Nicht immer sieht man einem Menschen ein von zahlreichen Nackenschlägen geprägtes Leben an. Rock'n'Soul-Queen Tina Turner dürfte – zumindest in der Musikwelt – das beste Beispiel dafür sein. Am 26. November wird sie 80 Jahre alt.

Es ist ruhig geworden um Tina Turner, die mit ihrem Mann – dem 16 Jahre jüngeren Musikmanager Erwin Bach – am Zürichsee lebt. Seit 2013 ist eine der letzten großen, noch lebenden amerikanischen Soul-Sängerinnen nicht einmal mehr Amerikanerin. Tina Turner besitzt die schweizerische Staatsbürgerschaft und gab ihre alte ab. Von dem, was ihr Berufsleben prägte – eine eiserne Arbeitsdisziplin, aus der sich die Wildheit ihrer Bühnen-Persona speiste, verabschiedete sie sich im Rahmen ihrer "50th Anniversary Tour" mit 69 Jahren. Der höchstwahrscheinlich letzte Auftritt als Sängerin, ein Nachholtermin im englischen Sheffield, fand am 5. Mai 2009 statt. Es war die 90. Show der im Herbst 2008 begonnen Abschiedstournee. Am 26. November wird Tina Turner 80 Jahre alt.

Die pure Anzahl der Konzerte, aber auch die Konsequenz des damals postulierten Endes, ist bezeichnend für eine Sängerin, die mittlerweile nur noch als Musical auf den Bühnen Londons und Hamburgs sowie seit November auch am New Yorker Broadway herumgeistert. Tina Turner, der es nach langer Krankheit – unter anderem erhielt sie eine Spenderniere von ihrem deutschen Mann Erwin – zuletzt deutlich besser ging, hat das Musical mit produziert und sogar bei der Auswahl diverser Tina-Darstellerinnen geholfen.

Einer Interviewerin der "New York Times", die sie kurz vor ihrem 80. Geburtstag am Zürichsee besuchte, sagte sie: "Ich habe meine gesamte Karriere damit verbracht, Frauen zuzusehen, die versuchten, Tina Turner zu sein." Was nach einem markigen Ego-Spruch klingt, ist eigentlich gar keiner. Die Tina-Turner-Mania ihrer ersten Karriere fand zwischen den Jahren 1958 und 1976 statt. Der damals schon bekannte Songschreiber und Bandleader Ike Turner hatte die damals 18-jährige Anna Mae Bullock kennengelernt und machte sie zur Background-Sängerin seiner Gruppe Kings of Rhythm. Schon 1960 wurde sie deren stimmgewaltige Frontfrau. Ike Turner gab Anna Mae ihren Künstlernamen Tina und taufte seine Band in Ike & Tina Turner um.

The Ikettes, die erste namentlich erwähnte Back-up-Group in der Geschichte des Rock'n'Roll, fast schon so eine Art Girlband, sollte bereits aus Tina-Turner-Look- und Act-Alikes bestehen. Also: wilde Stimmen und ebensolche Tänze, unbändige Haarpracht und die Energie eines Vulkans kurz vor seiner Explosion. Mit exzessiven Endlos-Tourneen und Hits wie "A Fool In Love" oder "It's Gonna Work Out Fine" wurden Ike & Tina Turner bald zur heißesten Nummer im amerikanischen R'n'B-Zirkus der 60er-Jahre.

Nach der Trennung sang sie bei Kaufhaus-Eröffnungen

Ike & Tina Turner agierten mit ihrem funkigen Sound und den exzessiven Bühnenshows an der Grenze dessen, was die sittliche Ästhetik der frühen und mittleren 60-er selbst schwarzen Künstlern erlaubte. In dieser Energie und dem Wagemut, vor allem in der bärenstarken Stimme Tina Turners, lag aber auch die Faszination der Band, deren Namensgeber längst auch privat ein Paar waren. Eine Liaison, von der man mittlerweile weiß, dass sie vor allem aus großen Unglück bestand. Ike Tuner, selbst traumatisiert durch den Tod seines Vaters, der von einem weißen Lynchmob so verletzt wurde, dass er später den Wunden erlag, war ein Despot und Gewalttäter. Nicht nur seine Band führte er mit roher Zero-Tolerance-Mentalität, auch privat musste alles genauso so gemacht werden, wie Ike es wollte.

Wer nicht spurte, wurde geschlagen und eingesperrt. Darunter zu leiden hatten zwei Söhne Ikes aus einer vorherigen Beziehung, die Tina Turner später adoptierte, ein gemeinsamer Sohn und ein weiterer von Tina, den sie aus einer frühen Affäre mit einem Musiker mitgebracht hatte. Vor allem aber wurde Tina Turner selbst immer wieder von Ike krankenhausreif geprügelt. Auch im Tonstudio schlug der 2007 verstorbene Musiker aus Mississippi zu: Tina Turner sang ihre Hits teils mit gebrochenem Kiefer und mit blutverschmiertem Gesicht.

