Der Kabarettist, Schauspieler und gebürtige Münchner Andreas Giebel spielt so oft wie kein anderer den Typus des grantigen Bayern. Nun auch in der neuen ARD-Serie "Watzmann ermittelt". Gibt es diesen Typen überhaupt – und was kann man von ihm lernen?

In der neuen ARD-Serie "Watzmann ermittelt" (Mittwoch, 8. Mai, 18.50 Uhr) spielt der 60-jährige Münchner Andreas Giebel mal wieder den grantigen Bayern. Diesmal wird sein Archetyp des süddeutschen Unterhaltungsfernsehens gleich doppelt von der "modernen" Welt herausgefordert. Zum einen bekommt sein Kommissar Benedikt Beissl einen jungen, schwarzen Kollegen (Peter Marton) zur Seite gestellt, der sein kleines Kommissariat in Berchtesgaden gleichberechtigt mit ihm führen soll. Zum anderen ist dieser smarte "Möchtegern-Obama" der neue Freund einer seiner Töchter. Der Kabarettist Andreas Giebel ist dem TV-Publikum als Polizeihauptmeister Xaver Bartl in der Kultserie "München 7" bekannt, gegenwärtig steht er auch wieder als Fleischunternehmer in der bösartigen BR-Serie "Hindafing" vor der Kamera. Im Interview spricht der 60-Jährige über die Tiefenpsychologie des Grantlers, die Unmöglichkeit von Kindererziehung und die Gefahr lieblicher Landschaften.

prisma: Ist der bärbeißige bayerische Polizist Ihre Paraderolle?

Andreas Giebel: Es stimmt schon, dass ich dafür öfter besetzt wurde. Aber ich hoffe, ich habe diese Rolle in sensiblen Variationen gespielt (lacht) ...

prisma: Ist dieser Typus des Bayern Realität oder doch eher ein Klischee?

Giebel: Beides. Ich glaube, er stellt eine Sehnsucht dar. Viele wären gerne so. Bärbeißig ist für mich nichts Schlechtes. Da steckt viel Wahrheit drin. So einem Menschen glaubt man, er hat eine feste Meinung und will nicht unbedingt gefallen.

prisma: Ist das Bärbeißige ein Schutzpanzer vor allem für Männer, die ihre Gefühle nicht zeigen wollen?

Giebel: Ich glaube nicht, dass es ein männliches Phänomen ist. Mir begegnen im Alltag fast mehr bärbeißige Frauen als Männer. Im Prinzip haben Sie aber recht. Das Bärbeißige ist ein Schutz und ein Abwehrmechanismus vor zu viel Gefühl. Jemand, der so ist, sagt sich – ob bewusst oder unbewusst: Wenn ich mich überall gefühlsmäßig reinsteigere, kostet das mehr Energie, als ich habe. Empathie ist eine endliche Ressource. Also dosiert man sie. Vielleicht machen das gerade Leute, die an sich sensibel sind.

prisma: Sprechen Sie von sich selbst?

Giebel: Vielleicht ein bisschen (lacht). Ich versuche, auch meinen vier Töchtern mitzugeben, im Leben nicht dem Mainstream hinterherzulaufen. Dass sie vieles kritisch hinterfragen. Eine Haltung zu haben, finde ich extrem wichtig. Erst Menschen mit Haltung sind erwachsene Persönlichkeiten.

prisma: Aufrichtig, geradeaus und populistisch – das ist mittlerweile aber auch ein gefährliches Dreigestirn.

Giebel: Das Denken und eine grundsätzliche Offenheit für die Meinungen anderer müssen natürlich hinzukommen. Ich kann deshalb auch nichts anfangen mit Leuten, die ständig alles mit "Ich sage halt meine Meinung" begründen. Das ist dumm und hat mit Haltung nichts zu tun. Eine Prüfung der Realität und der Argumente muss schon stattfinden.

prisma: Und das ist seltener geworden heutzutage?

Giebel: Ja, auf jeden Fall. Vor allem durch das Internet. Ich sehe da auch die etablierten, seriösen Medien sehr kritisch. Sie lassen sich vom digitalen Mob unter Druck setzen, indem sie viel zu oft fragen: Was sagt denn die Community oder das Netz dazu. Man öffnet der Subjektivität, dem Populismus und auch der Hetze dadurch viele Schleusen. Natürlich kann man sich der Netzkultur nicht völlig verschließen – das ist mir schon klar. Nur treiben lassen sollte man sich nicht. Sonst macht man sich als Medium erst recht überflüssig.

prisma: Kommen wir zu Ihrer Rolle zurück. Ihr Polizist ist ein Patriarch, der seine Familie und die drei Töchter schützen will, indem er ziemlich "gluckenhaft" ist. Sind Sie auch so ein Vater?

Giebel: Überbehütend war ich nicht. Aber ich mache gern mit sanftem Druck darauf aufmerksam, was richtig und wichtig ist. Insofern hatte man es mit mir als Vater vielleicht auch nicht immer leicht. Meine Jüngste ist jetzt 27 und die Älteste 41 Jahre alt. So langsam hat es keinen Sinn mehr, noch viel vorzugeben (lacht).

prisma: Ziehen Sie auch schon mal Bilanz – nach dem Motto: Wie war ich so als Vater?

