„Man wird doch nicht einfach erschossen hier in Münster!“, bringt die trauernde Mutter der getöteten Schulsekretärin nur hervor. Doch, wird man – zumindest wenn man dem Ermittlerteam zum Verwechseln ähnlich sieht. Zumindest in diesem Fall. Denn gleich im Tagesrhythmus kommen die Doppelgänger von Staatsanwältin Klemm (Mechthild Grossmann), Rechtsmedizinerin Alberich (Christine Urspruch) und sogar Hauptkommissar Thiels Vater Herbert (Claus D. Clausnitzer) ums Leben. Erschossen oder erschlagen. Jeweils sorgfältig geplant – stets bildhaft im Blick auf einem Spiegelschrank. "Spieglein, Spieglein" eben.

Die Geschehnisse strapazieren das gesamte Ermittlerteam sehr. Denn der mordende Psychopath taucht ganz tief in die Privatsphären der Ermittler ein: Neben den Leichen liegen zuvor entwendete persönliche Gegenstände der Staatsanwältin, von Alberich und von Thiels "Vadder". Da ist es keinesfalls seltsam, dass Frank Thiel (Axel Prahl) peinlich berührt in Sandalen ermitteln muss, weil ihm seine "guten Schuhe" gestohlen wurden. Und auch Rechtsmediziner Prof. Dr. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) vermisst neuerdings etwas: die mit seinen Initialen K.F.B. bestickte Mütze.

Die beiden haben längst verstanden, dass "das Ganze durchorchestriert ist bis ins Detail" (Boerne). Und dass Thiel der Hauptgegner ist. Da hilft nur eine Nacht im antiquierten Archiv, schließlich vermutet das Münsteraner Duo späte Rachegelüste bei einem Täter aus längst abgeschlossenen Fällen.

"Der Täter spielt Spielchen mit uns", ist Hauptkommissar Thiel entsetzt. Und Boerne schiebt unmittelbar hinterher: "Aber wir spielen das nicht mehr mit!" Deshalb schreiben die beiden ihre eigenen Doppelgänger zur Fahndung aus – und suchen fortan quasi nach sich selbst. In ihrer allseits geliebten und gewohnten Art: Thiel verteilt eine Spitze nach der anderen, Boerne agiert stets mit breiter Süffisanz.

Dieser Münster-"Tatort" von Regisseur Matthias Tiefenbacher nach dem Buch von Benjamin Hessler bietet so ziemlich alles, was seine Fans seit inzwischen 18 Jahren an ihm lieben. Vor allem ein Duo Thiel/Boerne in wortgewaltiger Höchstform. Boernes "Wer kurze Arme hat, braucht lange Beine" in Richtung Thiel kontert dieser wenig später auf Boernes Feststellung, dass man "den galoppierenden Wahnsinn suche" mit: "Na dann kommen eigentlich nur Sie in Frage!" – ehe sich beide dann ganz liebevoll ins Bett verabschieden: "Gute Nacht, Bert" (Thiel), "Gute Nacht, Ernie" (Boerne). Selbst Kommissar Mirko Schrader (Björn Meyer) als Urlaubsvertretung von Nadeshda Krusenstern fügt sich nahtlos ins vertraute Münster-Gefüge ein. Lediglich spannend ist dieser Tatort nicht. Aber muss das ein echter Münster-Tatort wirklich sein?