Free-TV-Premiere bei ARTE

"Wackersdorf": Von Willkür und Widerstand, von Gehorsam und Zivilcourage

von Andreas Fischer

In den 80ern regt sich in der Oberpfalz Protest gegen die nukleare Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Der differenziert und facettenreiche Kinofilm, der die Realität nur leicht fiktionalisiert, ist nun erstmals im Free-TV zu sehen.

ARTE
Wackersdorf
Drama • 05.06.2020 • 20:15 Uhr

Der Begriff Heimat spielt in "Wackersdorf" die zentrale Rolle. Allerdings wird er anders genutzt, als er politisch zurzeit propagiert wird. Vor allem rechts von der Mitte gilt Heimat ja als Trutzburg, die mit allen Mitteln verteidigt werden muss. Für die Menschen freilich ist Heimat dort, wo sie leben, und zwar miteinander. Auch sie sind bereit, die Heimat zu verteidigen, nicht aus politischem Kalkül, sondern weil sie ihnen am Herzen liegt – egal, ob sie links-alternativ sind oder katholisch-konservativ, ob sie SPD wählen oder die CSU, ob sie Rentner sind, Professor oder Pfarrer. Im Protest gegen die nukleare Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf sind sie alle gleich. Regisseur Oliver Haffner erzählt davon in dem vortrefflichen gleichnamigen Kinofilm aus dem Jahr 2018, der die Realität nur leicht fiktionalisiert und nun bei ARTE erstmals im Free-TV zu sehen ist.

Der Schwandorfer Landrat Hans Schuierer, herausragend vom Österreicher Johannes Zeiler gespielt, hat wahrlich keinen leichten Job. In der Oberpfalz gehen Anfang der 1980er-Jahre die Lichter aus. Die Region im Norden Bayerns siecht – es gibt keine Jobs und keine Perspektiven, viele Menschen ziehen weg. Das "Angebot" der Münchner Landesregierung, in Wackersdorf ein "zukunftsweisendes, industrielles Großprojekt" anzusiedeln, muss dem SPD-Politiker natürlich wie ein Geschenk vorkommen. WAA – diese drei Buchstaben bringen 3.000 neue Arbeitsplätze! Da muss doch das Herz eines jeden Kommunalpolitikers lachen. Widerstand ist zwecklos und in München auch nicht erwünscht.

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"Wackersdorf" ist auch ein Lehrfilm über das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern – freilich ohne dabei trocken oder belehrend zu sein. Schuierer versteht sich nämlich nicht als Handlanger der Obrigkeit, sondern als Mann der Heimat. Heimat, das sind für ihn die Menschen in ihrem persönlichen Umfeld, in ihrem Alltag, mit ihren Ängsten und Sorgen. Für die Heimat ist er bereit, seine Einstellungen zu überdenken.

Ohne zu wissen, was eine WAA eigentlich ist, genießt Schuierer aber erst einmal den Augenblick der Hoffnung. Doch nicht alle Menschen in seinem Landkreis sind von der nuklearen Wiederaufbereitungsanlage begeistert. Auch beim Landrat kommen Zweifel auf, und so fängt er an, sich die Informationen zu beschaffen, die ihm die Münchner genauso verschweigen wie der joviale Abgesandte der Atomlobby. Das dauert etwas, ist aber nicht der einzige Grund, warum sich Schuierer Zeit lässt für seinen Sinneswandel vom Befürworter zum Gegner der WAA. Er ist ein besonnener Mann, einer der abwägt und seine Entscheidungen bedächtig fällt, bestimmt in seinem Auftreten ist, ohne militant zu sein.

Weil sich Schuierer mit München anlegte und sich weigerte, Baugenehmigungen zu unterzeichnen, änderte der Münchner Landtag kurzerhand das Verwaltungsrecht und entmachtete den Landrat mit der "Lex Schuierer" praktisch. Auf seine Heimat, fanden Franz-Josef Strauß und Co., haben sie ein Monopol – und sie gingen nicht zimperlich um, es durchzusetzen. In Wackersdorf fuhr die Staatsgewalt damals – oft ohne rechtliche Grundlage – alles auf, was das Arsenal hergab. Hundertschaften der Polizei, Hubschrauber, Tränengas – und scharfe Rhetorik.

Differenziert und facettenreich erzählt Oliver Haffner in seinem klugen Film von Willkür und Widerstand, von Gehorsam und Zivilcourage. Er verzichtet darauf, die historischen Ereignisse zu dramatisieren, greift für die historischen Szenen am Bauzaun der WAA auf Archivmaterial aus der "Tagesschau" zurück. Und die zeigen, wie wichtig es ist, zu zweifeln, mutig zu sein und für demokratische Werte aufzustehen. Damals wie heute.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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