Regisseur im Interview

"Dr. Nice"-Macher Stefan Raiser: "Traum ist ein Crossover von "Dr. Nice" und "Die Bergretter"

10.07.2024, 09.21 Uhr
von Frank Rauscher

Aus der Feder von Film-Produzent Stefan Raiser stammt die Arztserie "Dr. Nice". Wir haben mit dem Macher über die Zukunft der Serie gesprochen.

Mit "Dr. Nice" hat Stefan Raiser, Chef der Münchner Produktionsfirma Dreamtool, eine der wenigen Erfolgsgeschichten im Fernsehprogramm des vergangenen Jahres verantwortet. Moritz Neiss, der von Patrick Kalupa gespielte Mediziner, der am Sonntagabend im sogenannten ZDF-"Herzkino" praktiziert, eroberte das Publikum im Sturm. Nun wird die im Frühjahr 2023 gestartete Reihe mit vier neuen Filmen fortgesetzt. "Ich glaube, dass so ein Format so einschlägt, hat auch viel mit diesen Zeiten zu tun", analysiert er kurz vor Ausstrahlungsstart (Sonntag, 5. Mai, 20.15 Uhr) im Interview. "Deutschland kränkelt, die Zeiten sind schrill und laut – 'Nice' ist die passende Medizin", sagt der 53-Jährige im Brustton der Überzeugung. Man merkt es im Gespräch mit dem bekannten Produzenten in jedem Augenblick: Es läuft beim gebürtigen Schwaben Raiser, leidenschaftlicher Anhänger des derzeit so erfolgreichen VfB Stuttgart.

prisma: Welche Schlagzeile würden Sie in diesen Tagen lieber lesen: "Dr. Nice' schlägt den 'Tatort" oder "VfB Stuttgart qualifiziert sich für die Champions League"?

Stefan Raiser: Gemeine Frage, denn ich will beides – unbedingt (lacht)! So etwas wie "Mr. Nicer Raiser in der Champions League" klingt doch gut, oder?

prisma: Die ersten beiden "Dr. Nice"-Filme erzielten im vergangenen Jahr mit jeweils über fünf Millionen Zuschauern erstaunliche Einschaltquoten.

Raiser: Und wir waren auch in der Mediathek außerordentlich erfolgreich – insgesamt gehen wir davon aus, dass die ersten Filme von um die 20 Millionen Menschen im deutschsprachigen Raum geguckt wurden. Der "Tatort" spielt am Sonntagabend im linearen Programm trotzdem noch in einer eigenen Liga mit im Schnitt über acht Millionen Zusehenden. Da sind wir noch lange nicht, aber David rückt Goliath langsam auf den Pelz, wie auch die jüngsten Erfolge der "Frühling"-Reihe auf dem "Herzkino"-Sendeplatz gezeigt haben – wobei die "Tatort"-Reichweiten eigentlich kein erklärtes Ziel von uns sind.

prisma: Sondern?

Raiser: Wir wollen mit den neuen "Dr. Nice"-Filmen einfach an die guten Quoten vom Start anknüpfen, und wir setzen diesmal noch mehr auf die Mediathek, wo die Filme noch mal prominenter platziert wurden. Am 20. April wurden alle vier neuen Episoden auf einen Schlag veröffentlicht – das gab es in dieser Form noch nicht. Wir sind enorm gestartet und gespannt, wie sich das auf den linearen Zuspruch auswirkt. Ein Experiment.

"So aufrecht mag ich mir unser Publikum vorstellen"

prisma: Außergewöhnlich ist auch der Vertrauensvorschuss des Senders: Seit Kurzem werden bereits wieder neue Folgen gedreht ...

Raiser: Ja, bis November entstehen sechs weitere 90-Minüter. Wow. Ich hatte es im letzten Jahr ja gleich gesagt: "Dr. Nice' wird der neue 'Bergdoktor" (lacht). Und wer sich nicht vorstellen kann, mindestens 40 Filme zu machen, ist falsch bei uns. Da hat man mich noch belächelt ...

prisma: Auf jeden Fall war "Dr. Nice" eine der großen Überraschungen auf dem Fernsehmarkt des vergangenen Jahres. Wie konnte das passieren?

Raiser: Toller Cast, tolle Bücher, Wellness für die Augen, feines Handwerk ... – Wir haben ein hohes Niveau und bieten mit unserem seltsamen Doc auf diesem Sendeplatz etwas Neues an. Aber ich glaube, dass so ein Format so einschlägt, hat auch viel mit diesen Zeiten zu tun.

prisma: Das müssen Sie erklären!

