Film in der ARD

"Ein Schritt zu viel": Abhängigkeitsverhältnis mit tragischem Ende

von Christopher Schmitt

Ein erfolgreicher Banker trifft auf eine junge Studentin. Das Abhängigkeitsverhältnis der beiden endet mit einer Leiche.

ARD
Ein Schritt zu viel
Psychodrama • 11.11.2020 • 20:15 Uhr

Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an. In diesem Fall der ältere, reiche Banker, der von seinem großen Büro auf die Frankfurter Skyline herunterblickt, und die junge Studentin, die in einer Wohngemeinschaft lebt und sich ihr Jura-Studium als Escort-Dame finanziert. Das sehenswerte ARD-Psychodrama "Ein Schritt zu viel" von Katharina Bischof dokumentiert sensibel ein stetig wachsendes, bilaterales Abhängigkeitsverhältnis. Dieses endet schließlich mit der Leiche eines jungen Mannes, mit der dieser in Rückblicken erzählte Fernsehfilm beginnt. Die Polizei verständigte offenbar ein Freund der kleinen Familie, der den leblosen Körper des Vaters auf dem Fußboden fand. Doch wie konnte es so weit kommen?

Bei diesem vermeintlichen Freund handelt es sich um den erfolgreichen älteren Banker Friedrich. Ein Rückblick zeigt, wie er mit seinem Arbeitskollegen feiern geht, auf die deutlich jüngere Nicole (Lilith Häßle) trifft – und mit ihr eine traumhafte Nacht im Club verbringt. Dass er erst im Nachhinein erfährt, dass es sich bei Nicole um eine Escort-Dame handelt, zügelt sein Verlangen, sie wiederzusehen, keineswegs, und auch die junge Studentin scheint von ihm angetan zu sein. Die Beziehung schreitet voran, Friedrich blüht in der Anwesenheit Nicoles regelrecht auf. Er strahlt wie ein verliebter Teenager, macht sündhaft teure Geschenke, doch beginnt er mit seiner Obsession zunehmend, die junge Frau zu erdrücken. Als Nicole an der Uni den Studenten Josch (Daniel Sträßer) kennenlernt und von diesem schwanger wird, ändert sich alles. Es entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit: Während Nicole Friedrichs finanzielle Unterstützung dringend benötigt, ist dieser emotional von ihr besessen.

Diese Besessenheit des Bankers verkörpert Nicki von Tempelhoff glänzend. Bis zur schicksalshaften Begegnung mit Nicole hatte Friedrich nur seinen Job und seine Deals. Seine Ex-Frau hat ihn lange verlassen, die Kinder sind bereits im Alter seiner Geliebten. Beruflichem Erfolg und Reichtum kann er immer weniger Sinn abgewinnen. Für ihn zählt nur noch, Nicole glücklich zu machen, und die eigenen Endorphinschübe. Die Tragik seiner Figur liegt genau darin, dass sie wirklich alles aus Liebe tut: Er besorgt der mittellosen Studentin keine sündhaft teure Wohnung, um sich ihre Zuneigung zu erkaufen, sondern weil er sich kein besseres Investment vorstellen kann. Jegliches Gefühl dafür, wie übergriffig er ihr Leben bestimmt, geht verloren. Dies ändert sich nicht einmal, als sie fest mit einem anderen zusammenkommt, selbst für das fremde Kind fühlt sich Friedrich noch verantwortlich.

Durch die Zeitsprünge gelingt es der Geschichte (Buch: Ulli Stephan), den Wandel seiner Figuren glaubhaft nachzuzeichnen, etwa wenn die vergnügt feiernde Nicole von damals der desillusioniert traurigen Nicole nach Joschs Tod gegenübergestellt wird. Zwar handelt es sich bei "Ein Schritt zu viel" nicht um einen klassischen Krimi – und dementsprechend werden die dramaturgischen Prioritäten gesetzt – dennoch hätte es der Geschichte gutgetan, den Kreis der Verdächtigen zu vergrößern. Wenn der Zuschauer allerdings denkt, den genauen Tathergang schon lange im Gefühl gehabt zu haben, hat die Story in Form eines wichtigen Details zumindest noch ein Ass im Ärmel.

Als gelungenes Stilmittel lassen sich die spärlich beleuchteten Interview-Situationen einordnen, in welchen die Protagonisten den Zuschauer durch die vierte Wand direkt ansprechen. Manchmal scheinen die vorgetragenen Metaphern etwas weit hergeholt, ihre Wirkung auf den Zuschauer verfehlen sie allerdings nicht.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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