Die hochgelobte Agentenserie "Deutschland 86" wanderte von RTL zu Amazon Prime Video, wo sie in Sachen Budget, aber auch "Serienkunst" deutlich aufgewertet wurde.

Im Spätherbst 2015 gab es bei RTL, der produzierenden UFA Fiction und vielen Fans des anspruchsvollen seriellen Erzählens in Deutschland lange Gesichter. Die von viel Tamtam, Vorschusslorbeeren und internationalem Interesse begleitete deutsch-deutsche Agentenserie "Deutschland 83" scheiterte krachledern mit miesen Quoten im teutonischen Privatfernsehen. Gerade einmal 1,6 Millionen Zuschauer verfolgten das Staffelfinale des RTL-Renommierprojekts kurz vor Weihnachten. Dabei hatte man den unterhaltsamen Genremix aus Agenten-Thriller und poppig-ironischer Zeitreise bereits vielversprechend in wichtige TV-Märkte wie USA und Großbritannien verkauft. Der zweiten Staffel, "Deutschland 86", nahm sich US-Streaming-Gigant Amazon an. Eine künstlerisch gute, ja brillante Entscheidung – wie die Ansicht der ersten sechs von zehn Folgen verrät. Die zehn Folgen von "Deutschland 86" sind ab Freitag, 19. Oktober, bei Prime Video zu sehen.

Spion Martin Rauch (Jonas Nay) ist zurück. Oder auch nicht, denn Zuschauer von "Deutschland 83" erinnern sich, dass der junge Mann vom DDR-Auslandsgeheimdienst HVA am Ende von Staffel eins ziemlich in Ungnade gefallen war. Weshalb man ihn drei Jahre später – versteckt als Deutschlehrer – in Angola wiederfindet. Noch ein wenig weiter südlich schiebt Martins Tante Lenora (Maria Schrader) weiter Dienst für den Sozialismus – indem sie Waffendeals mit dem dortigen Apartheidregime betreut. Ohnehin ist es mit der Wertorientierung Ost-Berlins in den letzten drei Jahren offensichtlich bergab gegangen. Die DDR ist fast pleite. Weshalb der "Sondereinheit" Kommerzielle Koordinierung, kurz KoKo genannt, die Aufgabe zukommt, auf Teufel komm raus harte Devisen für den Staat der Gleichen zu erwirtschaften.

Unter anderem mit Waffendeals, Müllimporten aus der BRD, Gefangenenverkauf oder Medikamententest an DDR-Bürgern im Auftrag von westlichen Pharmaunternehmen. Alles – fiktional betrachtet – wunderbar perfide und keineswegs ausgedacht, sondern in Wahrheit passiert. Wie in Staffel eins recherchiert und in Fiction verwandelt vom amerikanisch-deutschen Autoren- und Produzenten-Ehepaar Anna und Jörg Winger. In zehn neuen 45-Minuten-Folgen, die wie gewohnt allesamt am Veröffentlichungstag bei Amazon verfügbar, schicken die Wingers ihren Helden diesmal auf eine größere Reise als nur zwischen Ost- und West-Deutschland: Angola, Südafrika, Libyen, Paris, West- und Ostberlin, sowie ein wenig DDR-Provinz werden von den (neuen) Regisseuren Florian Cossen ("NSU: Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch") und Arne Feldhusen ("Stromberg", "Der Tatortreiniger") in Szene gesetzt.

Nicht nur Handlung und Schauplätze der neuen Staffel sind globaler, auch die Serie selbst ist "größer" geworden. Viele Bilder verraten ein deutlich gestiegenes Produktionsbudget, was einer historischen Serie fast immer gut steht. War "Deutschland 83", wenn man genau hinsah, sowohl erzählerisch als auch in Sachen Produktionsaufwand noch ein wenig "hingerumpelt", spielt die Nachfolgestaffel tatsächlich in Sachen Storytelling, Charakterführung sowie exzellenter Bild- und Tonmontage (der 80er Jahre Soundtrack wurde mit vielen geschmackvollen Raritäten bestückt) tatsächlich in der ersten Liga des internationalen, seriellen Erzählens.

Vom alten Cast blieben sämtliche Stützen erhalten: Sonja Gerhardt, der in den neuen Folgen famos aufspielende Sylvester Groth, Ludwig Trepte oder Alexander Beyer. Neu dabei sind: Lavinia Wilson in einer sehr starken Hauptrolle, dazu Anne Engelke, Fritzi Haberlandt und Florence Kasumba. Mittlerweile wurde publik, dass Staffel drei, die "Deutschland 89" heißen wird, bereits von Amazon in Auftrag gegeben wurde. Tatsächlich erscheint das Format in dieser Form neben dem düster-wuchtigen "Babylon Berlin" als zweite deutsche Qualitätsserie, auf die man international betrachtet ohne Abstriche stolz sein kann.

In Sachen Dialog, Charakterzeichnung, Verschachtelung unterschiedlicher Erzählstränge und einer ambitioniert-poppigen Bildsprache wird bei "Deutschland 86" mittlerweile eine durchaus feine Klinge geschwungen – was allerdings erst über das Betrachten einer längeren Strecke so richtig deutlich wird. Der Auftakt, vor allem die Folgen eins und drei, sind den Machern mitunter ein wenig krawallig geraten. Dass eine Serienstaffel im Laufe von zehn Folgen immer besser wird, ist andererseits aber auch kein schlechtes Qualitätsurteil.


Quelle: teleschau – der Mediendienst