Junge Regisseure richten in neun Kurzfilmen ihre Blicke auf Europa. Im Vorfeld der Wahl zum Europäischen Parlament wollen sie für ein gemeinsames europäisches Projekt begeistern.

Wie steht es eigentlich um das EU-Projekt eines vielfältigen Europas, in dem sehr unterschiedliche Menschen friedlich zusammenleben? Die Frage scheint in diesen Tagen besonders viele Menschen zu beschäftigen. Die neunten Wahlen zum Europäischen Parlament werden von Donnerstag, 23. Mai, bis Sonntag, 26. Mai, die Antwort in Form von nackten Zahlen und Prozentpunkten liefern. Zu befürchten allerdings ist, dass sich durch den Kontinent nach der Wahl ein eindeutiger Riss zieht. Der noch immer nicht entschiedene Brexit gilt als ein erster Vorbote dafür, und fast in allen Ländern ist seit geraumer Zeit von einem aufkeimenden Nationalismus die Rede. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung will jeder zehnte wahlberechtigte Europäer nach eigenen Angaben eine rechtspopulistische oder rechtsextreme Partei wählen.

Gegen diese düsteren Aussichten steht allerdings auch die Hoffnung. Sie wird getragen vor allem von einer Jugend, die sich größtenteils auf einen gemeinsamen Nenner einigen kann: den Wunsch nach Freiheit beispielsweise beim Reisen, beim Studieren und Arbeiten, nach einem europäischen Leben, getragen von gegenseitiger Wertschätzung. Filmisch umgesetzt wurde der Zusammenhalt der europäischen Jugend in dem ambitionierten "The Love Europe Project". Junge Regisseure zeigen darin in neun aufeinander folgenden Kurzfilmen ihre jeweiligen Blicke auf ein Europa. Und dieses soll doch viel mehr sein als nur ein politisches Konstrukt.

Der Road Trip, der von Deutschland unter anderem über Polen nach Großbritannien führt, aber auch weniger bekannte Länder wie Kasachstan streift, gibt Einblicke in die verschiedensten Lebensgeschichten und Alltagssituationen von Europäern. Der deutsche Beitrag "Babylon" von Sebastian Stern beispielsweise überschreitet die gerade erst geöffnete deutsch-tschechische Grenze Anfang der 1990er-Jahre. Ein Teenager-Junge aus dem wohlhabenden Bayern trifft an einem See auf ein tschechisches Mädchen. Beide verbringen diesen einen Tag zusammen, obwohl sie die Sprache des jeweils anderen nicht verstehen.

Der polnische Beitrag "The Old Man and the Bucket" hingegen nimmt die immensen kulturellen Unterschiede eines alternden homophoben Griesgrams und eines Transvestiten auf. Als Nachbarn leben sie unter einem Dach. Erst als sie auf gegenseitige Hilfe angewiesen sind, bröckeln die Vorurteile.

Der Beitrag "Part of the World" von Regisseur Alex Schaad führt zunächst in das weit entfernte und kaum bekannte Kasachstan. Ein alter Mann sucht auf einem Schrottplatz nach Schrauben. Sie bringen ihm wenigstens ein kleines Zubrot zur minimalen Rente, Als er nach Deutschland reist, um seinen Enkel kennenzulernen, führt ihn dieser in einen Baumarkt...

"Jetzt sind wir so wahnsinnig, unser Erbe zu zerstören"

In nur wenigen Bildern zeigt Schaad in seinem Kurzfilm, welche Verantwortung ein scheinbar so reiches Deutschland gegenüber anderen Ländern auch zu tragen hat. Als der alte Mann im Baumarkt zwischen einer enormen Auswahl an blank polierten neuen Schrauben, steht, schießen ihm die Tränen in die Augen. Ihm und damit dem Zuschauer wird bewusst, welche enormen gesellschaftlichen wie finanziellen Unterschiede innerhalb des Kontinents doch herrschen.

Regisseur Schaad sorgt mit seinem kurzen Beitrag für den emotionalen Höhepunkt der überzeugenden Kurzfilmreihe. Er selbst bekennt sich zu Europa und sieht doch die Fehler. Sein Film ist so auch als Warnung zu verstehen. Schaad: "Der europäische Gedanke – das war einmal der Wunsch nach etwas Notwendigem. Später wurde er zu etwas Nützlichem. Dann hat uns unser Luxus verdorben, und jetzt sind wir so wahnsinnig, unser Erbe zu zerstören. Vielleicht helfen uns die Blicke von außen, uns unserer Blindheit bewusst zu werden."

Auf jeden Fall zeigen die Beiträge, dass es durchaus noch Hoffnung auf eine rosige europäische Zukunft gibt. "Dass so viele Nachwuchsregisseure für ein gemeinsames europäisches Projekt zu begeistern waren, ist ein gutes Zeichen für die Zukunft Europas", erklärt Frank Zervos, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie I.

Am Samstag, 11. Mai, 23.10 Uhr, ist "The Love Europe Project" zunächst bei ARTE zu sehen. Eine weitere Ausstrahlung erfolgt am Montag, 13. Mai, 0.30 Uhr, im ZDF. Vor der TV-Ausstrahlung wird "The Love Europe Project" am 9. April in München in der Hochschule für Fernsehen und Film, HFF, und am 7. Mai im Berliner Zoopalast als Kino-Event vorgeführt. Zur Berliner Veranstaltung wird Bundesaußenminister Heiko Maas die Keynote halten.


Quelle: teleschau – der Mediendienst