Norddeutsch lakonisch und mit Blick für skurrile Details erzählen Drehbuchautor Klaus Burck ("Spuren der Rache") und Regisseurin Martina Plura ("Vorstadtrocker") ein an die Waterkant verlagertes Update des Westernklassikers "12 Uhr mittags".

Olaf Gabriel (Jörg Schüttauf) ist einziger Mitarbeiter der Polizeidienststelle von Hedly, einem Kaff an der norddeutschen Küste. Der Zuschauer sieht den alleinstehenden Jedermann zu Beginn des Films in hektischer Betriebsamkeit. Das Campmobil ist gepackt, der Polizist hat seinen letzten Arbeitstag. Aus dem geplanten Verschwinden wird natürlich nichts. Gabriels Nachfolger meldet sich krank, die Polizeidienststelle darf nicht unbesetzt bleiben. Derweil ist Verbrecher Simon Held (Thomas Arnold) mit drei Spießgesellen auf dem Weg, um sich am Polizisten zu rächen. Der vereitelte vor sechs Jahren – eher unfreiwillig – einen Bankraub. Held gibt Gabriel zudem die Schuld daran, dass sein Bruder an jenem Tag ums Leben kam und die Beute bis heute verschwunden blieb. Während der ängstliche Polizist bis zuletzt an seine Flucht glaubt, sitzen die Gangster längst im Nahverkehrszug nach Hedly.

Vier Oscars gewann der in Echtzeit erzählte Klassiker "12 Uhr mittags" von 1952, der bis heute als einer der besten Western aller Zeiten gilt. Was viele, die den Film als Kind im deutschen Fernsehen sahen, als dort noch regelmäßig Westernklassiker liefen, vergessen oder damals nicht wahrgenommen haben: Bereits der von Gary Cooper gespielte Marshall war ein "Antiheld". In Fred Zinnemanns Film verkörperte Cooper einen alternden Marshall, der ebenfalls seinen Abflug plant, um der Konfrontation mit den Verbrechern aus dem Weg zu gehen. Das Zögern des Marshalls und dessen mangelnde Unterstützung durch die Bevölkerung, die den Gesetzesmann zum Gehen drängt als die Verbrecher nahen – es reichte, um den Film in der McCarthy-Ära als "unamerikanisch" zu brandmarken. Der konservative John Wayne nannte den Western "das unamerikanischste Ding, das ich jemals in meinem Leben gesehen habe".

66 Jahre später hat man zu gebrochenen Film- und Fernsehhelden zwar ein weitaus entspannteres Verhältnis, der von Jörg Schüttauf brillant hasenfüßig verkörperte Cop verweigert sich dem Heldenstatus aber selbst für heutige Verhältnisse radikal. Polizist Gabriel, aus dessen Perspektive man den Film erlebt, hat wirklich nichts zu bieten, mit dem man sich gerne identifizieren möchte. Seine Rolle als Hanswurst wird noch deutlicher, als die taffe LKA-Beamtin Gracia Keller (Rosalie Thomass) in Hedly eintrifft, um den Überforderten zu unterstützen. Hier entfernt sich die humorige NDR-Adaption vom Hollywood-Original: Wenn schon Frauen Männer beschützen müssen, die vor der Bedrohung fliehen möchten, dann wäre im Western wirklich alles zu spät.

Natürlich wird auch in diesem Film der Held samt seinem Umfeld eine Entwicklung durchmachen. Sie zu verraten, wäre an dieser Stelle ein ziemlicher Spoiler. Nur soviel: Klaus Burcks Drehbuch ist nicht nur originell im detailreichen Spiel mit Western-Klischees, es geriet für eine deutsche TV-Produktion auch angenehm klischeefrei und überraschend.

Das höchste Lob für diese kleine, aber feine Tragikomödie gebührt jedoch Hauptdarsteller Jörg Schüttauf. Wie er den feigen Polizisten spielt, mit dem sich der Zuschauer ob der Erzählperspektive identifizieren soll, ist fast schon großes Kino. Schüttauf legt die menschliche Feigheit in vielen kleinen Gesten, Blicken und Entscheidungen bloß. Dennoch lässt er dabei stets die Liebe für seine Figur und den feigen Menschen als solchen durchschimmern. So gut wie Schüttauf jene schauspielerische Rasierklinge reitet, können das in Deutschland momentan nicht viele.


Quelle: teleschau – der Mediendienst