11.12.2020 Jürgen Prochnow im Interview

"Ich finde das ganz wichtig, was die jungen Leute machen"

von Felix Förster
Jürgen Prochnow macht sich in seiner Rolle als Wilhelm Schürmann aus dem Staub.
Jürgen Prochnow macht sich in seiner Rolle als Wilhelm Schürmann aus dem Staub.  Fotoquelle: ARD/Degeto/Martin Rottenkolber

Jürgen Prochnow ist in der Komödie "Der Alte und die Nervensäge" (Freitag, 11. Dezember, 20.15 Uhr im Ersten) als grummeliger Senior zu sehen, dem alles einfach zu viel wird. Auf seiner Flucht vor der nervigen Familie begegnet er dem jungen Felix. prisma sprach mit der Filmlegende.

Haben Sie sich auf die Rolle des grummeligen Seniors Wilhelm Schürmann, dem alles zu viel wird und der dann einfach abhaut, vorbereiten müssen?

Jürgen Prochnow: Ich habe mich natürlich darauf vorbereitet und mir zunächst einmal die Rolle ausgesucht, indem ich das Drehbuch gelesen habe. Das hat mir sehr gefallen, die ganze Konstellation und die Rolle, und das hat dann dazu geführt, dass ich gesagt habe, das möchte ich gerne spielen. Daraufhin habe ich mit der Regisseurin zusammen einige Castings gehabt, um einen Partner zu finden. Darauf war ich von Anfang an sehr begierig, den jungen Mann zu finden, mit dem ich schließlich den ganzen Film trage.

Eine passende Wahl, denn der junge Marinus Hohmann spielt die Nervensäge Felix wirklich sehr gut.

Jürgen Prochnow: Ja, Marinus ist ganz prima. Das war ja für mich ganz wichtig, einen guten Partner zu finden, sonst hänge ich ja in der Luft mit meiner Rolle und meiner Arbeit. Letztlich haben wir Marinus gefunden, mit dem ich sehr glücklich war, denn der Junge war ganz toll und zuverlässig. Schließlich hat er ja keine Schauspielausbildung in seinem Alter.

Dafür kommt er sehr natürlich rüber. Jetzt ist "Der Alte und die Nervensäge" ja eine Komödie. Wenn ich mich nicht irre, spielen Sie nicht so häufig in Komödien mit...

Jürgen Prochnow: Das stimmt, und deswegen hat mich das auch gereizt, diesen Film zu machen. Ich habe kürzlich am Theater in München mit meiner Frau Verena Wengler in einer Komödie gespielt. Das hat mein Interesse dafür weiter geweckt, und als ich das Drehbuch von "Der Alte und die Nervensäge" gelesen habe, dachte ich, das ist sehr reizvoll und einfach schöne Unterhaltung.

Der Film fängt ja schon sehr witzig an, wenn Sie in Ihrer Rolle des 75-jährigen Wilhelm Schürmann einfach abhauen. Können Sie persönlich so etwas nachvollziehen, wenn Menschen sagen, ich habe jetzt genug, ich bin einfach weg?

Jürgen Prochnow: Absolut. Es gibt da ja diese diversen Vorlagen, etwa mit dem 100-Jährigen, der aus dem Fenster steigt. Und das ist ja schon öfter mal auch in Abwandlungen Thema gewesen. Ich fand das sehr reizvoll, einen alten Mann zu spielen, der im letzten Quartal seines Lebens steht, und der dann einen jungen Mann trifft, der sein ganzes Leben noch vor sich hat, und wie die beiden miteinander umgehen und was daraus wird. Eine durch und durch nette Geschichte.

<<< Lesen Sie hier die Filmkritik zu "Der Alte und die Nervensäge" >>>

Sie selbst sind 1941 geboren und haben die Nachkriegszeit erlebt. Was würden Sie einem jungen Burschen wie Felix raten, gerade in Hinblick auf die momentane Situation, die vor allem für junge Leute nicht einfach ist?

Jürgen Prochnow: Ich finde das ganz wichtig, was die jungen Leute machen. Wir waren ja damals in meiner Jugend ähnlich. Die haben eine eigene Einstellung zur Gesellschaft, und das muss man auch zur Sprache bringen. Wenn heute die jungen Leute für die Umwelt oder gegen die Klimakatastrophe demonstrieren und sich eine andere Zukunft der Welt wünschen, in der sie ja noch viele Jahre zu leben haben, dann finde ich das ganz richtig. Ich kann das nachvollziehen. Ich würde mich zu den 68ern rechnen, die dann revoltiert haben gegen die Adenauer-Gesellschaft mit ihren vielen Verboten und die Übernahme der ganzen Nazi-Beamten, die noch im Dienst waren. Das war ja für uns ein großer Anlass, dagegen zu protestieren und auf die Straße zu gehen.

Sie sehen jünger als der Wilhelm Schürmann mit 75 Jahren aus. Sie sind ja eigentlich noch ein wenig älter. Wie halten Sie sich fit?

Jürgen Prochnow: Ich habe mich ein Leben lang durch Sport fit gehalten . Ich habe gewusst, dass ich diese geistigen Herausforderungen, denen ich mich ja als Schauspieler stellen muss, nur gewährleisten kann, wenn ich mich in einem Körper bewege, der das ermöglicht. In dem Augenblick, in dem ich nur mit Schmerzen und Gebrechen spielen kann, weiß ich, dass ich nicht 100 Prozent geben kann.

Hatten Sie persönlich Einfluss auf das Drehbuch? Wie viel Jürgen Prochnow steckt denn in Wilhelm Schürmann?

Jürgen Prochnow: Ich habe mit der Regisseurin Uljana Havemann, deren Debüt "Der Alte und die Nervensäge" ist, ausführlich über die Rolle gesprochen. Ich denke mal, ich war nicht ihre erste Wahl für die Rolle. Sie hatte – das habe ich dann auch gemerkt, als wir anfingen zu arbeiten – eine andere Vorstellung von der Figur. Jetzt war plötzlich ich da und wurde besetzt. Dann war das so ein Prozess, sich anzunähern. Das hat letzten Endes gut geklappt. Das ist ja klar, das nehme ich auch gar keinem übel, besonders wenn ich meinen ersten Film drehe, aber auch sonst habe ich meine Vorstellung von der Figur, wie der sein soll, wie der aussehen soll. Dann bekomme ich vielleicht jemand anders vor die Nase gesetzt, der vielleicht nicht meinen Vorstellungen entspricht.

Ich kann mir das durchaus vorstellen, Sie kommen in dem Film sehr jung rüber. Vielleicht war da noch ein größerer Kontrast zwischen dem alten Mann und dem Jungen geplant.

Jürgen Prochnow: Es gibt ja heute 75-Jährige, die unglaublich rüstig sind. Man kann natürlich von einer anderen Vorstellung ausgehen, dass das ein Opa ist, der wie mit 95 im Turnhemd durch die Gegend latscht. Aber in dem Moment, wenn ich damit besetzt werde, bringe ich natürlich meine Körperlichkeit und meine Befindlichkeit in die Rolle ein.

Sie blicken auf eine lange Karriere zurück. Wenn Sie an Ihre Anfänge denken, was waren da die wichtigsten Entscheidungen für Sie?

Jürgen Prochnow: Ich habe am Theater angefangen. Film war für mich etwas, womit ich gar nicht gerechnet habe. Ich habe meine Ausbildung an der Folkwang-Hochschule in Essen gemacht und wurde in drei Jahren zum Bühnenschauspieler ausgebildet. Film existierte für mich als Beruf überhaupt nicht, ich wollte ans Theater und bin auch ans Theater gegangen. Ich habe viele Jahre in Deutschland Theater gespielt. Der Film kam auf mich zu, da wurde ich sozusagen entdeckt.

Und da waren ja direkt Hochkaräter dabei: Fassbinder, Schlöndorff, von Trotta, Petersen, Hauff…

Jürgen Prochnow: Ja, gleich von Anfang an. Ich war gleich in einer Liga drin, hab gleich immer die Hauptrollen gespielt. Das muss natürlich auch an meiner Leistung gelegen haben, dass die mich alle haben wollten (lacht).

Wie kam die Zusammenarbeit mit Wolfgang Petersen zustande, mit dem Sie später Das Boot drehen sollten, das Sie beide weltberühmt gemacht hat? Sie waren ja beide sehr wichtig füreinander.

Jürgen Prochnow: Absolut. Der suchte für seinen Tatort "Jagdrevier" einen Hauptdarsteller neben seinem Kommissar Klaus Schwarzkopf. Schwarzkopf war bei derselben Agentur wie ich und der hatte mich vorher in einem Film gesehen und hat dem Petersen gesagt, guck dir doch den mal an, der könnte richtig für die Rolle sein. Daraufhin bin ich dann nach Hamburg gefahren, hab den Petersen getroffen, die Rolle bekommen, und dann ging das los mit uns beiden… Damals gab es ja nur ARD und ZDF, und die Tatorte waren ja Straßenfeger. 75 Prozent der Bevölkerung haben die gesehen, und da war man am nächsten Tag bekannt.

Die sind immer noch besser als viele Folgen von heute.

Jürgen Prochnow (lacht): Dazu will ich mich nicht äußern…

Wolfgang Petersen und Sie haben beide in Hollywood Karriere gemacht. Um Wolfgang Petersen ist es etwas ruhiger geworden. Haben Sie persönlich noch Kontakt zu ihm?

Jürgen Prochnow: Seit ich hier rübergekommen bin, wenig. Aber das war oft so, wir haben in den 70er Jahren vier oder fünf Filme gedreht, und wenn wir zusammen gearbeitet haben, war das erste Klasse. Das Beste überhaupt, was mir passieren konnte. Er hat wunderbar mit den Schauspielern gearbeitet. Er hat mir die Liebe zum Beruf des Filmschauspielers vermittelt. Ich wollte das ja erst gar nicht machen, ich wollte beim Theater bleiben. Ich habe gedacht, da sitze ich ja nur herum und warte, dass ich eine Einstellung habe, die anderthalb Sekunden dauert, und dann warte ich wieder drei Stunden auf die nächste. Ich musste diesen Beruf erst einmal schätzen lernen, und das habe ich dem Wolfgang zu verdanken.

Die Rolle, mit der Sie immer noch verbunden werden, ist natürlich der "Kaleun" in "Das Boot", und natürlich sind Sie stolz auf die Rolle. Nervt es trotzdem manchmal, immer wieder darauf angesprochen zu werden?

Jürgen Prochnow: Nein, das nervt natürlich nicht. Es ist einfach toll, in solch einem Welterfolg mitgespielt zu haben, und dann auch noch in der Hauptrolle. Das ist ja Filmgeschichte geworden.

Haben Sie die Neuverfilmung gesehen?

Jürgen Prochnow: Nein, ich würde mich auch dagegen wehren, dass das eine Neuverfilmung ist. Das ist ja nicht die Geschichte von dem Boot. "Das Boot" war ein Roman von Lothar-Günther Buchheim, ein großer Bestseller. Und diesen Roman hat Wolfgang Petersen verfilmt. Das, was jetzt verfilmt wird, ist ja eine ganz andere Geschichte. Das dürfte eigentlich nicht "Das Boot" heißen. Und insofern wehre ich mich dagegen, es so zu nennen.

Sie sind mittlerweile wieder viel in Deutschland zu sehen, arbeiten aber auch häufig noch in internationalen Produktionen wie zuletzt mit Regie-Legende Terrence Malick. Wie kam es zur Heimkehr?

Jürgen Prochnow: Ich lebe wieder in Deutschland, habe mein Haus in Los Angeles verkauft und bin wieder in Berlin zuhause.

Wie unterscheidet sich die Arbeit in Deutschland von der in den USA?

Jürgen Prochnow: Das unterscheidet sich insofern, dass hier nur ein Bruchteil des Budgets da ist, das man drüben hat. Da hat man in den USA ganz andere Möglichkeiten, einen Film zu drehen. Hier muss man mit dem Wenigen zufrieden sein, mit dem man arbeiten kann. Es gibt ganz selten Produktionen wie Babylon Berlin, die ganz andere Möglichkeiten haben, so dass die Geschichten mit einem größeren Budget erzählt werden können.

Sie haben wieder angefangen, zu synchronisieren und zwar Ihren alten Kumpel Sylvester Stallone.

Jürgen Prochnow: Ich habe ihn damals in Rocky I und II gesprochen und noch verschiedene anderen Filme von ihm gemacht. Dann bin ich ja nach Amerika gegangen und habe damit aufgehört. Später habe ich dann "Judge Dredd" mit ihm gedreht. Als ich wieder in Berlin war, hat man mich angerufen, ob ich ihn nicht wieder sprechen möchte, da sein Standardsprecher aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste.

Wie war die Synchronarbeit nach den vielen Jahren?

Jürgen Prochnow: Ich habe mich sehr oft selbst in den Hollywoodfilmen synchronisiert, sonst niemand anders. Ich wollte das auch nicht. Ich habe auch damals in den 70er Jahren nicht gewusst, dass der Rocky-Film so eine Sensation wird, ein unglaublicher Kassenerfolg. Mir war nicht klar, was das für Folgen haben würde. Dann kam direkt der nächste Film und der übernächste. Das wurde mir dann zu viel, das war nicht mehr meins. Jetzt da wieder anzuknüpfen, ist ok. Das hält sich ja im Rahmen. Ich habe den letzten Rambo synchronisiert und vorher den Spin-Off zu Rocky, Creed.

Wie war das damals für Sie in Hollywood? Schwierig?

Jürgen Prochnow: Ich bin da mit offenen Armen begrüßt worden. Ich wusste allerdings nicht, was das bedeutet. Das war alles völlig neu für mich. Ich war zwar schon über 40 und hatte hier eine gewisse Kariere im Theater und im Film hinter mir, aber von der künstlerischen Aufmerksamkeit, mit der ich da drüben behandelt wurde, war ich begeistert. Und das waren ja immerhin Regisseure wie David Lynch und Michael Mann. Lynch hatte vorher den Elefantenmensch gedreht und ich hatte direkt eine Hauptrolle bei ihm.

Wie sehen Ihre Pläne für die nähere Zukunft aus, worauf können sich die Zuschauer freuen?

Jürgen Prochnow: In Hof bei den Filmtagen wurde mein neuer Film "Eine Handvoll Wasser" mit großem Erfolg vorgestellt. Ich denke, darauf können die Leute gespannt sein.

TV-TIPP

  • "Der Alte und die Nervensäge"
  • Freitag, 11. Dezember
  • 20.15 Uhr
  • ARD
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