1976, als die Drogensucht Ike Turner immer wieder in den Zustand des Knock-outs versetzte, nutzte Tina auf einem Tournee-Stop in Dallas die Gelegenheit zu Flucht. Blutend und mit weniger als 50 Cent in der Tasche, heißt es in der Überlieferung, bat sie in einem Hotel der Stadt um Asyl. Eine Szene, die auch in dem 1993 erschienenen Biopic "Tina – What's Love Got To Do With It" vorkam, durch den Turner mit Schauspielerin Angela Bassett einer weiteren Frau zusehen konnte, die versuchte, Tina Turner zu sein.

Tina Turner selbst soll den Film erst sehr viel später gesehen haben. Zu schmerzlich seien die Erinnerungen an die 16 Horror-Jahre mit Ike gewesen, denen jedoch immerhin Alltime-Hits wie das von Phil Spector produzierte Stück "River Deep Moutain High" (1966), "Proud Mary" (1991) und das autobiografische Lied "Nutbush City Limits" (1973) entstammen.

Der Trennung von Ike folgte für Tina Turner erneut eine harte Zeit. Die Söhne blieben zunächst bei ihm, erst einige Monate später zogen sie zur Mutter, die allerdings nur mit härtestem Einsatz ihre Familie durchbringen konnte. Regress-Forderungen wegen der abgesagten Shows von Ike & Tina Turner und dazu eine Sängerin, die auf die 40 zuging: Beides klang Ende der 70er Jahre nicht unbedingt nach einem guten Geschäft. Zwei Solo-Alben Turners floppten. In dieser Zeit sang sie vor wenigen hundert Besuchern und bei Kaufhaus-Eröffnungen.

Sie wollte nie ein Sexsymbol sein

Schließlich hatte ihr australischer Manager Roger Davies jene zündende Idee, die zur zweiten, noch größeren Karriere Tina Turners führte. Die Coverversion des Al-Green-Songs "Let's Stay Together", produziert im sparsamen Synthie-Elektro-Sounds der frühen 80er, aber eben mit der unwiderstehlichen Stimmkraft Turners im Gepäck, war vor allem in Europa ein Hit. Und er wurde zum Argument für die Produktion eines neuen Albums in ähnlichem Stil.

Blues-, Jazz- und Soul-Urgestein Tina Turner, auf den Baumwoll-Feldern Tennessees und im schwarzen Kirchenchor sozialisiert, war selbst eher skeptisch, was die Qualität ihrer neuen Produktionen betraf. Doch sie irrte und das Comeback-Album "Private Dancer" (1984) wurde zu einem der erfolgreichsten der Popgeschichte. Es folgten Jahre mit nicht abreißen wollenden Erfolgen: Hits ohne Ende, Grammys, ein Filmauftritt in "Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel" (1985) – der Vorgänger, "Mad Max II", war einer der erklärten Lieblingsfilme der Sängerin – und 1995 der Ritterschlag einer jeden Weltstar-Sängerin, ein James-Bond-Titelsong namens "Goldeneye".

Tina Turner, scheinbar alterslos und später eher respektvoll denn despektierlich als "Rock-Oma" verehrt, hatte ihr Schicksal, das 1939 als ungewolltes Kind einer kaputten Beziehung im Süden der USA begann, am Ende in einen Triumph verwandelt. Über 180 Millionen Tonträger hat sie bis heute verkauft. Privat fand Turner mit "ihrem Erwin" einen liebevollen und treuen Partner. In ihren dunklen Jahren, aber auch danach, gab ihr der buddhistische Glaube Halt. Dass sie nicht nur die Rock'n'Soul-Röhre ist, als die sie bewundert, aber auch "wegsortiert" wurde, beweisen Aufnahmen wie die wunderbar sensible Coverversion von "Edith And The Kingpin", die sie 2008 mit Herbie Hancock für dessen Joni-Mitchell-Coveralbum aufnahm.

Tina Turner wurde – und in Zeiten der Biopic- und Musical-Verklärung wurde es nicht besser – stets als Symbol wahrgenommen. Ein Fleisch-und-Blut-Wahrzeichen für Sex, Kraft, Selbstermächtigung und Feminismus. In Interviews hat die nunmehr 80 Jahre alt werdende Diva klargemacht: Sie steht für keinerlei Agenda. Tina Turner lebte immer ein Leben, das weitgehend frei von Alkohol, Drogen, Zigaretten oder sexuellen Exzessen stattfand. Sie war vor allem ein Disziplin-Monster mit dem Talent einer künstlerischen Wildheit und einer großen Stimme, die sie effektvoll einzusetzen wusste. Seit gut zehn Jahren singt sie nun nur noch privat. Ihr positives Wesen, das stets präsente heisere Lachen und die ansteckende Energie, die sie selbst durch düsterste Zeiten trug, hat sie behalten. Die Rente am Zürichsee sei Tina Turner gegönnt. Kaum eine Frau im Showbusiness arbeitete in ihrem Leben so hart wie sie.


Quelle: teleschau – der Mediendienst