Auf dem neunten Album widmen sich Fettes Brot voll und ganz dem Thema Liebe. Statt dabei kitschig zu werden, werden sie politisch. Was tun, wenn eine geliebte Person plötzlich zum Nazi wird?

Die Liebe ist ein seltsames Spiel – das wusste schon Connie Francis. Nun befasst sich auch die HipHop-Gruppe Fettes Brot mit dem komplexesten Thema der Pop-Welt. "Lovestory", das neue Album von Boris Lauterbach alias König Boris, Martin Vandreier alias Dokter Renz und Björn Warns alias Björn Beton, dreht sich von vorne bis hinten um die Liebe. "Wenn man an seinem neunten Studioalbum arbeitet, geht es natürlich auch darum, etwas Neues auszuprobieren, das man so noch nicht gemacht hat", erklärt Dokter Renz. "Als wir die ersten Demos fertig hatten und feststellten, dass sie sich irgendwie alle um die Liebe drehen, dachten wir: Vielleicht können wir einen thematischen Rahmen, eine inhaltliche Klammer finden. Auf den ersten Blick löst das eine Verengung aus, aber wir merkten schnell, dass sich ausgehend von diesem roten Faden vieles noch pointierter beschreiben ließ."

Mit anderen Worten: Wer glaubt, die drei Hamburger hätten einfach nur einen Haufen emotionale Balladen und schnulzige Liebeslieder aufgenommen, der liegt ziemlich falsch. "Sowohl musikalisch als auch inhaltlich sind die Songs, so hoffe ich doch, im besten Fall überraschend", erklärt König Boris. "Und ich glaube, dass wir dieses Album vor 20 Jahren so nicht hätten machen können, weil schon eine Portion Scheitern dazugehört, um Liebessongs mit einer gewissen Tiefe zu schreiben."

Für die Aufnahmen reiste die Band in ein Studio in Niebüll (Schleswig-Holstein), wo sie mit allerlei ungewöhnlichen Instrumenten und Synthesizern herumexperimentierte. Das verleiht den elf Songs einen verspielten Sound. Dazu nehmen Fettes Brot die Liebe in all ihren Erscheinungsformen unter die Lupe – und werden dabei auch politisch: "Du driftest nach rechts", der zweifellos stärkste Song des Albums, handelt davon, wie es ist, wenn eine geliebte Person plötzlich zum Nazi wird.

Über 25 Jahre ist es her, dass König Boris, Dokter Renz und Björn Beton in ihren Kinderzimmern im Kreis Pinneberg anfingen, gemeinsam Reime zu schreiben. Mit Songs wie "Nordisch By Nature", "Jein", "Schwule Mädchen" oder "Emanuela" landeten sie seitdem immer wieder in den Charts und im Radio. Ihre witzigen Texte voller Wortspiele waren stets ihr Markenzeichen, aber daneben bewiesen Fettes Brot immer auch Haltung.

"In deiner Facebook-Timeline Nazischeiß"

Sie unterstützten die Kampagne "Kein Bock auf Nazis", setzten sich für das linksautonome Zentrum Rote Flora in Hamburg ein und machten sich zuletzt für die Initiative "Viva La Bernie" stark, die einen Werkhof in der Bernstorffstraße in Hamburg, in dem sich auch das Studio der Band befindet, vor der Gentrifizierung bewahren soll. Kein Wunder also, dass Fettes Brot auch zur aktuellen politischen Lage in Deutschland klare Worte finden. "Ich guck mir alte Fotos an, wie verliebt wir waren / Ich im Beastie-Boys-Shirt, du mit lila Haaren / Heute ist deine Welt nur noch schwarz und weiß / In deiner Facebook-Timeline Nazischeiß", heißt es in "Du driftest nach rechts".

"Ich habe das Gefühl, dass sich immer mehr Leute mit ihren menschenfeindlichen Weltbildern heraus trauen, sich nicht mehr schämen, dass sie so denken, und wenn es um die Flüchtlingskrise geht, im Chor rufen: 'Lasst sie ertrinken!' Das ist doch verrückt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was in den Köpfen dieser Leute vorgeht. Wie abgestumpft kann man sein?", klagt König Boris, bevor Dokter Renz ergänzt: "Und dieselben Leute haben Tränen in den Augen, wenn sie daran denken, wie Genscher den DDR-Bürgern damals sagte, dass sie das Botschaftsgelände jetzt verlassen und ausreisen dürfen. Das ist noch nicht lange her, und das ist eine deutsche Geschichte."

Der Song "Du driftest nach rechts" sei auch eine Metapher für ihr Verhältnis zu ihrem Heimatland. "'Du driftest nach rechts' könnten wir genauso zu Deutschland sagen", erklärt Björn Beton. "Wir fühlen uns manchmal befremdet davon, was einige in der Gesellschaft sagen. Das heißt nicht, dass ich mich von Deutschland trennen möchte, weil ich es nicht mehr aushalte – aber es macht mich an der einen oder anderen Stelle so wütend, dass ich den Mund einfach aufmachen muss." Es gehe darum, "da gegenzusteuern", fährt Dokter Renz fort. "Wir sind mehr, daran glaube ich fest. Wir leben in einem demokratischen Land, in dem die Mehrheit der Menschen für Menschenwürde und Gleichberechtigung sind. Man muss es nur immer wieder sagen."

Darüber hinaus schlagen Fettes Brot, die kürzlich ihr kurzweiliges Buch "Was wollen wissen?" veröffentlichten, auf "Lovestory" auch unbeschwerte Töne an. "Ich liebe mich" ist ein launiger Kommentar zu unserem Leben in der Instagram-Blase, und in "Mama" geht es darum, in die Mutter seiner Freundin verliebt zu sein. Fettes Brot rappen von Liebe zu Robotern ("Robot Girl"), von gleichgeschlechtlicher Liebe ("Opa + Opa") und tierischer Liebe ("Geile Biester"). Und sie singen sich selbst ein Liebeslied: "2 Freunde und Du" erzählt von drei Landeiern, die gemeinsam eine Band gründen. "In dem Stück lassen wir die Freundschaft hochleben", erläutert König Boris. "Der Song ist nicht komplett autobiografisch, aber er trifft den Kern ganz gut."

Gemeinsam erlebten die drei Rapper 25 sehr erfolgreiche Jahre im Musik-Business. Was ist ihr Geheimnis? "Naja, wir haben halt nichts anderes gelernt", scherzt Dokter Renz. "Ich glaube, dass wir insgesamt einfach treue Seelen sind", kommt ihm Björn Beton zur Hilfe. "Wir wissen die Freundschaft zu schätzen und pflegen sie. Das bedeutet auch, dass man die Stärken und Schwächen der anderen und von sich selbst kennt – und den anderen so akzeptiert, wie er ist." Die perfekte Lovestory eben.


Quelle: teleschau – der Mediendienst