27.07.2020 Krimi im ZDF

"Wir wären andere Menschen": Schmerzhafte Nähe

von Marcus Italiani
Ist Rupert (Matthias Brandt, r.) ein Mörder? Kommissar Wackwitz (Andreas Döhler) hat keine Beweise.
Ist Rupert (Matthias Brandt, r.) ein Mörder? Kommissar Wackwitz (Andreas Döhler) hat keine Beweise.  Fotoquelle: ZDF/Martin Valentin Menke

Regisseur Jan Bonny inszeniert einen außergewöhnlichen Krimi mit Matthias BrandtSilke Bodenbender und Manfred Zapatka in den Hauptrollen.

TV-TIPP

"Wir wären andere Menschen"

Donnerstag, 6. August

23.15 Uhr

ZDF

Jan Bonny-Filme sind nie "normal" – und zwar gerade deshalb, weil sie Normalität authentisch abbilden. "Wir wären andere Menschen" aus dem Jahr 2019 ist daher auch kein normaler Krimi, obwohl es nüchtern betrachtet um einige Mordfälle geht. Oder doch nicht? Manfred Zapatka alias Polizeihauptmeister Horn denkt: "Krimi bedeutet heute nicht nur 'Wer hat's getan?', sondern Krimi hat sich zu einem Medium entwickelt, in dem beispielhaft gesellschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen gezeigt werden können." Und das wird von Beginn an klar.

Eigentlich geht es um die gequälte Seele des Fahrlehrers Rupert Seidlein, der 30 Jahre nach dem Mord an seinen Eltern durch Polizisten in sein Heimatdorf zurückkehrt und feststellt, dass man dort immer noch in der Vergangenheit gefangen ist. Das wird nirgendwo so deutlich wie im relativ karg gehaltenen Fußballvereinsheim – einem symbolträchtigen Versammlungsort deutscher Biedermänner.

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Für Regisseur Jan Bonny war es daher nur folgerichtig, das dörfliche Klubhaus als Ort der Zusammenkunft zu wählen: "Oft ist, gerade in ländlichen Regionen, das Vereinsheim ein wichtiger gesellschaftlicher Treffpunkt. Die Menschen dort sind miteinander aufgewachsen, kennen sich teilweise schon ein Leben lang. In unserem Film vereinen sich an diesem Ort alle Figuren, die unter dem Schicksal von damals leiden. Opfer, Täter, Hinterbliebene, Freunde." Und Manfred Zapatka ergänzt: "Die dort gezeigte Gesellschaft steht dafür, dass man nicht gestört werden will und alles so weiter gehen soll wie bisher. Aber da irrt der Mensch!" Das gesellige Trinken sei ein Sinnbild für das gemeinsame Verdrängen.

Die oft absichtlich wackelige Kamera ist teilweise schmerzhaft nah an den Figuren dran, die sich wenig glamourös durch den Plot bewegen und immer wieder zu Gefühlsausbrüchen gezwungen werden, die kein Hochglanz-Thriller je so zeigen würde. Dafür erfährt der Zuschauer jede Menge über emotionale Abgründe und Konflikte, die manchmal mit einem Glas Schnaps und manchmal aber auch mit einer Pistole gelöst werden.

Bonny: "Für mich ist der Film ein Drama, und dort geht es natürlich um emotionale Abgründe. Im klassischen Krimi wird ein Mordfall erzählt und der Mörder gesucht. Das ist hier ja nicht der Fall. Das Ereignis in der Vergangenheit beherrscht die ganze Dorfgemeinschaft, und im Grunde ist und fühlt sich jeder schuldig an dem, was Rupert und seiner Familie vor Jahren angetan wurde."

Dass der Film gesellschaftspolitisch auch das Thema Polizeigewalt behandelt, das zurzeit kontrovers diskutiert wird, ist ein wichtiger Aspekt, aber aus Sicht des Regisseurs nicht der zentrale Punkt: "Ja, es sollte auch darum gehen. Jedoch stehen weniger die Polizisten und die Frage 'Wie konnte es dazu kommen?' im Vordergrund, wie das in der aktuellen Debatte oft der Fall ist. Der Film beschäftigt sich mehr mit den Folgen dieser ausgearteten Polizeigewalt auf das gesamte Dorf."

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