Im August 1988 überfallen die Schwerverbrecher Hans-Jürgen Rösner (Sascha Alexander Gersak) und Dieter Degowski (Alexander Scheer) eine Bank im nordrhein-westfälischen Gladbeck. Weil ihre Tat entdeckt und das Gebäude umstellt wird, erpressen sich die Gangster mithilfe zweier Geiseln einen Fluchtwagen. Der Einsatzleiter in Recklinghausen (Ulrich Noethen) genehmigt es. Daraufhin fahren die Täter zwei Tage lang durch Deutschland und die Niederlande. Sie erschießen Geiseln, geben Live-Interviews und werden zu Medienstars. Die Behörden sind hilflos, auch Journalisten geben kein gutes Bild ab. Den Zweiteiler "Gladbeck" (Mittwoch, 7.3., und Donnerstag, 8.3., jeweils 20.15 Uhr), eine leider durch und durch wahre Geschichte, inszenierte Kilian Riedhof ("Der Fall Barschel") als hoch spannendes, aber auch deprimierend exaktes Zeitgemälde der Bundesrepublik Deutschland.

Es sind ikonografische Bilder, die der echte Fall "Gladbeck" 1988 hervorbrachte. Hans-Jürgen Rösner, der sich vor ekstatisch klickenden Kameras die Knarre in den Mund hält. Die paralysierte Stimmung in einem Bremer Linienbus, den die Gangster kaperten und dabei eine blonde junge Frau, Silke Bischoff (im Film: Zsa Zsa Inci Bürkle) und ihre Freundin Ines (Lilli Fichtner) als Geiseln nahmen. Später fahren Rösner und Degowski in die Kölner Fußgängerzone, um Interviews zu geben. Ein Journalist reist von dort aus sogar eine Weile im Fluchtwagen mit.

"Stunde null" der heutigen Mediengesellschaft

"Zum ersten Mal", sagt Regisseur Kilian Riedhof, "hat man ein Verbrechen in dieser Schlagkraft und Breite zum Medienereignis gemacht. Zwei Bankräuber wurden zu grausamen Pop-Ikonen. Ein Phänomen, das wir heute gar nicht mehr reflektieren können, weil es derart in unsere Kultur eingedrungen ist: die Selbstbespiegelung, der Narzissmus. Alles, was die Täter damals taten, um sich selbst zu inszenieren, ist uns heute sehr geläufig."

54 Stunden dauerte das echte Geiseldrama von Gladbeck. Riedhof und sein Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt ("Das weiße Kaninchen") verdichten die kriminelle Irrfahrt in chronologisch erzählte 180 Minuten. Drei Stunden, die fast dokumenatrisch und deshalb besonders bedrohlich wirken. Geht es nach Kilian Riedhof, konnte man den Film nur auf auf diese Art machen. Auch, um mit nüchternen Blick auf eine Art "Stunde null" der heutigen Mediengesellschaft mit Selfie-Reportern und sozialer Inszenierungswut zu blicken.

"Wir können manchmal gar nicht mehr unterscheiden zwischen Realität und ihrer Inszenierung", glaubt Riedhof. "Mit Gladbeck wurde ein reales Geschehen durch den Eingriff der Medien multipliziert und aufgeblasen, so dass ein ganzes Land 54 Stunden in die Gewalt dieser Täter geriet." Im Gegensatz zu seinem letzten Zweiteiler "Der Fall Barschel" (2016), einem zwangsläufig spekulativeren Polit-Thriller und dazu einer brillanten Hommage an das Paranoia-Kino der 70er-Jahre, bleibt Kilian Riedhof diesmal strikt bei den Fakten.

Die Besetzung stimmt

Die sehr überzeugenden, ja Angst einflößenden Sascha Alexander Gersak und Alexander Scheer sprechen in nuscheligem Ruhrpott-Idiom Original-Dialoge der Geiselnahme nach und wirken dabei so echt, dass man schon beim Zuschauen Angst bekommt. Überhaupt stimmt die Besetzung. Mit Gersak, der als Murat Kurnaz im Guantanamo-Film "5 Jahre Leben" brillierte und Alexander Scheer ("Sonnenallee") fand Riedhof Gesichter, die passen, ohne dass man bei ihnen sofort an den Beruf Schauspieler und an andere Rollen denken muss. Bekanntere Mimen wie Ulrich NoethenMartin Wuttke (als Leiter der Kripo Bremen) oder Stephan Kampwirth (als Bremer Innensenator) verkörpern exakt das Versagen der Behörden, die sich gegenseitig die Verantwortung für ein – lange ausbleibendes – Eingreifen zuschustern.

Trotz oder gerade wegen seines naturalistischen Stils geht der Zweiteiler ziemlich an die Nieren. "Die Animalisierung der Öffentlichkeit, der Medien, der Polizei – zum Schaden der Geiseln: Sie wird in diesem Film erlebbar", sagt Riedhof. Die Angst der Staatsdiener vor Verantwortung und der rohen Entschlossenheit der Täter und das unterwürfige Kollaborieren der Medien zwecks guter Bilder und guter Stories – sie nehmen den Zuschauer mit auf einen üblen Trip. Vielleicht hat es deshalb 30 Jahre gedauert, bis ein großer, ambitionierter Film die Ereignisse von damals exakt nachzeichnet.

Ein wichtiger Erzählstrang in Schmidts Drehbuch und Riedhofs beklemmend authentischer Inszenierung ist der der Opfer und ihrer Familien. Die Angehörigen der später zu Tode kommenden Geiseln Silke Bischoff und Emanuele de Giorgi (Riccardo Campione) erhalten auf sensible, zurückhaltende Art Raum. Teil zwei von "Gladbeck" sendet das Erste einen Tag später, am Donnerstag, 8. März, 20.15 Uhr. Danach schließt die interessante Dokumentation "Das Geiseldrama von Gladbeck – Danach war alles anders" (Do., 8.3., 21.45 Uhr, ARD) von Radio Bremen an. Sie legt ihren Schwerpunkt auf die Traumata der Opfer beziehungsweise ihrer Hinterbliebenen.

Eine Geschichte ohne Helden

Gladbeck ist ein deutsches Trauma, an das sich keiner gern erinnert. Die Begründung hierfür ist einfach: Es ist eine Geschichte ohne Helden. Gladbeck erschuf nur Verlierer. Kilian Riedhofs Verfilmung ist dennoch ein wichtiges, sehr gelungenes Fernsehstück – das eine Leerstelle deutscher Geschichtsverarbeitung im TV schließt. Dass "Gladbeck" kein gutes Licht auf den Menschen wirft, damit gilt es zu leben.


Quelle: teleschau – der Mediendienst