Das ARD-Drama "So auf Erden" überzeugt dank guter Darsteller und angebrachter Ernsthaftigkeit. Inhaltlich geht es um ein Pastorenehepaar, dessen Welt aus den Fugen gerät, als sie einen schwulen Obdachlosen bei sich aufnehmen.

Natürlich wäre es leicht, die Bigotterie eines Pastorenehepaares (Edgar Selge, Franziska Walser) auszustellen, deren Freikirche zudem sanft autoritäre Züge trägt. Gut, dass diese Idee, die einem als Zuschauer von "So auf Erden" in den ersten Minuten kommen könnte, dann doch nicht so fortgeführt wird. Nein, dieses nicht mehr junge Ehepaar – Selge und Walser sind auch privat seit vielen Jahrzehnten verheiratet – meint es ernst mit der Liebe füreinander, dem Glauben und dem Projekt ihrer Kirche. Als sie den drogensüchtigen Straßenmusiker Simon (Jannis Niewöhner) bei sich aufnehmen, wird er für das kinderlose Paar bald zu einer Art Ersatzsohn. Bis Prediger Johannes (Selge) seine homoerotischen Neigungen für den Jungen entdeckt.

In zwei Welten möchte das Drehbuch von Martin Rosefeldt ("Bloch – Die Lavendelkönigin") und Pia Marais ("Die Unerzogenen") einführen: die Geborgenheit, aber auch die Enge einer freikirchliche Gemeinde sowie den Kampf eines älteren Mannes mit der eigenen, lange unterdrückten Homosexualität. Natürlich hat beides miteinander zu tun, denn Johannes sexuelle Neigung wird von seiner Religionsgemeinschaft verurteilt. Als der Prediger, der mit seiner offenen Art der Nächstenliebe immer ein Vorbild für die Gemeinde war, seine Gefühle gesteht, soll er "umerzogen" werden. Tatsächlich glauben Johannes und seine verletzte Ehefrau Lydia, dass dies möglich sein könnte.

Jannis Niewöhner ist eine kleine Sensation

Das sehr ruhig und ernsthaft inszenierte Filmdrama von Till Endemann ("Unter Anklage: Der Fall Harry Wörz") kann mit einigen Pfunden wuchern. Da ist zum einen das starke Ensemble der drei Hauptdarsteller. Edgar Selge und Franziska Walser sind nicht nur exzellente Schauspieler. Sie können aus Erfahrung eine alte, vertrauensvolle Ehe darstellen und müssen sich dafür wahrscheinlich noch nicht einmal verstellen. Eine kleine Sensation ist die Leistung von Jungstar Jannis Niewöhner, der gerade im ZDF-Historiendreiteiler "Maximilian" in der Titelrolle zu sehen war (1. bis 3. Oktober). Als drogensüchtiger, offen schwul lebender Simon findet der 25-Jährige Niewöhner eine kraftvolle Expressivität und Verletztheit, die fast schon an den jungen Marlon Brando erinnert.

Die zweite Stärke des Films ist seine Ernsthaftigkeit. Drehbuch und Regie tappen nicht in die Falle, dem Klischee nachzugeben und das sicher leicht angreifbare Leben in der Freikirche zum moralischen Abschuss freizugeben. Stattdessen nimmt man sämtlichen Figuren ab, dass sie bei allen Fehlern und inneren Zwängen ernsthaft das Gute wollen. Auf diese Weise wird "So auf Erden" zu einem intensiven, wenn auch sehr klassisch inszenierten Fernsehdrama, das einen gegen Ende über Vorurteile und Vergebung nachdenken lässt. Es gibt durchaus sinnlosere Themen, über die man an einem ruhigen Fernsehabend gegen 21.45 Uhr reflektieren kann.


Quelle: teleschau – der Mediendienst