Langjährige RTL-Moderatorin

Annett Möller: "Mein Weg hinaus aus der Angst-Spirale"

04.10.2021, 09.05 Uhr
von Felix Förster
Annett Möller hat ihre Geschichte aufgeschrieben und möchte Betroffenen helfen.
Annett Möller hat ihre Geschichte aufgeschrieben und möchte Betroffenen helfen.   Fotoquelle: Urban Zintel

Als Annett Möller 2008 das Angebot erhält, mit RTL aktuell eine der erfolgreichsten Nachrichtensendungen im deutschen Fernsehen zu moderieren, ergreift sie die Chance. Womit sie gar nicht rechnet: Trotz ihrer langjährigen Erfahrung überfallen sie plötzlich Angst und Panikattacken vor laufender Kamera. Sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen, überspielt die Panikattacken und quält sich durch die immer häufiger auftretende Angst vor der Angst – jahrelang unbemerkt von ihrem Umfeld. Sie sucht nach professioneller Hilfe und beginnt zusätzlich, sich selbst zu helfen, um endlich aus der quälenden Angstspirale herauszufinden. Nun hat sie in ihrem ihren persönlichen Weg aus dem Angstkreislauf beschrieben. prisma hat mit ihr gesprochen.

Hallo Frau Möller. Sie schreiben in Ihrem Buch sehr ehrlich über Ihre Erfahrungen mit Angst und Panikattacken. War es einfach für Sie, so ehrlich mit sich selbst und Ihren Zweifeln und Ängsten umzugehen?

Annett Möller: Es hat mich schon ein wenig Überwindung gekostet, aber ich habe mir gedacht, wenn ich nicht ehrlich bin, macht das Buch keinen Sinn. Ich möchte die Leser schließlich erreichen und ich habe im Zuge der Fertigstellung des Buchs festgestellt, dass es viele Menschen gibt, die ein "Angstthema" haben.

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Gerade zur Zeit ist die Angst ja omnipräsent, bestimmt das Denken vieler, ist medial täglich da. Da könnte man sagen, "perfektes Timing" für Ihr Buch...

Annett Möller: Das stimmt, die Thematik ist da. Zusätzlich zu meinem Buch wird es einen Onlinekurs geben, denn ich habe mir gedacht: Mir persönlich hätte damals in meiner Situation so ein Rundumpaket sehr geholfen, das Übungen und Anleitungen gibt, wie man aus einem Angstproblem wieder rauskommen kann.

Reden wir kurz über Ihren Werdegang. Sie schreiben, dass Ihnen schon früh klar war, dass Sie etwas journalistisches machen möchten. Wann ist daraus mehr als ein Kindheitstraum geworden?

Annett Möller: Sobald ich das Abi in der Tasche hatte, habe ich los gelegt. Und eigentlich auch schon vorher (lacht). Ich habe schon lange vorher angefangen, Straßenfeste zu moderieren. Egal, was es war, wenn es die Möglichkeit gab, ich war da! Ich wollte immer unbedingt im Fernsehen moderieren, das war mein Herzenswunsch. Ich bin dann nach der Schule recht schnell von meiner Heimatstadt Wismar aus in die Medienstadt Hamburg gezogen. Ich wusste nicht, wie ich zum Fernsehen kommen könnte, nutzte aber die Möglichkeiten, die sich mir boten. Und so sprang ich beim Tennisturnier am Rothenbaum, wo ich an dem Tag gearbeitet hatte, einfach einem Team vom Regionalfernsehen vor die Kamera und hab gefragt, was ich tun muss, um Moderatorin zu werden (lacht).

Waren Sie nervös bei diesem ersten Auftritt vor der Kamera?

Annett Möller: Natürlich war ich nervös, aber ich war auch voller Elan. Ich wollte das unbedingt. Das erste Kamera-Team, das ich an dem Tag fragte, sagte dann "Ach nö, lass mal". Aber die Kollegen vom Privatfernsehen baten mich direkt, mich in die Kamera vorzustellen und kurz darauf hatte ich tatsächlich ein Casting. Trotzdem hat es dann ja noch einmal drei Jahre gedauert, bis das mit der Moderation etwas geworden ist.

Sie haben die Nachrichten bei RTL schon lockerer und anders präsentiert und Ihren eigenen Stil mit eingebracht. War das von Ihnen so angelegt? Oder war das so wie Sie auch wirklich sind?

