Strahlt der Glanz der russischen Zarenfamilie und der vielen Awards für "Mad Men" auch auf Matthew Weiners Anthologie-Serie "The Romanoffs" ab?

Es reichten ein paar Namen, um Serienfans in Aufregung zu versetzen: Diane Lane, Aaron Eckhart, Isabelle Huppert, Noah Wyle, Christina Hendricks – und natürlich der von Matthew Weiner, dem Schöpfer der mehrfach ausgezeichneten Serie "Mad Men". Und weil Namen zumindest in der Entertainmentbranche eben doch nicht Schall und Rauch sind, wählte Weiner für sein Nachfolge-Projekt ebenfalls einen äußert prominenten: "The Romanoffs". Am 12. Oktober beginnt Amazon mit der englischen Ausstrahlung der achtteiligen Anthologie-Serie über vermeintliche Nachkommen der 1918 ermordeten russischen Zarenfamilie.

Es ist ein spannendes Konzept, das Matthew Weiner für sein neues Hochglanzprojekt verfolgt: In jeder Folge präsentiert er dem Zuschauer neue Hauptfiguren, die an einem neuen Handlungsort völlig andere Probleme haben als die in der vorherigen. Es ist nicht wie in einem Episodenfilm, in dem die einzelnen Geschichten irgendwann ineinander übergreifen. Zwar mögen die Protagonisten vermeintlich von der russischen Zarenfamilie abstammen, die im Vorspann zu Gitarrenrock hingerichtet werden, doch sie wissen nichts voneinander. Dadurch steht jede Folge von "The Romanoffs" für sich allein. Falls Folge überhaupt der richtige Begriff ist, schließlich sind die ersten drei Teile, die Amazon der Presse zur Verfügung stellte, jeweils 90 Minuten lang und damit eigentlich Spielfilme. Spätere Episoden sollen kürzer sein.

Zunächst lernt man die versnobte Anushka (Marthe Keller) kennen, die in einer herrschaftlichen Wohnung in Paris residiert – und ihrem Neffen Greg (Aaron Eckhart) einfach nicht den Gefallen tut, endlich den goldenen Löffel abzugeben. Dabei wird das Nervenkostüm der rassistischen Alten arg auf die Probe gestellt, als ihre Hausmädchen-Agentur ihr ausgerechnet die junge, smarte Muslimin Hajar (Inès Melab) zuteilt.

Könnte man den Einstiegsfilm gut und gerne als Culture-Clash-Komödie bezeichnen, entpuppt sich die zweite Episode mit Kerry Bishé ("Halt and Catch Fire") und Corey Stoll ("House of Cards") als Beziehungsdrama. Die dritte hingegen, über die noch keine wertenden Worte verloren werden dürfen, wartet mit "Mad Men"-Star Christina Hendricks, Frankreichs Leinwandgöttin Isabelle Huppert und Suspense auf.

So wie in der gelobten Anthologie-Serie "Room 104" (2017), in der jede Folge mit anderer Besetzung in ein und demselben Hotelzimmer spielt, weiß der Zuschauer bei "The Romanoffs" nie, was ihn erwartet. Das macht die Sache natürlich jede Woche aufs Neue spannend. Das Konzept hat jedoch auch den Nachteil, dass dem Publikum für das Kennen- und Lieben- oder Hassen-lernen einer Figur wenig Zeit bleibt. Waren es bei Weiners "Mad Men" gerade die langsamen charakterlichen Entwicklungen von Don Draper, Peggy Olsen oder Peter Campbell, die die Zuschauer über sieben Staffeln fesselten, haben die "Romanoffs" jeweils nur einen Versuch, das Publikum für sich zu gewinnen.

Das funktioniert in den ersten beiden Teilen leider nur bedingt. Zwar ist es eine Freude, etwa den Schweizer Altstar Marthe Keller im Schlagabtausch mit dem französischen Nachwuchstalent Inès Melab zu sehen. Doch die Geschichte, die Matthew Weiner ihnen schrieb, ist alles andere als originell. Die zweite, in der ein Mitglied einer Gerichts-Jury scharf auf eine Mitjurorin ist, bekommt gar einen unangenehmen Beigeschmack, wenn man die Belästigungsvorwürfe gegen Weiner noch im Hinterkopf hat, die eine "Mad Men"-Autorin im November gegen ihn vorbrachte.

Obwohl die ersten beiden Folgen länger dauern, als ihnen guttut, wirken die Charaktere nur sehr oberflächlich ausgearbeitet. Dementsprechend willkürlich erscheinen Änderungen in ihren Verhaltensmustern, was die Wendungen, so es welche gibt, unglaubwürdig macht. Gut möglich, dass sich das in den weiteren Teilen ändert. Doch besonders hoch ist die Motivation, an den "Romanoffs" dranzubleiben, nach dem überlangen, mittelmäßigen Auftakt nicht gerade.


Quelle: teleschau – der Mediendienst