Marthe Keller

Marthe Keller
Geboren: 28.01.1945 in Basel, Schweiz
Sternzeichen: Wassermann

Sie wirkt grazil, jungmädchenhaft, sportlich, fast ein Teenager, dabei ist sie schon 30. Das ist 1975 bei der Promotion-Tour für den Simmel-Film "Die Antwort kennt nur der Wind". Wenn man Marthe Keller dann gegenübersitzt, sie ein paar Worte sagt und einen aus ihren bernsteinfarbenen Augen offen anblickt, spürt man Eigenwilligkeit, Bestimmtheit, Charakter. Zu der Zeit ist sie gerade überall in Europa bekannt geworden mit der Fernsehserie "La demoiselle d'Avignon" (1972). Sie genießt den Ruhm offen; ehrlich, aber nicht überheblich. Sie erzählt ein bisschen aus ihrem Leben: "Eigentlich wollte ich gar nicht Schauspielerin werden. Ich war besessen davon, Tänzerin zu werden, als ich klein war. Schauspieler hielt ich für schrecklich faul. Der Grund war sehr einfach, auf dem Proben-Zettel stand: Ballett-Tänzer 8.30 Uhr, Schauspieler 14 Uhr. Inzwischen weiß ich, dass man als Schauspieler hart arbeiten muss. Ein Ski-Unfall brachte die Entscheidung und ich muss heute sagen: Es war ein Glücksfall. Als Tänzerin hätte ich kaum Karriere gemacht. Ich war nicht begabt genug. Die dritte von links, ein bisschen zu groß und viel zu spät."

Neben dem Schauspielunterricht studiert sie ein wenig Philosophie, will sich weiterbilden, doch dann kommt sie während des Studiums in München, Heidelberg und Berlin 1967 zu Boleslav Barlog ans Schiller-Theater. "Ich habe Berlin in guter Erinnerung. Ich war sehr jung, spielte zum ersten Mal in einem großen Theater sehr schöne Rollen - vor allem erinnere ich mich an die Helena im 'Sommernachtstraum'". "Superbe créature - herrliches Geschöpf und charmantes Mädchen. Eine schöne dunkle Stimme. Viel Humor. Ungeheuer lebendig." Das sagt Jean-Jacques Gautier von der Académie Française, einer der berühmtesten und gefürchtetsten Pariser Theaterkritiker über Marthe Keller. Er hat die Schweizer Schauspielerin im Pariser Théatre des Mathurins gesehen. Da spielt sie neben Sabine Haudepin abend für Abend zwei Stunden ohne Pause in dem Zwei-Personen-Stück "Emballage Perdu" (Wegwerfpackung). Das ist eine Imitation des Howard-Hawks-Films "Blondinen bevorzugt" mit Marilyn Monroe und Jane Russell. Eine Woche allerdings bleibt das Theater geschlossen: Marthe Keller spielt die Schweizer Geliebte von Richard Wagner alias Richard Burton, die Bankiersfrau Mathilde Wesendonck, in Tony Palmers Fernsehfilm "Wagner" von 1983.

Marthe Keller, die 1968 nach Paris kommt, um neben Yves Montand in Philippe de Brocas "Pack den Tiger schnell am Schwanz" aufzutreten, wird 1970 von den Parisern als begabte Bühnenschauspielerin entdeckt. Ein ganzes Jahr lang steht sie in dem Stück "Un jour dans la mort de Joe Egg" auf der Bühne des Gaité-Montparnasse-Theaters - ein Riesenerfolg. 1970 dreht sie noch einen zweiten Film mit De Broca: "Les caprices de Marie" oder "Wenn Marie nur nicht so launisch wär'". 1972 kommt ihr Sohn Alexandre zur Welt, sein Vater ist der Filmregisseur Philippe De Broca. Jetzt ist Marthe Keller ein internationaler Star. Auf dem Weg "Durch Paris mit Ach und Krach" (1972) hastet jeden Tag die frisch verheiratete junge Frau in Gérard Pirès' gleichnamigen Film. Die beiden sind an den Stadtrand von Paris gezogen und kämpfen sich jeden Morgen durch den Metro-Dschungel oder Autoschlangen zur Arbeit in die City. Das ist eine ernste Komödie.