Annett Möller: Ich bin einfach so und habe da viel Persönlichkeit mit einbringen können. Natürlich nur in dem Rahmen, wie das bei einer Nachrichtensendung möglich ist. Aber das war ja auch ein wenig der problematische Punkt: Ich wollte ja immer eher in die Unterhaltung und etwas Lockeres machen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr anschaulich, wie es dann zu den Panikattacken vor der Kamera kam. Sie hatten es bei RTL aktuell in die Prime Time geschafft. Jeder, der schon einmal vor einem Mikrofon oder vor einer Kamera gestanden hat, kennt diese Blackouts und Verhaspler, die einfach einmal vorkommen können. Wann haben Sie denn gemerkt, dass das jetzt etwas anderes bei Ihnen ist, etwas Tiefgreifendes?

Annett Möller: Ich habe mir schon extrem Druck gemacht, weil ich gedacht habe, mein Gott, jetzt sitze ich auf diesem Posten, auf diesem verantwortungsvollen Stuhl. Ich habe immer gedacht und das schreibe ich ja auch in meinem Buch, dass meine Vergangenheit nicht zu dem passte, was ich jetzt repräsentierte und fühlte mich dadurch unzulänglich. Ich habe mein BWL-Studium nicht zu Ende gemacht, stattdessen eine Schauspielausbildung, ich sang in einer Band, tanzte in Diskotheken in Glitzerkostümen für Geld und plötzlich sitze ich da auf diesem seriösen Posten. Etwas in mir hat immer gedacht, ich bin doch nicht die Richtige. Ich kann das hier präsentieren, aber innerlich bin ich das doch gar nicht. Das war mein Problem, dass ich ein ganz anderes Bild von mir selbst hatte, und ganz anders sein wollte. Nicht so, wie mich die Leute damals gesehen haben.

War das dann Unterbewusstsein, was Ihnen einen Riegel vorgeschoben hat?

Annett Möller: Mir war das schon ganz bewusst, dass das eigentlich nicht so ganz das ist, was ich will. Aber es hatte sich einfach so ergeben. Ich habe im Regionalprogramm eine tolle Ausbildung gemacht und wollte dann national arbeiten. Ich musste nach Köln! Dann kam ich dort an und merkte, das interessiert jetzt keinen Menschen, dass ich hier bin (lacht). Da hat jetzt keiner auf mich gewartet, also habe ich die Chancen genutzt, die sich irgendwie für mich ergaben. Ich war sehr fleißig und habe den letzten Teil meines Volontariats beim Nachrichtenfernsehen absolviert und konnte nun dort anfangen. Ich hatte ja in der Ausbildung von der Pike auf gelernt, redaktionelle Beiträge zu erstellen. Am Anfang habe ich nur Nachtschichten als Redakteurin gemacht, das sollte sich dann aber nach einigen Monaten ändern.

Der Ehrgeiz war immer da…

Annett Möller: Ja, absolut. Und dann ergaben sich neue Sachen, ich bin immer ins kalte Wasser gesprungen und bin einfach geschwommen. Plötzlich wurde ich gebeten, als Reporterin vor dem Auswärtigen Amt und zu stehen, um über die Entführung von Susanne Osthoff im Irak 2005 zu berichten. Es gab überhaupt keine Information und ich wusste kaum, was ich sagen sollte. Aber ich war da und hab meinen Job gemacht. Und als meine Chefs gesehen haben, die macht das gut, ging es weiter und ich saß plötzlich, bedingt durch den Krankheitsausfall, als Moderatorin in den Nachrichten, obwohl ich das immer ausgeschlossen hatte. Und dann kam ein Casting, bei dem eigentlich die Frühstücksschiene beim großen Schwestersender besetzt werden sollte. Im Endeffekt ging es aber um das Flaggschiff: die Hauptnachrichten.

Das Flagschiff des Senders mit Peter Kloeppel…

Annett Möller: Ja, es dauerte lange, bis die Entscheidung für mich fiel. Was für eine Ehre! Natürlich habe ich ja gesagt. Die Frage, wie komme ich jetzt in die Unterhaltung, kam da erst einmal überhaupt nicht auf. Es war ganz klar, diesen Job nehme ich jetzt an, die Möglichkeit bekomme ich nie wieder. Das war toll, und ich wollte es ja auch unbedingt. Doch dann folgte anderthalb Jahre später diese erste Panikattacke und mit ihr die Angst, dass es auf Sendung jederzeit wieder passieren könnte. Das hat meine Zweifel, die Richtige für den Job zu sein, nur noch mehr befeuert.

Aber kam das dann wirklich ganz plötzlich?

