Agenten-Filme sind wieder in. Das zeigt auf "West of Liberty". Der ZDF-Zweiteiler wurde in englischer Sprache gedreht und wartet mit einer Top-Besetzung auf.

30 Jahre nach dem Mauerfall ist Berlin als Frontstadt wieder äußerst beliebt. Der Agententhriller, sowohl in Buch- wie in Filmform während der 90er ziemlich aus der Mode gekommen, weil der Kommunismus zusammengebrochen war, scheint heute wieder richtig hip. Nicht nur Staffel fünf der US-Serie "Homeland", dem wohl besten Agentenprodukt der letzten zehn Jahre, spielte in der ehemals geteilten Stadt. Auch andere Serien wie "Berlin Station" (Netflix), Spielbergs Film "Bridge of Spies" oder der deutsche Mehrteiler "Der gleiche Himmel" sind hier in den letzten Jahre entstanden. Der schwedische Autor Thomas Engström, der die Romanvorlage für "West of Liberty" schrieb, hat eine Erklärung für die neue Faszination auf Lager: "Geheimagenten gehören zu den wenigen wahrhaft mythischen Kreaturen in unserer heutigen aufgeklärten, weltlichen Zeit. Agenten sind Vampire für Erwachsene. Sie arbeiten im Verborgenen und neigen dazu, sich über das Gesetz zu stellen."

Wotan Wilke Möhring und Lars Eidinger, die deutschen Hauptdarsteller der Verfilmung, sehen in diesem Zweiteiler tatsächlich ein bisschen aus wie Vampire. Möhring spielt den heruntergekommen ehemaligen Stasi-CIA-Doppelagenten Ludwig Licht. Eine alte Freundschaft verbindet ihn mit dem kurz vor seiner unfreiwilligen Pensionierung stehenden Berliner CIA-Station-Chef GT Berner (Matthew Marsh).

Eidinger indes spielt den ultrablassen Lucien Gell, das Julien Assange doch ziemlich unverhohlen nachempfundene Oberhaupt einer Whistleblower-Organisation, der in Marrakesch gerade drei amerikanische Top-Informanten ermordet wurden. Zeugin der Schüsse war die Anwältin der Whistleblower, Faye Morris (Michelle Meadows). Nun versteckt sie sich in Berlin. Ludwig Licht, gerade mal wieder ziemlich abgebrannt und wegen seiner Schulden das Organisierte Verbrechen auf dem Hals, ist dem alten Kumpel GT Berner dankbar, dass er ihm den Auftrag erteilt, die Amerikanerin zu beschützen. Das eigentliche Motiv hierfür ist ethisch indes weniger werthaltig: Miss Morris soll die Agenten auf die Spur von Whistleblower Gell führen.

Der 1975 geborene Schwede Thomas Engström arbeitete lange als politischer Journalist, Schwerpunkt: internationale Beziehungen. Sein Romandebüt "West of Liberty" erhielt 2013 den schwedischen Preis für das beste Krimidebüt des Jahres. Die Fernsehversion des Stoffes zimmerten nun die Autorinnen Sara Heldt ("Mord im Mittsommer") und Donna Sharpe ("The Team II"), Regie führte die Österreicherin Barbara Eder ("Thank You For Bombing"), die für den ORF auch schon "Tatort"-Folgen wie "Wiener Blut" und "Her mit der Marie!" inszenierte. Im Ergebnis ist das internationale Agentenprojekt eher bieder geraten. Möhring und Eidinger, die für die ZDF-Version ihren eigenen englischen Originalton synchronisieren, sprechen in Stanzen, die den Anschein erwecken, nicht nur deren Agentenfiguren wären in der Ära des Kalten Krieges steckengeblieben, sondern auch ihre Wortwahl.

Auch wenn sich Möhring, dem in der Serie die wohl meiste "Screen Time" zukommt, sich bemüht, seinem desillusionierten Doppelagenten Ludwig Licht möglichst viel grimmige Verletzlichkeit mitzugeben – so richtig kann man mit den Figuren nicht mitgehen. Dazu sind sie vom Drehbuch zu schablonenhaft gezeichnet. Eine Carrie Mathison, Claire Danes Agentenfigur in der 2020 zu Ende gehenden US-Serie "Homeland", sucht man hier vergeblich. Insofern ist "West of Liberty" eine inhaltlich solide, aber keineswegs herausragend erzählte Agenten-Mär von der Stange, die aus deutscher Sicht einfach nur überdurchschnittlich gut besetzt ist.

Wer trotzdem Feuer fängt, kann sich zwischen der kurzen TV-Version (192 Minuten in zwei Teilen, Teil zwei am Montag, 25. November, 22.15 Uhr) und der Serienversion entscheiden, die bereits am späten Sonntagabend, 17. November, in die ZDF-Mediathek gestellt wird. Dort kämpfen Wotan Wilke Möhring und Co. immerhin satte 78 Minuten länger um Orientierung im modernen Agentendschungel Berlins.

"Die literarische Vorlage ist im Gegensatz zur Realität geradezu harmlos" – Wotan Wilke Möhring im prisma-Interview.


Quelle: teleschau – der Mediendienst