Polas Musik-Karriere war ihr wichtiger als die Tochter, nun müssen Mutter und Tochter wieder unter einem Dach leben. Die Geschichte bietet viel Potenzial, das aber gnadenlos verschenkt wird.

Die Wirtschaftsinformatik-Studentin Jenny (Tijan Marei) leidet unter Panikattacken – aus Prüfungssälen stürmt sie schweißgebadet und hyperventilierend hinaus, um sich mit Beruhigungstropfen zuzuknallen. Sie fasst den Entschluss, mit ihrem Kommilitonen Kasimir (Jonathan Berlin) nach Mallorca zu fliegen. In einer Finca wollen sich die beiden diszipliniert auf die Prüfungen vorbereiten. Das Haus gehört Jennys Mutter Pola (Maria Furtwängler), einer alternden Rockmusikerin, die ihren Zenit längst überschritten hat. Die beiden pflegen kein sonderlich gutes Verhältnis zueinander, weil Pola ihre Tochter zugunsten der Karriere vernachlässigte. Wie gut, dass die Musikerin und ihre Bandkollegen aktuell auf Tournee sind. Doch natürlich kommt alles anders: Die Auftritte von Pola werden gecancelt, Mutter und Tochter müssen gemeinsam im selben Haus leben – und die alten Probleme kochen wieder hoch. Der Fernsehfilm "Nachts baden" (2019, Erstausstrahlung) erzählt nun von diesen Konflikten.

Das Drama von Regisseurin Ariane Zeller, das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Frank Zeller geschrieben hat, strotzt nur so vor dramaturgischem Potenzial: die psychischen Probleme von Jenny, zerrüttete familiäre Verhältnisse, unerfüllte Liebe, mangelnde Anerkennung, Probleme mit dem Älterwerden, sexuelle Spannungen. So viele Ideen, so wenig daraus gemacht. Denn all die Tragik verpufft aufgrund von Fremdschäm-Momenten en masse. Maria Furtwängler soll die pseudo-coole Rocker-Mutter geben, die mit Anglizismen um sich wirft und damit vehement gegen das Vergessen und das Altern ankämpft. Doch den Autoren fehlt ein Feingespür dafür, zwischen bewusst und unbewusst schlechten Dialogen zu differenzieren. Furtwängler darf daher Sätze sagen wie: "Macht es dich scharf, wenn wir so close sind?" oder auch "Ich bin nicht so lonely wie du denkst."

Sicher, all das soll Polas innere Zerrissenheit nach außen tragen. Doch für den Zuschauer sind solche unglaubwürdigen Sprüche nur schwer zu ertragen. Furtwängler wird in "Nachts baden" völlig verheizt, und man fragt sich, weshalb sich die gestandene Schauspielerin so etwas überhaupt angetan hat. Ihren jungen Kollegen ergeht es kaum besser: Der hochtalentierte Jonathan Berlin darf nur selten sein Können aufblitzen lassen, und Tijan Marei wirkt seltsam ausdruckslos in ihrer Performance – ohnehin erscheint es kaum plausibel, weshalb sich Kasimir in seine Kommilitonin verlieben konnte. Als sich dann auch noch sexuelle Spannungen zwischen Pola und Kasimir sowie zwischen Produzent Butzke (einziger Lichtblick: Karsten Antonio Mielke) anbahnen, überspannen die Macher den Bogen komplett. Prätentiöse Dialogzeilen wie "Auch du hast dunkle Flecken auf der Seele" machen alles nur noch schlimmer. Größter Fauxpas: In "Nachts baden" werden Panikattacken durch ein bisschen Offenheit und ein paar nette Gespräche gelöst.

Dass Grimme-Preis-nominierte Filmemacher solch ein Werk produziert haben, scheint kaum zu glauben. Obwohl man durchaus ahnt, wie gut der Film (mit ein bisschen Mut) hätte werden können: Die Szene zwischen Jenny und ihrem Vater (Harald Schrott) ist beispielsweise hervorragend geschrieben und gespielt. Die Zellers sind allerdings kein Jonathan Demme. Der mittlerweile verstorbene Regisseur inszenierte im Jahr 2015 mit "Ricky – Wie Familie so ist" (Buch: Diablo Cody) ein sehenswertes Familiendrama rund um ganz ähnliche Themen. Nur: Maria Furtwängler ist eben keine Meryl Streep, die ARD ist nun mal nicht Hollywood – und das Leben ist kein Wunschkonzert.


Quelle: teleschau – der Mediendienst