Die hochgelobte Serie "Deutschland 83" wurde für den produzierenden Sender RTL im Herbst 2015 zum Flop. Dafür reüssierte das historische Ost-West-Agentenstück fast überall sonst auf der Welt. Vor allem Briten und Amerikaner liebten die Erlebnisse des jungen Ost-Spions Martin Rauch (Jonas Nay), der während des Kalten Krieges zwischen die feindlichen Blöcke geriet. Nun, ab Freitag, 19. Oktober, wird die Serie – mit einem Zeitsprung von drei Jahren – als "Deutschland 86" beim Streaming-Dienst Amazon Prime Video fortgesetzt.

Im Interview spricht der 28-jährige Hauptdarsteller über den Wechsel der Serie zum amerikanischen Streaming-Multi, die groteske Situation der DDR im Jahr 1986 sowie Zeitgeist-Klischees damals und heute.

prisma: Was unterscheidet "Deutschland 86" von "Deutschland 83"?

Jonas Nay: In der ersten Staffel ging es vor allem um die Spionage zwischen den beiden deutschen Staaten. "Deutschland 86" ist nun viel globaler. Wir erzählen von der Apartheid in Afrika und von Stellvertreterkriegen der beiden Blöcke Ost und West. Viele Dinge, die ein breiteres Bild des Kalten Krieges zeichnen als es bei "Deutschland 83" der Fall war.

prisma: Hat sich die politische Lage in diesen drei Jahren denn wesentlich geändert?

Nay: Ja, vor allem in der DDR. Der Staat hatte 1986 extreme finanzielle Engpässe. Er war angewiesen auf harte Devisen aus dem Ausland, auf deutsche Mark oder Dollar. In der Sowjetunion war seit 1985 Gorbatschow an der Macht. Seine Politik der Glasnost und Perestroika beinhaltete auch, dass die DDR selbstständiger werden musste.

prisma: "Deutschland 86" erzählt beispielsweise davon, wie die späte DDR Geld mit sehr dubiosen Geschäftsmodellen machte.

Nay: Ja, dafür war die KoKo zuständig, was für Kommerzielle Koordinierung stand. Das war eine Art kapitalistische Abteilung innerhalb des sozialistischen Wirtschaftssystems. Die Koko sollte in jener Zeit auf Teufel komm raus Geschäfte machen, um für die DDR Devisen zu erwirtschaften. Vieles lief über die Geheimdienste Stasi und HVA, weil diese Einnahmequelle den echten Sozialisten im Staat natürlich ein Dorn im Auge war. Das Geld wurde mit zweifelhaften Deals verdient: durch Waffenexporte, embargobrechende Technologieexporte oder mit Medikamententests an DDR-Bürgern für die BRD-Pharmaindustrie. Alles keine Dinge, auf die man im sozialistischen Sinne stolz sein konnte.

prisma: Mittlerweile wurde bekannt, dass es eine dritte Staffel geben wird – "Deutschland 89". Darf man vermuten, dass während in Staffel zwei der Auflösungsprozess DDR beginnt, man deren Kollaps in Staffel drei erlebt?

Nay: Noch weiß ich nicht, was in der dritten Staffel passieren wird. Ich habe nur gehört, dass es auch darum gehen soll, was mit den Charakteren nach dem Zusammenbruch der DDR passiert. Ich bin sehr gespannt, weil ich die Drehbücher zur zweiten Staffel großartig fand. Sie schaffen es immer wieder, neue Perspektiven einer bereits oft erzählten Zeit zu zeigen. Ich glaube deshalb, dass auch die – wahrscheinlich – letzte Staffel sehr originell sein wird. Dass sie sich nicht nur den bereits wiederholt durchgekauten Mauerfall konzentrieren wird.

prisma: Blickt man heute auf das Jahr 1986 zurück, gibt es viele Menschen, die glauben, dass die Welt damals besser sortiert war. Dass eine stärkere Orientierung an Werten herrschte. Die Serie vermittelt nun, dass Moral auch damals keine Rolle spielte...

Nay: Ich war nie Anhänger der These, dass eine frühere Generation auf eine bestimmte Art und Weise getickt hat und die nächste anders. Menschen innerhalb einer Generation unterscheiden sich sehr deutlich. Nach Bildungsgrad, Interessen und vor allem nach dem, was sie persönlich erlebt haben. Sie sind daher schon immer sehr unterschiedlich gut oder schlecht, moralisch oder unmoralisch gewesen. Man kann letztlich in jeder Epoche unter den Teppich gucken und wird dort viel Schmutz finden.

prisma: Ist den Menschen Freiheit heute weniger wichtig als Mitte, Ende der 80er? Wie erklärt man sich sonst, dass Populisten und Extremisten, die Freiheit einschränken wollen, überall Erfolg haben?