Eine hübsche Millionenerbin spielt sie in Claude Lelouchs "Ein Leben lang" (1973): "Die Arbeit mit Lelouch war ganz anders als gewohnt. Da gab es kein Drehbuch, keine Dialoge zu lernen. Das war sehr aufregend, ein Abenteuer. Aber das hat große Vorteile für die Spontaneität. Man kommt da an einen Moment, wo man die Kamera ganz vergisst." Gemeinsam mit Dustin Hoffman gerät sie in "Der Marathon-Mann" (1976) in die Fänge einer internationalen Verbrecher-Bande. Ein Jahr später ist sie eine gefährliche Terroristin in John Frankenheimers "Schwarzer Sonntag". In Billy Wilders "Fedora" ist sie die legendäre Hollywood-Diva, die sich auf dem Höhepunkt ihres Erfolges aus dem Scheinwerferlicht zurückzieht. 1976 dreht sie an der Seite von Al Pacino in "Bobby Deerfield" unter der Regie von Sydney Pollack, 1980 an der Seite von Marlon Brando in George G. Avildsons "Die Formel" eine Doppelagentin, getarnt als Fotomodell, die mit einem amerikanischen Polizeidetektiv und dem Osten zusammenarbeitet. 1977 spielt sie unter der Regie von Mauro Bolognini die Titelrolle der Gina Sanseverina in "Die Kartause von Parma" nach Stendhals Roman, der bereits 1947 mit Gérard Philipe und Maria Casarès und 1964 von Bernardo Bertolucci mit Francisco Barilli und Adriana Asti verfilmt worden war.

Unter der Regie von Christopher Frank ist sie 1984 in dem Film "Vier Frauen" zu sehen. "Rote Küsse", 1985 unter der Regie von Vera Belmont entstanden, ist wieder ein großer Erfolg in Frankreich. Als einen Höhepunkt ihrer Karriere bezeichnet Marthe Keller die Arbeit mit Marcello Mastroianni in "Schwarze Augen" (1987) unter der Regie von Nikita Michalkow, eine locker inszenierte Tschechow-Verfilmung. Seit Mitte der Achtzigerjahre spielt sie überwiegend TV-Rollen, doch in Klaus Maria Brandauers Regie-Debüt "Georg Elser - Einer aus Deutschland" ist sie auch wieder auf den Kinoleinwänden zu sehen. 1991 steht Marthe Keller in dem Thriller "Schattenwelt" an der Seite von John Hurt vor der Kamera und dreht mit Julia Ormond den Historienfilm "Die junge Katharina", 1994 spielt sie neben Geneviève Bujold in Michel Braults "Meine Freundin Max".

Zu ihren weiteren Werken zählen der TV-Film "Tödliches Geld" (1994) von Detlef Rönfeldt (mit Michel Piccoli), die Literaturverfilmung "Erklärt Pereira" (1995) von Roberta Faenza, sowie die portugiesische Komödie "Elles - Die Schwächen der Frauen" (1997) von Luis Galvao Teles (mit Carmen Maura und Miou-Miou). 1998 folgte das sehenswerte Melodram Schule des Begehrens" mit Isabelle Huppert und 2002 der Komödie "Ausgerechnet zu Weihnachten". Weitere Filme mit Marthe Keller: "Mein oder Dein" (1964), "Mariana Pineda" (1965), "Corinne und der Seebär", "Finale in Berlin" (ungenannt), "Wilder Reiter GmbH" (alle 1966), "Tango" (1970), "The Seven Minutes", "La Vieille fille", "Un cave" (alle 1971), "Elle court, elle court la banlieue" (1972), "La raison du plus fou", "La chute d'un corps" (beide 1973), "L'Aigle à deux têtes", "Ein Koffer aus Lausanne", "Per le antiche scale" (alle 1975), "Blind Love" (1976), "Der zweite Mann" (1981), "Nobody's Woman" (1984), "Joan Lui" (1985), "Die Frau des Reporters" (1986), "Die Mondscheingasse" (1987), "Eine Frau" (TV-Mehrteiler, 1988), "The Nightmare Years" (TV-Mehrteiler, 1989), "Liberate mio figlio" (beide 1991), "Herz gesucht", "Turbulenzen", "Im Kreis der Iris" (alle 1992), "Belle Époque" (TV-Mehrteiler, 1995), "Nuits blanches" (1996) "K - Das Zeichen des Bösen" (1997), "Le Derrière" (1999), "Time of the Wolf" (2002), "Die Nacht singt ihre Lieder", "Les Acharnés" (beide 2003), "La nourrice" (2004), "Fragile" (2005), "Le lien", "In der Glut der Sonne" (beide 2007), "Le sanglot des anges" (2008), "In einem anderen Licht" (2009), "Hereafter - Das Leben danach" (2010), "Mein bester Feind" (2011).

Außerdem spielte sie 1971 dreimal in der historischen Krimi-Serie "Arsène Lupin" die Rolle der Natascha und 1988 in der Serie "Sueurs froides".


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