Das Schöne an den Themenkrimis der ARD: Man kann daheim vorm Fernseher wunderbar eine Art Schlagwort-Bingo veranstalten. "Besorgte Bürger"? Check. "Fake-News"? Check. "Political Correctness"? Bingo! Wie so viele Sonntagsermittler vor ihnen müht sich jetzt also auch das Rostocker "Polizeiruf"-Duo Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) durch einen Krimi gewordenen Debattenbeitrag zum Rechtsruck der Nation. Die kommunale Spitzenkandidatin einer rechtspopulistischen Partei wurde bei lebendigem Leib verbrannt. "In Flammen" titelt der Film von Florian Oeller (Buch) und Lars-Gunnar Lotz (Regie), was ebenso wörtlich wie bildlich zu verstehen ist.

Wenn man so will, fackeln in diesem Land ja gerade ein Stück weit die moralischen Grundfesten ab. Und allenthalben kocht der Hass hoch. Eine, die es meisterhaft versteht, den Volkszorn auf den Siedepunkt zu bringen, ist die Rostocker Bürgermeisterkandidatin Sylvia Schulte (Katrin Bühring) von der fiktiven, aber doch deutlich dem einschlägigen Vorbild nachmodellierten "Partei für Freiheit und Sicherheit". Bei einer leidenschaftlichen Hetzrede in der Mehrzweckhalle lernt man die attraktive junge Frau kennen, sieht sie aber nur wenig später geknebelt auf einem Acker knien. Jemand übergießt sie mit brennbarer Flüssigkeit und entzündet ein Streichholz. Ein ziemlicher Schocker.

Weil keine Anzeichen auf eine politisch motivierte Tat vorliegen, dürfen der Kripo-Mann Bukow und die LKA-Frau König in dem brisanten Fall ermitteln. Besonnenheit ist dabei auch diesmal nicht ihre Kerntugend. Als Haupttatverdächtigen machen sie den persönlichen Referenten und – so zeigt sich – Liebhaber der Ermordeten aus. Der schlau und kultiviert auftretende Karim Labaneh (Atheer Adel) ist ausgerechnet ein ehemaliger syrischer Bürgerkriegsflüchtling, ein wunderbar verwirrender Winkelzug des größtenteils fein gestrickten Drehbuchs.

Noch interessanter wird es, als die sich hassliebenden Polizisten raus aufs Land fahren, auf der Suche nach dem Ex-Mann der ermordeten Politikerin. In einem von Gott und der Welt verlassenen Kuhdorf hat sich der Neonazi Erik Meissner (Patrick von Blume) mit Gleichgesinnten ein "braunes Bullerbü" erschaffen. Völkische Siedler also wieder, wie neulich im "Tatort" aus dem Schwarzwald. Bloß dass die Meckpomm-Ermittler jederzeit Sorge haben müssen, von den stramm rechten Bio-Bauern eine Heugabel in den Rücken gerammt zu bekommen.

Auf der Rückfahrt, vorbei an blühenden, aber auch entvölkerten Landschaften, tun Bukow und König das, was Sonntagskrimi-Ermittler in solchen Fällen immer tun. Sie zeichnen die gesellschaftliche Debatte nach, entlang plakativ konträrer Standpunkte. Das allerdings auf einem selten prägnanten Niveau. Während sich König über den "Blut-und-Boden-Dreck" der "besorgen Bürger" mokiert, gibt Bukow den Einfache-Leute-Versteher. Der Skandal in seinen Augen: "dass so schlaue Leute wie Sie sich auf nen Gaul setzen und von da oben mit einer Moralgrütze über alles und jeden herziehen, der unter Ihnen sitzt". Da sollte wirklich für jeden die passende Punchline dabei sein.

Wenn schon Polit-Krimi – dann so, möchte man konstatieren. Wäre da nicht wieder so eine eigenartige thematische Ballung auf engstem Raum. Mal ungeachtet dessen, dass der "Tatort"-Koordinator derzeit aus fachfremden Gründen außer Dienst gestellt ist – wozu gibt es diese Planstelle, wenn man als Zuschauer binnen fünf Programmwochen zweimal am Sonntagabend mit völkischen Siedlern (Schwarzwald, Rostock) und einmal mit Reichsbürgern (München) konfrontiert ist? Ganz zu schweigen davon, dass es auch im jüngsten Franken-"Tatort" Mitte April um die rechstrextreme Unterwanderung der bürgerlichen Gesellschaft ging.

Dieser "Polizeiruf 110", der die letzte Erstsendung vor der vielwöchigen Sonntagskrimi-Sommerpause ist, war jedenfalls schon seit Mitte 2017 abgedreht und harrte lange der Ausstrahlung. Man kann den fragwürdigen Reflex vieler Krimi-Gucker, sich volkspädagogisch zwangsbelehrt zu fühlen, auch unnötig forcieren.


Quelle: teleschau – der Mediendienst