Giebel: Ja, sicher. Wobei diese Frage schwierig zu beantworten ist. Es gibt Indizien, die mir sagen, dass ein paar Dinge gut gelaufen sind. Zum Beispiel, dass sich die vier untereinander gut verstehen und viel miteinander zu tun haben. Und das nicht nur über Internet und Handy, sondern sie nehmen sich Zeit füreinander – in der Realität.

prisma: Also haben Sie einiges richtig gemacht?

Giebel: Unbewusst, vielleicht. Aber wenn Sie mich fragen: Wie geht Erziehung? Dann weiß ich darauf keine Antwort. Für mich ist Erziehung eine Gefühlsgeschichte, die man nur schwer erklären kann.

prisma: Was sollte man seinen Kindern auf jeden Fall beibringen?

Giebel: Humor ist fast das Wichtigste. Und zwar ein echter, kein künstlich auferlegter. Wenn ich auf Leute mit Humor treffe, ist das fast immer ein Zeichen von Klugheit und gesundem Menschenverstand. Zudem sollte man seinen Kindern etwas über Musik beibringen.

prisma: Warum das?

Giebel: Weil man damit Gefühle transportieren und sich darüber austauschen kann. Ich meine, ich war nicht besonders erfolgreich, was meine konkreten Leidenschaften in Sachen Musik betreffen. Ich bin ja in den 70er-Jahren steckengeblieben. In der Progrock-Zeit von Jethro Tull und Yes. Vor allem die ersten fünf Genesis-Alben mit Peter Gabriel sind eines meiner musikalischen Glaubensbekenntnisse. Es ist nicht unbedingt so, dass meine Kinder da mitgezogen sind. Aber auf den Versuch kommt es an – oder (lacht)?

prisma: Was begeistert Sie an Ihren Kindern?

Giebel: Wenn Sie sich für Kunst und Kultur interessieren. Zum Beispiel für Sachen, die ich nie zu lesen geschafft habe. So etwas freut mich sehr. Dass ich meinen Kindern da ein Interesse mitgegeben habe, gibt mir manchmal ein richtiges Gefühl der Euphorie. Ich glaube, es macht Eltern sehr glücklich, wenn sie merken, dass sie eine Leidenschaft weitergegeben haben. Andererseits ist es eine große Aufgabe und Charakterprobe, zu akzeptieren, wenn sich Kinder für ganz andere Dinge interessieren und entscheiden.

prisma: In "Watzmann ermittelt" arbeiten Sie mit einem dunkelhäutigen Partner, der der neue Freund Ihrer Tochter ist. Ist versteckter Rassismus ein Thema der Serie?

Giebel: Nur ganz am Rande – und das finde ich gut. Meine Figur hat gar kein Problem damit, dass der Kollege schwarz ist. Da ist die Skepsis gegenüber der Seriosität eines Typen, der die Tochter haben will, schon größer. Ich mag es, wie Rassismus, den es natürlich gibt, im Drehbuch auftaucht. Nämlich – ab und zu – als blöder Spruch, den manch einer, dem wir als Ermittler begegnen, mal drauf hat. Dann sagen wir etwas dazu. Und dann ist das Thema auch wieder erledigt.

prisma: Weil es nichts bringt, die Dinge zu explizit auszuspielen?

Giebel: Ja, dann ist man wieder beim Klischee. Liebmenschen gegen Blödmenschen. Was im Fernsehen und auch anderswo ungeheuer nerven kann. Was mir gefällt, ist, wie meine Figur auf Sprüche gegenüber dem schwarzen Kollegen reagiert. Es gibt nämlich Menschen, da muss man akzeptieren, dass die Blödsinn reden. Einfach nur, weil ihr Horizont arg begrenzt ist. Bei anderen sag ich dann aber: Nein, du nicht! Weil er es besser wissen muss.

prisma: Viele deutsche Serien entstanden oder entstehen im Alpenvorland. Haben Sie Angst, dass die Region als Kulisse ein bisschen abgenutzt sein könnte?

Giebel: Man muss aufpassen, dass die Bilder nicht zu lieblich werden. Jede Region, die so schön ist, wie das Alpenvorland, läuft Gefahr, durch liebliche Filmbilder getötet zu werden. Natürlich nicht in echt, denn eine schöne Landschaft bleibt eine schöne Landschaft. Ein Sich-Verlieren in lieblichen Bildern kann den künstlerischen Overkill für eine Serie bedeuten. Auch wir müssen da aufpassen. Zum Beispiel, indem wir die Charaktere ambivalenter und sperriger anlegen, als es das Panorama aus Bergen, Wiesen und Seen vorgibt.

prisma: Zeigt man allgemein zu viele schöne Landschaftsbilder im Fernsehen – oder muss das so sein, damit sich die Leute entspannen?

Giebel: Beides hat seine Berechtigung und Gefahren. Ich fand es zum Beispiel wichtig, dass wir mit der Serie "Hindafing" einen ganz anderen Weg beschreiten. Da hört man nur am Dialekt, dass es in Bayern spielt – aber die Landschaft ist absolut nichtsagend, einfach provinziell und öde. Eben nicht das Klischee, das man mit dem ländlichen Bayern verbindet. Allein das ist schon wunderbar boshaft.


Quelle: teleschau – der Mediendienst