Die einsame Hütte im Wald als Zuflucht der vom Leben Gezeichneten ist ein im Film gern genommenes Sujet. Ob Martina Gedeck in "Die Wand" oder Charlotte Gainsbourg in "Antichrist": Der Rückzug aus der Zivilisation nach einem Schicksalsschlag hilft nicht nur den betroffenen Figuren, sondern augenscheinlich auch den Drehbuchschreibern beim Erfinden einer guten Story.

Dasselbe Muster bedient nun das ARD-Drama "Fremder Feind", eine Adaption des Romans "Krieg" von Jochen Rausch, in der Ulrich Matthes als trauernder Einsiedler in einer von Schnee umgebenen Alpen-Hütte sein Dasein fristet. Seinen Sohn, seine Frau, sein altes Leben – alles hat er verloren. Wie es dazu kam, zeigt der mitreißende Film zur Primetime kritisch und audiovisuell ansprechend inszeniert.

Deprimierend – und deshalb überzeugend

Arnold Stein, der einem herausragenden Ulrich Matthes auf den Leib geschneidert scheint, ist ein trauriger trauernder Mann. Nur mit seinem Hund lebt er auf einer einsamen österreichischen Berghütte. Sein einstiges Leben liegt in Scherben hinter ihm. Besser wird es in seinem Exil kaum: Die Dorfgemeinschaft verfolgt sein Tun auf Schritt und Tritt, und zu allem Überfluss wird er auch noch von einem mysteriösen Fremden terrorisiert, der unter anderem seinen Hund schwer verletzt. Dass Arnold sich der Bedrohung stellt und dabei sogar ein Gewehr in die Hand nimmt, ist außergewöhnlich.

Denn der Protagonist des deprimierenden und gerade darum sehr überzeugenden ARD-Dramas "Fremder Feind" ist eigentlich ein überzeugter Pazifist. Der Zuschauer erfährt diesen Umstand im Rückblick auf jenes Familienleben in der Stadt, das innerhalb kürzester Zeit vor Arnolds Augen zerbrach. Ausgangspunkt, so zeigt der Film in ein wenig plakativ gestalteten Auseinandersetzungen, ist die Entscheidung des Sohnes Chris (Samuel Schneider), sich für einen Auslandseinsatz im Kriegsgebiet zu verpflichten. Arnold und seine Frau Karen (Barbara Auer) verstehen die Welt nicht mehr.

Die Angst des Ehepaares, so zeigt es sich, ist begründet: Ihr Sohn stirbt beim Einsatz; Arnold ist stumm vor Schmerz, Karen geht daran zugrunde. Den leidvollen Weg fasst "Fremder Feind" in bedrückende Bilder, die das Davor der Mittelstandsfamilie mit dem Danach des Hoffnungslosen in der idyllischen Schneelandschaft konterkarieren. Von einem beinahe ebenso surrealen Soundteppich begleitet, sucht Arnold seinen Lebensinn im Kampf mit dem bedrohlichen Fremden. Lediglich die Touristin Anne (Jördis Triebel) vermag es, ihm einen Ausweg zu weisen.

Brilliantes Spiel von Ulrich Matthes

So bekannt die Szenerie des Hüttenflüchtigen mittlerweile ist: "Fremder Feind" gehört zu jenen Vertretern des Genres, die jene Ambivalenz zwischen befreiendem Ausbruch und einengender Abgeschiedenheit auf den Punkt bringen. Geschuldet ist das neben der audiovisuellen Umsetzung dem brillanten Charakterspiel eines Ulrich Matthes.


Quelle: teleschau – der Mediendienst