"Der Reiz des Bösen"

"Tatort" aus Köln: Wenn Frauen Mörder lieben

von Eric Leimann

Warum verlieben sich Frauen in verurteilte Gewalttäter? Und warum hat es ein Serienmörder offenbar genau auf diese Frauen abgesehen? Kniffliger Fall für Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär).

ARD
Tatort: Der Reiz des Bösen
Kriminalfilm • 19.09.2021 • 20:15 Uhr

"Er ist nicht mehr der Mensch, der er mal war. Er ist anders. Ich fühl' das ", sagt die alleinerziehende Mutter Ines (Picco von Groote) zu ihrer Arbeitskollegin. Der Mann, über den die Frauen im neuen Kölner "Tatort"-Krimi "Der Reiz des Bösen" reden, heißt Bastian "Basso" Sommer (Torben Liebrecht) und ist ein verurteilter Gewalttäter. Während seiner Haftzeit hat er Ines über eine vermittelte Brieffreundschaft kennengelernt. Nun soll der smarte Kraftmensch "Basso" direkt bei der schwer verliebten Ines einziehen – was vor allem deren kleinen Sohn ein schlechtes Gefühl in der Magengegend bereitet. Keinerlei Gefühle mehr hat hingegen Krankenschwester Susanne Elvan (Nesche Demir), die auf dem Dach ihrer Klinik von vielen Messerstichen getötet aufgefunden wird. Die Ermittler Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) finden die Augen des Opfers mit einem Ledergürtel bedeckt. Das Besondere: Auch Susanne war mit einem verurteilten Gewalttäter zusammen, ja sogar verheiratet, den sie noch während dessen Knastzeit geehelicht hatte. Auch diese Beziehung war durch ein Resozialisierungsprogramm für Strafgefangene vermittelt worden.

Tarek Elvan (Sahin Eryilmaz), der Mann des Opfers, hatte schon vor dem Tod seiner Frau massive Probleme mit seinen Aggressionen. Gerade in letzter Zeit gab es oft Streit im Haus. "Meine Mutter wollte ihn nur retten mit ihrer Liebe", erzählt die halbwüchsige Opfertochter Mia (Tesha Moon Krieg) den Beamten und spielt damit auf das spannende Thema des neuen Kölner "Tatorts" an, das Phänomen der Hybristophilie. Der Begriff bezeichnet eine Neigung, meist von Frauen, die sich von gewalttätigen Schwerverbrechern angezogen fühlen.

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"Charles Manson hatte Wäschekörbe voller Liebesbriefe in seiner Zelle", bricht Polizeipsychologin Lydia Rosenberg (Juliane Köhler) das scheinbare Paradoxon auf ein anschauliches Beispiel herunter. Auch der norwegische Massenmörder Anders Breivik und andere schwer gestörte Gewalttäter konnten und können sich vor Liebesangeboten kaum retten. "Diese Frauen haben oft selbst ein Trauma, missdeuten die Gewaltbereitschaft der Männer als Stärke und wollen diese Männer wieder auf den rechten Weg führen", lernen die Zuschauer weiter aus dem Mund der Psychologin. Doch es gibt auch etwas weniger didaktische, dafür aber philosophische Erklärungsansätze für die gefährliche Liebe der Frauen in diesem "Tatort" (Buch und Regie: Jan Martin Scharf, Co-Autor: Arne Nolting).

Die vielleicht schönste Einsicht stammt von Freddy Schenk. "Nach über 20 Jahren Ehe weiß ich, bei der Liebe geht es immer darum, was der eine in dem anderen sehen will." Tatsächlich gibt es aber noch eine weitere Psychologin im Film: Gefängnis-Kraft Bianca Ambach (Tanja Schleiff) , die von einem therapeutischen und resozialisierenden Programm überzeugt ist, das einsitzende Gewalttäter über Brieffreundschaften mit ganz normalen Frauen zusammenbringt. Frau Ambach, pikanterweise selbst mit einem Ex-Häftling zusammen, hat schon viele solcher Freundschaften mit Beziehungsoption vermittelt: "Nicht jede Frau, die einen Ex-Häftling liebt, ist gleich hybristophil – dazu gibt es ganz wenig Forschung", sagt sie.

Wie so oft am Kölner "Tatort"-Standort, orientiert sich auch der neue Fall eher am klassischen deutschen TV-Krimi und weniger an modernen oder gar experimentellen Erzählformen. Was den Film spannend macht, ist sein Thema und wie es vor allem am Beispiel des stark aufspielenden "Gefahrenpaares" Picco von Groote und Torben Liebrecht in fast schon "hitchcockscher" Suspense-Manier bebildert wird. Ist der Mann nun böse oder nicht? Können sich schlechte Menschen grundlegend verändern? Echte Gefängnis-Psychologen dürfte an diesem durchaus wendungsreichen WDR-Krimi ärgern, wie archaisch hier mit Gut und Böse umgegangen wird. Inklusive einem "Schweigen der Lämmer"-artigen Besuch von Ballauf und Schenk bei einem verurteilten Frauenmörder, der als asozial, nicht resozialisierbar und mit einer Maske gegen Spuckattacken (und Beißen?) vorgestellt wird. Gibt es tatsächlich solche Teufel?

Eine charakterliche Differenzierung erfährt immerhin Ballaufs und Schenks Mitarbeiter Norbert Jütte (Roland Riebeling), der bislang durch Schwerfälligkeit und Dienst-nach-Vorschrift-Mentalität auffiel und als Comic-Relief im Kölner Revier herhalten musste. In diesem Fall erhielt der Mann nun eine Rolle, in der er sich neu zeigen kann. Insgesamt muss man sagen: "Der Reiz des Bösen" ist ein interessanter Themenkrimi, der zwar hier und da ein wenig didaktisch und formelhaft daherkommt, aber durch fiese, stark gespielte Szenen dennoch zu gefallen weiß. Wer es bis zum actionreichen Schlussspurt aushält, wird danach einigermaßen baff in die Nacht entlassen. Ein bisschen Twist-Horror wie von Kino-Zauberer M. Night Shyamalan ("The Sixth Sense") gibt es diesmal auch im krimibürgerlichen Köln.

Tatort: Der Reiz des Bösen – So. 19.09. – ARD: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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