Am 1. September 1939 brach mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg aus. Es kam zu Übergriffen auf die polnische Zivilbevölkerung, zu Brandschatzung, Vertreibungen und Erschießungen. Eine ARTE-Doku blickt zurück.

Anlässlich des Gedenkens an den Kriegsausbruch vor 80 Jahren mit dem deutschen Überfall auf Polen am 01. September 1939 zeigt der Kulturkanal ARTE in Erstsendung die Dokumentation "Polen 39. Wie deutsche Soldaten zu Mördern wurden" (Produktion: ZDF), gefolgt von der Wiederholung des sehenswerten Dokumentarfilms "Sommer '39" (WDR), in dem sich Menschen aus ganz Europa sehr unterschiedlich an die Tage vor der Katastrophe erinnern. Die ZDF-Dokumentation von Alexander Hogh und Jean-Christoph Caron mit dem etwas zu vielversprechenden Untertitel, was endgültige Erklärungen anbetrifft, hält sich vor allem an die Aufzeichnungen dreier Wehrmachtssoldaten, setzt ihnen aber auch eigene Kommentare und Expertenbefunde entgegen. Ob Animationen im Stile einer Graphic Novel hier am Platze sind, sei dahingestellt.

Bereits 2007 stellte der ehemalige ZDF-Zeitgeschichtler Guido Knopp in der Serie "Die Wehrmacht – Eine Bilanz" die Gräueltaten der Wehrmacht dar. Die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht" war dem 1999 vorausgegangen. Der neue Film will eine Nahsicht auf die Ereignisse bieten, diesmal anhand von Briefen, Kriegsalben und Tagebuchauszügen. Wenn einst die "Zeitzeugen" vor der Kamera manches verschwiegen oder das eigene Handeln rechtfertigten, so bewirken heute kurze Cartoons, animierte Zeichnungen, eine neutralisierende Distanz. Zu einer durchgehenden Erzählung runden sich die bösen und die – viel selteneren – guten Taten allerdings nicht.

Auch, wenn es im Film keinen Freispruch geben mag, so gibt es doch Erklärungen für die Gräueltaten beim Einmarsch in Polen. Die deutschen Soldaten waren durch die vorhergehende NS-Propaganda für einen Vernichtungskrieg geeicht. Der Einmarsch wurde als rechtmäßige Notwehr dargestellt, antisemitische Vorurteile waren seit Langem durch Hetzartikel und Stürmer-Karikaturen geschürt. Dass die Übergriffe, Menschenjagden und Erschießungen, so leicht von der Hand gingen, führen Historiker und Sozialpsychologen im Film auf Fahnentreue, Kameradschaftsgeist und einen Gehorsam zurück, der in der deutschen Mentalität zutiefst verwurzelt sei.

Doch es gab Ausnahmen: So erleben zwei der drei Protagonisten, zunächst überzeugte Nationalsozialisten, in Polen eine umfassende Sinneswandlung, als sie der Übergriffe auf die Zivilbevölkerung, die von der NS-Führung zuvor als kriegsdienlich ausgegeben wurden, erlebten. Ein angeblich zu erwartender Widerstand der gesamten polnischen Bevölkerung sollte in kürzester Zeit – der Polenfeldzug dauerte drei Wochen – gebrochen werden.

Es galt das "Recht des Stärkeren", ohne Mitleid, wie Hitler bereits bei der Konferenz mit seinen Generälen im August auf dem Obersalzberg betont hatte. Widerstand innerhalb der Wehrmacht blieb denn auch später selten. Einzelne Offiziere erhoben ihre Stimme angesichts von Massakern durch Einsatzgruppen, Generäle widersprachen bereits auf dem Obersalzberg nicht. Ein Major verweigerte, wie belegt, die Herausgabe von Gefangenen, die ohne Gerichtsurteil von der SS erschossen werden sollten, ein weiterer widersetzte sich der Verbrennung von polnischen Juden in einer Synagoge. Die Ermordung geschah andernorts. Was man nicht mit eigenen Augen sah, war nicht geschehen. Eine Devise, die so auch für den Großteil der deutschen Bevölkerung galt.

Zivilcourage in Uniform zeigten nur wenige im Krieg. Einer der drei Protagonisten, Wilhelm Hosenfeld, der sich als Wachmann in einem Kriegsgefangenenlager den NS-Befehlen verweigerte und später in einem russischen Lager starb, wurde posthum in Israel geehrt. Und am Rande: Leni Riefenstahl, die über deutsche Heldentaten während des Polenfeldzugs in einem Monumentalfilm berichten sollte, zog sich aus diesem Projekt angesichts des in Polen Erlebten zurück, nahm aber dann doch an der Siegesparade im zerbombten Warschau teil.


Quelle: teleschau – der Mediendienst