Raiser: Deutschland kränkelt, die Zeiten sind schrill und laut – Nice ist die passende Medizin. Demokratische Werte sind fundamental am Bröckeln, bei uns und drumherum. Aber die Leute haben den Alarmismus vieler Nachrichten, den Populismus und die Aggression der Lauten bis obenhin satt. Ich glaube, es gibt einen Hunger nach Zuversicht, Besonnenheit, nach Maß und Mitte. Eine große Sehnsucht nach Empathie, nach einem angenehmeren Umgangston, nach Lösungen, Seriosität, unaufgeregten Fakten, nach Botschaften, die zugewandt sind und nicht mit dem Holzhammer kommen. Ein Nice spricht mit seiner ehrlichen Unverkrampftheit und nicht vorhandenen political correctness ganz vielen Menschen aus der Seele. Meine Theorie: Das gemeinschaftliche Zusammenleben war noch nie so brüchig wie heute – da wollen viele Leute einfach Ehrlichkeit, ein Ringen um gute Lösungen und Konsens im Alltag, anstatt populistischer Schreihälse.

prisma: "Dr. Nice" – das Programm der Mitte, der Arzt für die schweigende Mehrheit?

Raiser: So falsch wäre eine solche Analyse nicht. Als Anfang des Jahres in ganz Deutschland Hunderttausende auf die Straße gegangen sind, um für die Demokratie zu demonstrieren, standen da ganz normale Leute, die wirklich die große Mitte repräsentieren. So aufrecht mag ich mir unser Publikum vorstellen: Menschen, die weder kreischende Antifa-Parolen noch den populistischen Dreck von rechts hören wollen. Und ich finde, dazu passt die ungebremste, aber eben auch lässige Nicht-Angepasstheit von Nice. Engagiert, ehrlich, auch wenn es weh tut. Der holt mit seiner Art die Leute ab. Das Format unterhält, ohne dogmatisch zu sein. Ich denke, das ist das ganze Geheimnis.

prisma: Gab es viel Feedback auf den Start?

Raiser: Ja, ich habe noch nie so viel Post gekriegt. Nichts, was wir je gemacht haben, hatte diese Resonanz. Der Tenor: Die Leute mochten das Warmherzige, Empathische an unseren Geschichten. Nicht wenige schrieben, sie würden sich mit den Protagonisten am liebsten auf ein Bier oder zum Grillen treffen.

prisma: Natürlich hat einer wie "Dr. Nice" vor allem weibliche Fans, oder?

Raiser: Ja, klar – wir haben zu zwei Dritteln ein weibliches Publikum. Und: Wir holten erstaunlich viele Jüngere ab – auch viele junge Männer, darauf sind wir besonders stolz.

"Alle suchen nach Originalität wieder eher in der Mitte"

prisma: Sie produzieren mit einem sogenannten "Writers' Room" nach amerikanischem Vorbild ...

Raiser: Ich würde sagen, es ist ein Actors'-Writers'-Room, wir laden auch die Schauspieler dazu ein und stecken sehr früh in der Buchentwicklung die Köpfe zusammen – das ist ein intensives Arbeiten, das sich sehr bewährt hat. Wir treiben die Storylines permanent vorwärts, versuchen immer, noch emotionaler zu sein, mehr Lachen, mehr Weinen. Im Moment überlegen wir mit den Headautoren also bereits, wie es nach den sechs Filmen, die jetzt im Dreh sind, weitergeht. Schließlich stirbt Moritz Neiss am Ende der zweiten Staffel augenscheinlich.

prisma: Sie planen jetzt schon die Zukunft der Reihe?

Raiser: Ja, auch über Staffel vier hinaus – in Amerika würden sie jetzt schon Spin-offs und dergleichen entwickeln.  – Patrick Kalupa und Sebastian Ströbel, das passt sicherlich gut. Eine Geschichte mit Moritz Neiss am Donnerstag in den Bergen und Markus Kofler am Sonntag an der Ostsee. Die Zuschauer würden sich so etwas wünschen, das wissen wir aus Befragungen.

prisma: Und beim ZDF rennen Sie mit solchen forschen Gedankenspielen offene Türen ein?

Raiser: Zumindest stoße ich auf offene Ohren. "Teamwork makes the Dream work" ist ganz bewusst unsere Firmenphilosophie und prägt auch diese Zusammenarbeit. Wir hören uns gegenseitig sehr gut zu. Wir stehen am Anfang, haben mit dem Format eine wirkliche Chance und müssen die Reihe nun klug stärken. Aber andererseits ist es auch schwieriger geworden: Es ist ja so, dass alle mehr denn je nach genau so etwas suchen: nach klaren Marken, die für ein breites Publikum funktionieren.

prisma: Ist die Zeit der Nischenproduktionen, als Fiction nicht schräg genug sein konnte, vorbei?

Raiser: Ja, ich denke schon. Die ganz großen Experimente gibt es doch auch bei den Streamern nicht mehr. Eigentlich sind die Öffentlich-Rechtlichen mit ihren Mediatheken inzwischen die Innovationstreiber. Aber die sehen natürlich auch, welche Herausforderung es ist, einen wirklichen Hit zu landen. Alle suchen nach Originalität wieder eher in der Mitte. Filme und Serien, die frech und handwerklich enorm sind, nicht einfach nur schrill und spitz. Ich meine mit "Dr. Nice" sind wir da genau richtig unterwegs. Wir wollen mit unseren Mitteln und ohne zu belehren für Empathie, Moral, Anstand, Werte, Zusammenhalt und Nächstenliebe werben, dafür die Synapsen stimulieren.

