Die Heldin ist "45, fett und eine Kampflesbe". In der Serie "Work in Progress", die ab 18. Februar bei Sky zu sehen ist, entdeckt die Misanthropin die Liebe. Unfassbar witzig.

"Ich bin 45. Ich bin fett. Ich bin eine Kampflesbe, die in ihrem Leben viel Mist gebaut hat – und das ist meine Identität?" – 180 Tage gibt sich Abby (Abby McEnamy) Zeit, um ihr Leben in Chicago irgendwie lebenswert zu machen. Schafft sie es nicht, war's das. Suizid. Aus. Ende. Einen guten Plan hat sie da auf der Couch entwickelt, findet Abby. Ihre Therapeutin kann das nicht bestätigen: Sie ist mitten in der Sitzung gestorben. Das ist für Abbys Neurosen zwar nicht gerade zuträglich, aber sie findet schnell Trost bei einem halb so alten Transmann.

"Work in Progress" heißt die fantastische Showtime-Serie, die ab 18. Februar bei Sky zu sehen ist, und sich in acht genauso witzigen wie griesgrämigen Episoden mit Themen wie Körperscham, psychischen Erkrankungen und Geschlechtsidentität beschäftigt. So radikal wie hier hat man das noch nicht gesehen und auch nicht so sensibel: In ihrer Offenheit und Direktheit erinnert "Work in Progress" eher an "Fleabag" als an "The L Word".

Für jeden Tag, den sich Abby Zeit gibt, ihr Leben in Ordnung zu bringen, hat sie sich übrigens eine Mandel zurechtgelegt, aus einer Tüte, die ihr eine verhasste Kollegin in ihrem langweiligen Bürojob einst schenkte. Dass die Frau zu Abbys erklärten Feindbildern gehört, liegt einfach nur daran, dass sie ein aufregendes Leben führt. Wobei das Definitionssache ist: Jeder hat im Vergleich zu Abby mehr Spaß; die ganze Welt, glaubt sie, hat sich gegen sie in vereinter Glückseligkeit verschworen, die heterosexuellen Menschen sowieso und erst recht die homosexuellen.

Darüber ist Abby zutiefst deprimiert, dass sie sich aber wirklich, wie angedroht, im Falle des Scheiterns das Leben nehmen würde, nimmt man ihr dann doch nicht ab. Zumal sich "Work in Progress" im Kern um die Liebe dreht, weil es im ganzen Leben immer um die Liebe geht. Abby wird ziemlich schnell von ihrer Schwester verkuppelt – mit einer attraktiven Kellnerin, die sich als Transmann entpuppt.

Chris nimmt Abby an die Hand, geleitet sie durch die Stürme ihrer Zwangsstörungen und hilft ihr dabei, sich selbst neu zu entdecken und zu akzeptieren. Auch wenn sie nach wie vor öfter für einen Mann als für eine Frau gehalten wird und sich den Platz auf dem Damenklo bisweilen erkämpfen muss.

Erfunden und geschrieben wurde die Serie von der Improvisations-Komikerin Abby McEnamy, die teilweise eigene Erfahrungen verarbeitet und sich quasi selbst spielt. Sie erzählt freimütig und ungefiltert aus dem Leben das so vielfältig und grausam sein kann – und das immer wieder eine Überraschung bereithält. Musste sich Abby vor zwanzig Jahren noch in schummrigen Lesben-Bars verstecken, führt sie ihre neue Flamme Chris heute in Clubs, in denen Diversität das normalste der Welt ist. Es wird Zeit, dass das endlich mal im Fernsehen zu sehen ist.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH