen Stimme herausgehört.

Eine Frage schwebte schon die ganze Zeit im Raum: Hatte der Schiedsrichter einen Hand-Elfmeter für Deutschland nicht gegeben? Bastian Schweinsteiger und Julian Nagelsmann waren sich einig: Ja! Der Elfmeter gegen die Schweiz sei eindeutiger gewesen, bekundete der Bundestrainer. Schweinsteiger korrigierte danach, dass er wohl Dänemark gemeint hatte, doch da war Nagelsmann bereits außer Hörweite. Mailand oder Madrid, Dänemark oder Schweiz, das kann ja mal passieren.

Esther Sedlaczek kommentierte den Versprecher mit der Erkenntnis: "Wir sind am Ende." Das galt für ihre Moderation ebenso wie für die Reise der Nationalmannschaft. Doch auch wenn es wie eine Plattitüde klingen mag: Jeder, der dieses Spiel gesehen hatte, musste erkennen: Dieses Ende war auch ein Anfang. Die Nationalmannschaft hat Vorfreude und Hoffnung auf die WM in zwei Jahren erzeugt. Das ist mehr, als viele ihr zugetraut hätten. Manche Märchen beginnen mit: "Es wird einmal."


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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