Vom "End of Wokeism"-Trend in den USA

prisma: Ihr nächstes großes Projekt ist die Streaming-Serie "Schattenseite" nach dem Bestseller von Jonas Ems: ein Drama mit Thriller-Elementen über die Gefahren von Social Media. Erreicht man die Generation, um die es da geht, auf diesem Wege überhaupt noch?

Raiser: Berechtigte Frage. Ich möchte ja auch nicht, dass unsere Produktion als eine Kachel auf der Plattform endet, wo man sich fragt, was das soll, nach dem Motto: "Das hat eh kein Mensch gesehen." Zunächst einmal geht es für uns darum, die Thematik und die Zielgruppe ernstzunehmen: Cybermobbing und alles, was damit zusammenhängt, ist eine große Arena. Die bekomme ich bei meinem Sohn hautnah mit. Wir arbeiten sehr genau und behutsam mit dieser Generation und aus diesem Milieu heraus, um nicht in eine Draufsicht zu rutschen. Gleichzeitig ist Erfahrung in diesem Geschäft viel wert. Sie steigen ja auch lieber zu einem Piloten ins Flugzeug, der viele Flugstunden hat, als zu einem Fluganfänger. Die bringen wir ein. Darüber, ob es ein Hit wird, entscheidet am Ende die Qualität. Junge Serien wie "Euphoria", "13 Reasons Why" oder "Sex Education" wurden millionenfach gestreamt – weil sie in allen Belangen fucking großartig waren. So banal ist es.

prisma: Sie waren zuletzt wieder einmal für mehrere Monate in den Vereinigten Staaten. Das große Thema der dortigen Filmbranche ist die Künstliche Intelligenz. Kommen Sie euphorisch zurück?

Raiser: Auf jeden Fall. Was ich da gesehen habe, ist genial: Die großen Agenturen scannen schon ihre prominentesten Klienten, die demnächst manche Rollen übernehmen können, ohne je persönlich am Set zu sein. Aktuell geht in Hollywood eine Software für Filmproduzenten durch die Decke, die in der Lage ist, dicke Drehbücher, ganze Romane, in ein, zwei Minuten auszuwerten, akribische Lektorate zu erstellen und Fragen dazu zu beantworten. Dort lesen die Executives und ihre Mitarbeiter bald kein Drehbuch mehr selbst. Ob das gut ist, sei dahingestellt. Das Ganze bietet unendliche Möglichkeiten – aber natürlich auch gewaltige Herausforderungen, vor allem juristischer Art: Was ist mit den Copyrights? Jedenfalls hat das Thema in den Staaten total abgehoben. Da geht die Post ab, man wird förmlich überrollt von Innovation. Hier bei uns sitzen noch viele und geben ihre Prompts bei ChatGPT oder Copilot ein, um ein paar Formulierungen im Drehbuch schöner zu machen ... Wir müssen aufpassen, die Welt wartet nicht auf uns.

prisma: Was macht das Ganze mit der Filmbranche?

Raiser: Durchs Internet, dank YouTube und Co. konnte plötzlich jeder ein Star werden – viraler Erfolg ohne Umweg, ermöglicht durch freien Zugang zum Publikum. Und heute kann sich dank KI plötzlich jeder Star multiplizieren. Und im Grunde sind wir nun einen Wimpernschlag davon entfernt, dass jeder eine aufwendige Filmsequenz erstellen kann. Das alles wird die Branche bereichern, aber nicht automatisch bessere Filme machen. Ich glaube, das Gegenteil wird der Fall sein. Einzigartiges Talent und bestechende Fähigkeiten, mit all diesen Möglichkeiten umzugehen, werden wichtiger denn je sein, Persönlichkeit wird der Schlüssel zum Erfolg.

prisma: Also dann: Wie sieht das Fernsehen der Zukunft aus?

Raiser: Ich denke, diese Branche wird thematisch die Mitte neu entdecken müssen. In den USA beobachtet man den "End of Wokeism"-Trend, vor allem am Finanzmarkt, schon seit über einem Jahr. Alle anderen Branchen folgen dann dem Kapital. Ich glaube, inhaltlich werden dementsprechend Themen wie Heimat, Familie, Gesellschaft, werden konservativere Werte wieder eine größere Rolle spielen. Es geht künftig wieder mehr um die breite Ansprache, weniger um die zugespitzte Nische. Ich persönlich hoffe, dass dabei die wichtigen Errungenschaften bei Inklusion und Diversität nicht unter die Räder kommen. Der gigantische Erfolg von Taylor Sheridans "Yellowstone"-Kosmos in den USA ist ein faszinierendes Beispiel für ein Programm der Mitte. Einen solchen Stoff, eine solch große Saga aus deutscher Perspektive zu erzählen, das wäre doch was! Darüber zerbreche ich mir den Kopf.

 

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Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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