Die ARD strahlt drei Folgen des Reportagemagazins "Rabiat" aus. Zu Anfang stellt am 13. Mai ein kluger Beitrag des Filmemachers Manuel Möglich den Beruf des Polizisten auf den Prüfstand.

Was sind Polizisten? Prügelwütige "Rechtsausleger", geprägt von Korpsgeist und "Law and order"-Mentalität? Oder "Bürger in Uniform", die für kleines Geld einen schwierigen Job machen, von dem wir alle profitieren? Kaum ein Beruf polarisiert in der gesellschaftlichen Wahrnehmung so sehr wie der des "Bullen". Zum Auftakt von drei neuen Folgen "Rabiat", dem jungen Reportagemagazin der ARD, nähert sich Manuel Möglich am Montag, 13. Mai, 22.45 Uhr, einem Berufsstand an, der ihm bislang nicht sonderlich nahestand. Das glaubt man in seiner Reportage zu spüren. Dennoch lässt sich Möglich, der auf ZDFneo zwischen 2011 und 2013 mit Extremreportagen über Pädophile oder Drogenkonsumenten von sich reden machte, gewohnt offen auf sein Sujet ein: Er begleitet eine Hundertschaft zu einem Bundesligaspiel des SV Werder Bremen, trainiert mit Polizisten den Gebrauch des MES (im Volksmund: Gummiknüppel) oder trifft sich mit jungen Polizeianwärtern Anfang 20, die sich auf ihren Beruf vorbereiten.

Was "Scheißjob Bulle?" von anderen jungen – oder jung gemeinten – Reportagen, wie man sie des öfteren beim Privatfernsehen findet, unterscheidet, ist die journalistische Seriosität des Ganzen. Der mittlerweile 40-jährige Manuel Möglich und sein "Y-Kollektiv", ein Zusammenschluss ähnlich tickender Journalisten, giert nicht nach Sensationen oder einem Thrill. Nein, hier will jemand tatsächlich verstehen, wie ein System funktioniert, welche Schattierungen es aufweist und was man daraus lernen kann. Und der Mann steht auf Demokratie und Pressefreiheit, was gleich zu Anfang des Films die Polizei Sachsen zu spüren bekommt.

55 Emails schrieb Möglich an unterschiedliche Bundes- und Landespolizeipräsidien, an Polizeireviere und Polizeidirektionen. Stets mit der gleichen Bitte, über sie berichten zu dürfen. Er erhielt 50 Absagen. Transparenz sieht anders aus. Einige Stellen wollten mit dem Filmemacher zusammenarbeiten, legten ihm aber Vertragsentwürfe vor, die im Sinne der Pressefreiheit inakzeptabel waren. So verlangte das Präsidium der Bereitschaftspolizei Sachsen unter anderem die Sichtung sämtlichen Filmmaterials und behielt sich eine Verhinderung der Ausstrahlung einzelner Szenen oder des gesamten Films vor. Manuel Möglich war, wie man sich denken kann, nicht in Sachsen – las die eingeforderten Bedingungen aber gerne vor.

Ausbilder berichtet von rechter Gesinnung bei seinen Schülern

Derzeit rüsten Bund und Länder in Sachen Polizei kräftig auf. Jahrelang wurde wenig investiert, doch nun gehen die Babyboomer in Rente. So kam es im Jahr 2017 zu einem Personalanstieg von etwa 6.100 Beschäftigten – der größte Zuwachs seit über 20 Jahren. Wenn man Möglich mit jungen Bewerbern diskutieren sieht, hat man den Eindruck: Ja, da sprechen junge Bürger in Uniform, die am richtigen Ort sind. Trotzdem wollen die meisten von Möglichs Protagonisten nicht gefilmt werden oder sie verschweigen zumindest ihren Nachnamen. Ein erfahrener Polizeiausbilder, der – aus nachvollziehbaren Gründen – unerkannt bleiben will, berichtet von viel rechter Gesinnung oder zumindest einer verbreiteten "Law and order"-Mentalität unter seinen Schülern.

Polizisten sind wohl eher kein Querschnitt der Gesellschaft, so viel dürfte nach diesem Film "gefühlt" klar sein. Auch juristische Statistiken sprechen dagegen, wie ein Wissenschaftler im Interview mit Möglich betont: "Nur zwei bis drei Prozent der angezeigten Fälle gegen Polizisten werden überhaupt zur Anklage gebracht. 90 Prozent der Fälle werden danach eingestellt, mangels hinreichendem Tatverdacht." Bei Anzeigen gegen Nicht-Polizisten beträgt die Anklagequote etwa 20 Prozent – sie ist also zehnmal höher. Eine Erklärung dafür: Die Beamten rangieren in der Glaubwürdigkeitsskala der Justiz ziemlich weit oben. Vor dem Gesetz sind eben nicht alle Menschen gleich. Zudem decken in der Regel Polizeibeamte ihren Kollegen. Ohne Korpsgeist geht nichts in diesem Berufsstand, und in Sachen Transparenz geschieht wenig. Letzteres empfiehlt Möglich der Polizei jedoch – und auch jene kritischen Stimmen, die im Film aus den eigenen Reihen kommen, gehen in eine solche Richtung.

Trotzdem beißt sich die Katze am Ende auch selbst in den Schwanz – das "System Polizei" ist schwer zu knacken. Dennoch wahrt der Beitrag die professionelle Distanz und wertet nicht über Gebühr. Jedenfalls haut der Filmemacher jene Beamten, die ihm auf seiner Reise begegnen, keineswegs in die Pfanne. Sorgen, Nöte und das grundsätzliche Dilemma, das man einen Job hat, bei dem es sehr schwer ist, immer das Richtige zu tun, aber extrem leicht, Fehler zu machen, sorgen für ein extrem anspruchsvolles Berufsprofil.

In den Folgen zwei und drei der "Rabiat"-Staffel geht es um "Arsch hoch, Deutschland!" (über die Hartz IV-Szene, Autorin: Anne Thiele, Montag, 20.05., 23 Uhr) und "Deutschland den Deutschen" (über Fremdenfeindlichkeit, Autorin: Gülseren Ölcüm, Montag, 27.05., 22.45 Uhr). Mehr Beiträge des Y-Kollektivs, dem die Filmemacher der von Radio Bremen betreuten "Rabiat"-Reihe angehören, sind bei funk zu finden, dem jungen Content-Netzwerk von ARD und ZDF. Bei YouTube betreibt man sogar einen eigenen Kanal, dem derzeit über 350.000 Abonnenten folgen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst