ZDF-Reihe

"Kommissarin Lucas": Neustart im Frankenland – mit neuen Darstellern

von Wilfried Geldner

Von Regensburg nach Nürnberg: Kommissarin Ellen Lucas sucht in Franken neue Herausforderungen. Ihr erster neuer Fall führt sie zu einer schrecklichen Familie.

ZDF
Kommissarin Lucas – Nürnberg
Krimi • 06.02.2021 • 20:15 Uhr

Es ist ein ungewöhnlicher Schritt: Im Herbst 2018 beschloss das ZDF, die durchaus erfolgreiche Samstagabend-Krimireihe "Kommissarin Lucas" einem radikalen Relaunch zu unterziehen. Die Produzentinnen Ulli Weber, Viola Jäger und Alicia Remirez entschieden sich für eine Versetzung von Regensburg nach Nürnberg – und damit gleichsam für einen Abschied von allen bekannten Gesichtern. Mit Ausnahme der Hauptfigur natürlich, die weiterhin Ulrike Kriener gespielt wird.

Seit 2003 steht sie für die Reihe vor der Kamera. Der Abschied von Regensburg sei ihr sehr schwergefallen, sagt die 66-Jährige. "Während der Vorbereitungen zum Film hat die Wehmut noch überwogen. Ich habe mich im Laufe der Jahre in Regensburg verliebt, bin auch gern und oft privat mit meiner Familie dort gewesen, und die Stadt hat uns bei den Dreharbeiten immer großartig geholfen." Jetzt freue sie sich darauf, "Nürnberg immer besser kennenzulernen". Schlicht "Nürnberg" ist nun ihr erster Fall in neuer Umgebung überschrieben.

HALLO WOCHENENDE!
Noch mehr TV- und Streaming-Tipps, Promi-Interviews und attraktive Gewinnspiele: Zum Start ins Wochenende schicken wir Ihnen jeden Freitag unseren Newsletter aus der Redaktion.

Nach Regensburg war Ellen Lucas 2003 nach einem schweren Krankheitsfall ihres Mannes gezogen. Das Schicksal hat sie hart und verschlossen gemacht. Jetzt ist sie noch ein wenig härter geworden. Sie hat in Regensburg, wird sie irgendwann sagen, Schuld auf sich geladen – es hat zwei Tote gegeben. Nun will sie sich erneut beweisen, die Erfahrungen des Alters sollen ihr dabei helfen. Hinterm Steuer übt sie ihre Antrittsrede: "Die Alte ist die Neue", sagt sie, "die Neue ist 'ne Alte". Es könnte auch eine Ansprache an die Zuschauer sein. Aus der "Komfortzone" will sie sich rausbewegen, sagt sie, "Komfortzone" ist ihr negativ besetztes Lieblingswort. Und während sie so sinniert, kracht es gewaltig. Nürnberg begrüßt sie mit einem Knall, es kann heftig werden. Der Unfallgegner flüchtet schon mal, er lässt sie benommen zurück.

Noch vor dem Amtsantritt gibt's schon die erste Leiche: Eine Tote liegt im Kofferraum des anderen Wagens. Und weil die Kommissarin auch in Nürnberg tüchtige Kollegen hat, stellt sich alsbald heraus, wer die tote Dame ist und wo sie wohnt – nicht aber wer der Mörder ist. Es gibt Begrüßungszeremonien auf dem Revier, das übliche Geplänkel. Der neue Kollege Fitz (Sebastian Schwarz), der sich gerne witzig gibt, erzählt gar den Witz von der Waschmaschine, die beim Arzt ein "Schleudertrauma" als Besuchsgrund nennt.

Neue Kollegen für Kommissarin Lucas

Doch dann kommt – in heftigen Parallelmontagen – das Drehbuch des Grimme- und Deutschen Filmpreisträgers Christian Jeltsch zur Sache. Mit der Kommissarin und ihren inneren Kopfbildern sieht man sich mitten hineingestoßen in ein Familiendrama, das in all seiner trostlosen Kleinbürgerlichkeit Ausmaße einer antiken Tragödie hat. Von Generation zu Generation werden Hilflosigkeit und fehlende Liebe weitergegeben. Dass das unter die Haut fährt, ist vor allem das Verdienst der großartigen Katharina Schüttler, die hier eine alterslose Kindsmutter spielt: zweifache Mutter von Kindern unbekannter Väter – und selber Kind geblieben. "Im Film, da weinen sie, wenn sie so a Nachricht krieg'n", sagt sie, als sie vom Tod der eigenen Mutter erfährt.

Katharina Schüttler spricht die Sätze in einem gezügelten Fränkisch, in einem traurig-resignativen Ton. "Des geht doch kaan was an, wen 'mer lieb hat", meint sie, als die Kommissarin vergeblich nach Bildern der Mutter in ihrer Wohnung sucht. Aber auch ihre Söhne – Franz, der Ältere, der zum Frauenhasser und Vergewaltiger wurde, und Maik, der Jüngere, den die Mädchen mobben (Nick Romeo Reimann, Luis Vorbach) – nehmen vom ersten Augenblick an derart für sich gefangen, dass die Mordfrage fast in den Hintergrund rückt. Tatsächlich wird sie zu einem Bilderrätsel, das einen geradezu nebensächlichen Ausgang nimmt. Allzu klar legt dagegen immer wieder ein von Heino Ferch gespielter Polizeipsychologe die Verhältnisse dar. Er erklärt die psychologischen Ursachen des Elends – die fehlenden Väter und die der Not gehorchenden Mütter, die selbst ohne Liebe sind und keine geben können.

Bei der Umsetzung des Neustarts setzte das ZDF auch auf Bewährtes. Mit dem Regisseur Thomas Berger kehrt einer der geistigen Väter der Reihe zurückholen. Und auch Autor Christian Jeltsch schrieb in der Vergangenheit schon Fälle für die Ermittlerin. Der Film, thematisch schon kalt und ernüchternd genug, wird unter der Regie von Berger zuletzt in einer kühlen Optik mit strengen Achsen und in symmetrischen, grau-blauen Bildern dargeboten. Zusammen mit der heftigen Sprache, derer sich die Protagonisten befleißigen, mag sich einem da der Magen umdrehen. So ernüchternd war lange kein soziales Drama mehr wie dieser Samstagskrimi – jenseits von allem komödiantischen Geplänkel.

Gedreht wurde übrigens bereits im Februar und März 2020 mit neuer Besetzung. Den letzten Regensburg-Krimi gab's im August 2020 auf dem Schirm – es war auch der letzte mit Tilo Prückner als Lucas' Regensburger Hausmeister und Vermieter. Der Schauspieler starb im Juli 2020. Ebenfalls nicht mehr dabei ist Michael Roll, der von Anfang an als "Erster Kriminalhauptkommissar" an der Seite von Ellen Lucas stand. Gleiches gilt für Lasse Myhr, der seit 2013 dem Team angehörte. Neu dabei ist neben Sebastian Schwarz nun Claudia Kottal, die die Polizistin Betty Sedlacek spielt.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
Das könnte Sie auch interessieren