Vierteiler in der ARD

"Die Toten von Marnow": Ein DDR-Pharmaskandal als Krimi-Thriller

von Maximilian Haase

Ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern wird von einer Mordserie erschüttert. Die Ermittler kommen in dem ARD-Vierteiler "Die Toten von Marnow" einem Skandal von historischer Tragweite auf die Spur.

ARD
Die Toten von Marnow
Krimi-Mehrteiler • 13.03.2021 • 20:15 Uhr

Die ARD zeigt die ersten zwei Teile am Samstag, 12. März, ab 20.15 Uhr. Weiter geht es mit Teil 3 am Mittwoch, 17. März und Teil 4 am Donnerstag, 18. März (jeweils 20.15 Uhr).

Erst vor wenigen Jahren wurde ein düsteres Kapitel der deutschen Vorwendegeschichte erstmals ausführlich beleuchtet. Die Tatsache, dass westdeutsche Pharmafirmen an Patienten in der DDR Medikamente testeten, führte immerhin zu einem kleinen medialen Aufschrei – begleitet von Filmen wie "Kranke Geschäfte" (2020), die sich anlässlich des Mauerfalljubiläums der damaligen Geschehnisse annahmen. Virulent bleibt das Thema auch nach den Feierlichkeiten zu 30 Jahren Wende: Im ARD-Vierteiler "Die Toten von Marnow" weitet sich eine brutale Mordserie in einem mecklenburgischen Örtchen vom Kriminalfall zum handfesten Thriller mit historischem Bezug aus. Die beiden Ermittler begehen in der spannungsgeladenen Mini-Serie sympathischerweise zwar jede Menge Fehler – kommen aber dennoch einem DDR-Pharmaskandal rund um Medikamentenversuche auf die Spur.

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Am Anfang steht jedoch ein mutmaßlicher Serienmörder: Verschiedene Todesfälle beschäftigen die Schweriner Kommissare Lona Mendt (Petra Schmidt-Schaller) und Frank Elling (Sascha Geršak), die sich zunächst keinen Reim auf die Verbindung zwischen den Opfern machen können – unter denen sich ein Plattenbaubewohner ebenso findet wie ein wohlhabender Seniorenresidenzler. Was will der Täter damit erreichen? Warum mordet er? Schnell wird offensichtlich, dass im Hintergrund mächtige Interessen wirken: Eine geheimnisvolle Gruppe scheint die wahren Motive der blutigen Morde verschleiern zu wollen, und schreckt nicht davor zurück, die Ermittler höchstpersönlich zum Mitmachen zu bewegen.

Dass dies anfangs gelingt und für den Zuschauer nachvollziehbar bleibt, liegt an der wunderbar widersprüchlichen Figurenzeichnung, getragen vom überzeugenden Spiel der Hauptdarsteller. Weil man auch das Privatleben von Mendt und Elling zu sehen bekommt, werden die bisweilen fragwürdigen Entscheidungen der beiden plötzlich glaubwürdig. Etwa jene des hoch verschuldeten Familienvaters Elling, von einer ominösen Dame Tausende Euro Bestechungsgeld anzunehmen, damit er die Ermittlungen ruhen lässt. Oder jene der unnahbaren, alleine in einem Wohnmobil lebenden Mendt, eine Affäre mit dem ihr unterstellten Kollegen Sören Jasper (Anton Rubtsov) einzugehen.

Charaktere sind sympathisch und nahbar

Auch Handlungsstränge wie jener, der Elling beim schwierigen Umgang mit der Demenz seiner Mutter (Christine Schorn) begleitet, machen die Charaktere nahbar – und irgendwie sympathisch. Es ist diese Dynamik, die über viermal 90 Minuten trägt, und dem Format bisweilen gar Züge eines Beziehungs- und Familiendramas verleiht. Daneben entwickelt sich die Krimihandlung im Laufe der Episoden immer mehr zum wahren Thriller – geprägt von weiteren Morden, von Erpressung, Verrat und schrecklichen persönlichen Schicksalen der Kommissare. Man erfährt Geheimnisse aus Mendts Vergangenheit und erlebt, wie der zwielichtige LKA-Kollege Bernd Peters (Jörg Schüttauf) seine wahre Fratze zeigt.

Als wäre das alles nicht genug, sickert langsam die Vergangenheit ins gegenwärtige Durcheinander: Ein Pharmaskandal tritt zutage, in dessen Zentrum ein westdeutsches Unternehmen unter Leitung von Dr. Iris Fichte (Victoria Trauttmansdorff) steht – die den Durchbruch in der Alzheimermedikation sogar in einer Talkshow mit der echten Anne Will präsentieren darf. Vor der Wende jedoch, so finden die Ermittler heraus, machte das Pharmaunternehmen in Kooperation mit der DDR-Führung Patienten im Osten zu Versuchskaninchen: "Die haben die DDR als Labor benutzt für ihre neuen Wirkstoffe". Dass die aktuellen Morde mit den früheren ethischen Verfehlungen ihrer Firma zu tun hätten, weist Chefin Fichte entschieden von sich. Allein: Das Auftauchen ehemaliger Stasi-Mitarbeiter und Geheimdienstler spricht eine ganz andere Sprache.

Neben der politischen Dimension und dem hautnahen Blick auf ambivalente Biografien, bieten die vier Episoden auch grundsätzliches Nachdenken über hochaktuelle Themen an – und werfen laut Elling-Darsteller Sascha Geršak "existentielle Fragen auf: Was ist ein Menschenleben wert? Wer darf gerettet werden, und wer zahlt den Preis dafür? Das ist auch eine spannende Frage bei der Covid-Impfung."


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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