Nina Hoss kämpft sich als Lisa tapfer durch ein Leben, das ihr entglitten ist und jetzt auch noch den Tob bereithält.
Nina Hoss kümmert sich als "Schwesterlein" um ihren todkranken Filmbruder Lars Eidinger - kann aber weder den Krebs noch die Klischees besiegen.

Schwesterlein

KINOSTART: 29.10.2020 • Drama • CH/D (2020) • 101 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Schwesterlein
Produktionsdatum
2020
Produktionsland
CH/D
Laufzeit
101 Minuten

Filmkritik

Was für ein Theater
Von Andreas Fischer

Im Schweizer Oscar-Kandidaten "Schwesterlein" sagen Lars Eidinger und Nina Hoss dem Krebs den Kampf an und werden dabei auf die Bretter geschickt, die die Welt bedeuten.

Die Bevormundung der Frauen, die Ausübung von Zwang durch Männer – das ist auch drei Jahre nach #MeToo und trotz des Schuldspruchs für Harvey Weinstein immer noch Realität. Nina Hoss muss sich im Schweizer Oscar-Kandidaten "Schwesterlein", der in diesem Jahr auch im Wettbewerb der Berlinale lief, nicht nur um ihren krebskranken Filmzwillingsbruder Sven (Lars Eidinger) in Berlin kümmern, sondern sich auch ihres Ehemannes (Jens Albinus) erwehren. Der drängt sich seiner Frau Lisa förmlich auf im Bett und bestimmt ansonsten, wie und wo die Familie lebt. Seinen Job in einem Schweizer Eliteinternat will er jedenfalls nicht aufgeben. Frau soll sich seiner Karriere gefälligst unterordnen.

Das macht die Theaterautorin freilich nicht, sondern flieht mit Kind, Kegel und Bruder aus den Schweizer Alpen zurück nach Berlin. Die Mutter (Marthe Keller) der Zwillinge will zwar nicht, dass ihr kranker Sohn bei ihr zu Hause stirbt: "Das kannst du mir nicht antun", weist sie ihn brüsk ab. Doch Lisa setzt alles daran, die letzten Tage zusammen mit ihrem Bruder zu verbringen.

Sie ist die Einzige, die noch auf eine Genesung hofft – und kämpft für ihn. Gegner gibt es genug. Die Krankheit sowieso, die Mutter, den Mann und auch Svens Chef. "Wenn du ihm das nimmst, tötest du ihn schneller als irgendeine Krankheit", schreit sie ihn in einer Szene an, als er ihr mitteilt, dass Svens Theaterstück abgesetzt wird. Vordergründig ein Krebsdrama, wirft "Schwesterlein" auch einen vorgeblich profunden Blick in den Betrieb an der Berliner Schaubühne.

Die Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond holen die Bühne ins Kino und machen aus dem Leben (und Sterben) ein Theater. Immer wieder verschränken Chuat und Reymond die Wirklichkeiten aus dem realen Leben ihrer Hauptdarsteller mit ihrem Film. Lars Eidinger, Star der Berliner Schaubühne, spielt einen Star der Berliner Schaubühne. Auch Nina Hoss spielt an dem Theater. Und in einer Nebenrolle ist der echte Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier als Schaubühnen-Intendant zu sehen.

Nur warm wird man damit nicht: Dass das Theater als Bühne für das Drama Leben herhalten muss, hat hier etwas Reißbrettartiges, Schematisches, und man wird das Gefühl nicht los, als hätten sich die Filmemacherinnen dafür genauso penibel Post-it-Notes an eine Tafel geklebt, wie es Lisa macht, als sie für Sven ein letztes Stück schreibt und das Grimm'sche Märchen "Hänsel und Gretel" zu einem Monolog verdichtet. Natürlich handelt dieser von unsterblicher Geschwisterliebe – aber auch dieses dritte zentrale Thema des Films wird beim Versuch, es poetisch zu bearbeiten, zu einem Klischee degradiert.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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