Nay: Tja, bei dieser Frage ringen selbst Spitzenpolitiker der bisher etablierten Parteien um Worte. Fakt ist, manche Menschen nehmen die Freiheiten, die wir in unserem demokratischen Gesellschaftssystem täglich in verschiedenen Bereichen genießen, für viel zu selbstverständlich. Heute haben wir zum großen Teil offene Grenzen in Europa, in Deutschland trennt uns keine Mauer mit Schießbefehl mehr. Bei uns herrscht Presse- und Meinungsfreiheit. Populisten missbrauchen diese Grundrechte, um an den elementaren Säulen der Demokratie zu rütteln. Dafür gibt es sicher vielerlei Gründe, aber aus meiner Sicht keine Rechtfertigung. Für mich persönlich bedeuten eben jene Freiheiten alles und ich weiß sie sehr zu schätzen. Ich möchte nie in der Unfreiheit einer Diktatur leben müssen und in meinem persönlichen Umfeld kenne ich überwiegend Menschen, denen es genauso geht. Es ist an der Zeit, die Stimme zu erheben und zum Glück tun das auch immer mehr Menschen.

prisma: Doch was nützt die Beobachtung des eigenen Umfelds, wenn die Gesellschaft – wie es heißt – immer mehr in einzelne Teile zerfällt?

Unsere Gesellschaft ist nun mal sehr pluralistisch. Das ist an sich erstmal nichts Negatives. Engstirnigkeit und Extremismus gab es schon immer und wird es wohl auch immer geben, wichtig ist, denen nicht das Feld zu überlassen und sich zurückzulehnen.

prisma: Dafür gibt es nun die Populisten mit ihren sehr klaren Aussagen ?

Nay: Ja, Populisten winken immer mit scheinbar einfachen Lösungen und Feindbildern, die es jedem angenehm machen sollen, nicht bei sich selbst mit der Veränderung anzufangen. Aber auch wenn es keine einfache Lösung für komplexe Probleme gibt, meiner Meinung nach kommt man mit gelebter Nächstenliebe schon ziemlich weit.

prisma: Die Serie ist von RTL zu Amazon gewandert, von einem deutschen Fernsehsender zu einem internationalen Streaming-Dienst. Hat sie sich dadurch verändert?

Nay: Die Art zu erzählen hat sich nicht verändert. Dass wir jetzt für ein Publikum weltweit drehen, war aber meines Wissens nicht der Grund dafür, dass die Geschichten in der Serie globaler wurden. Schließlich haben sich in den USA oder England, wo "Deutschland 83" enorm viele Zuschauer lockte, die Menschen gerade für diese innerdeutsche Geschichte interessiert.

prisma: Waren die Arbeitsbedingungen bei Amazon andere?

Nay: Ja, bei Amazon gibt es keine Redaktion im klassischen Sinne. Keine Verantwortlichen des Senders, die ein Filmprojekt eng begleiten. Bei Amazon lässt man den Kreativen ziemlich viel Raum. Natürlich muss die Serie letztlich irgendwie erfolgreich sein, damit sie weitergeführt wird. Amazon wollte die Stärken der ersten Staffel beibehalten und pflegen. Die Serie ist etwas völlig eigenes. Sie ist kein Remake von irgendwas. Sie erzählt ihre Charaktere und Geschichten auf eine eigenwillige, poppig unterhaltsame Art, ohne dabei flach zu sein. Man wollte sich bei Amazon schon auf das alte "Deutschland 83"-Feeling draufsetzen.

prisma: Was genau war denn das "Deutschland 83"-Feeling?

Nay: Ich kann nur sagen, was es für mich war und ist. Als ich England einen Redakteur der Internet-Plattform sprach, die das Format dort für Channel 4 vertrieb, sagte er: "It always has a kind of funkiness." Ich finde, das trifft genau den Punkt. Ich kenne niemanden, der vor "Deutschland 83" eine Spionagegeschichte zwischen Ost und West mit Funkiness verglichen hat. Die Serie erzählt schnell, sie ist voll mit Popkultur, und es gibt auch immer wieder etwas zum Schmunzeln.

prisma: Es steckt also weniger die Idee dahinter, eine Zeit realistisch zu erzählen, sondern darum, mit dieser Zeit zu spielen?

Nay: Es geht auch darum, zu überzeichnen. "Deutschland 86" ist ein Entertainment-Programm mit gewissem historischen Anspruch, das geschichtliche Ereignisse, über die man vorher vielleicht wenig wusste, ein bisschen ad absurdum führt. Schwarzer Humor ist auf jeden Fall ein wichtiges Tool der Serie. Alles zusammen ergibt mein "Deutschland 86"-Feeling.


Quelle: teleschau – der Mediendienst