Annett Möller: Die Panikattacke ja. Ich hatte mir extrem Druck gemacht, richtig gut zu werden, und hatte sehr viel gearbeitet. Ich war ziemlich k.o. zu dem Zeitpunkt.

Diese erste Attacke und die Zeit danach beschreiben Sie sehr anschaulich im Buch. Da hatten Sie dann frei und konnten sich gar nicht richtig aufraffen, um irgend etwas zu machen.

Annett Möller: Ich wollte an dem Tag die Kurznachrichten ganz besonders toll moderieren, hatte aber mit zu tiefer Stimme angefangen zu sprechen und bekam dadurch irgendwie keine Luft mehr. Zumindest meinte ich das. Ich kam mit der Situation überhaupt nicht klar und war so überfordert, dass ich dadurch in Panik und Todesangst geriet. Ich musste die Wochen danach erst einmal begreifen, was da mit mir los war. Die Angst, dass das wieder passiert, war extrem groß und traf mich danach eine lange Zeit in jeder Sendung wieder mit voller Wucht. Und zusätzlich wurden die Zweifel immer lauter: "Ich bin doch nicht die Richtige für den Job, ich will das eigentlich gar nicht, ich bin doch nicht gut genug dafür".

Spannend und sehr bildhaft sind Ihre Schilderungen, wie Sie durch gewisse Ablenkungshandlungen versucht haben, diese Attacken zu vermeiden. Zum Beispiel dadurch, dass Sie Ihre Fingernägel in die Handballen gekrallt haben, oder barfuß den direkten Bodenkontakt gesucht haben. Was hat Ihnen denn dann im Endeffekt geholfen?

Annett Möller: Es war ein Entwicklungsprozess, ich habe viel ausprobiert, auch die progressive Muskelentspannung war dabei. Da spannt man gewisse Muskelgruppen an, nimmt die Anspannung wahr und löst sie dann wieder. Das half mir, im Hier und Jetzt zu bleiben, mich darauf zu konzentrieren und nicht mit dieser Angst gedanklich weggespült zu werden. Ich habe dann später auch mit meinem inneren Kind gearbeitet, was mir geholfen hat, mit den Angst-Monstern im Studio fertig zu werden. Und auch der Gedanke: "Ich bin jetzt in meinem erwachsenen Ich, ich bin stark gegen meine Angst" war für mich eine Erleichterung. Aber das habe ich erst nach und nach gelernt.

Viele Menschen machen dann den Fehler, diesen Situationen, in denen die Panik hoch kommt, von Vornherein aus dem Weg zu gehen. Doch dadurch wird die Situation ja immer schlimmer.

Annett Möller: Genau, Vermeidungsverhalten macht die Sache wirklich nur noch schlimmer. Was mir damals geholfen hätte, wäre gewesen, dies anzuerkennen, dass die Angst da ist, und nicht fliehen zu wollen. Hinsetzen, atmen, „es ist ok, dass die Angst jetzt da ist“. Ich hatte aber auch nicht die Möglichkeit dazu, als ich da in einer Livesendung saß. Andere Betroffene, die nicht vor einer Kamera stehen, haben da mehr Möglichkeiten. Sie können sich zum Beispiel ganz bewusst hinstellen, den ganzen Körper aufrichten und sich vorstellen, sie sind wie ein starker Baum, fest im Boden verwurzelt. Nichts und niemand kann sie da wegreißen. Und dann bewusst tief ein- und ausatmen und die Angst einfach kommen lassen. Ihr erlauben, da zu sein. Das allein hilft schon, den Druck ein Stück raus zu nehmen. Es sind ganz viele kleine Sachen, die man machen kann, die man übt, und je mehr man sie verinnerlicht, desto besser kann man damit umgehen. Aber anzuerkennen, dass man gerade eine Angst-Attacke hat, ist erst einmal das Allerwichtigste. Denn dagegen anzukämpfen macht es nur noch schlimmer.

Gibt es heute noch Momente, wo Sie so etwas spüren. Oder ist das jetzt passé?

Annett Möller: Gar nicht mehr, für mich ist das durch. Wenn ich jetzt vor einer Kamera stehe oder vor Leuten, dann bin ich aufgeregt, klar. Aber das ist eine schöne Aufregung, die einfach dazu gehört. Damals bevor ich diese Panikattacken hatte, war ich auch aufgeregt, hatte Lampenfieber. Das gehört einfach dazu. Und das macht ja auch irgendwie Spaß, dieser Adrenalin-Kick. Ich habe das aber danach als Bedrohung gesehen, weil ich es mit dieser Panikattacke verbunden habe. Heute ist es bei einem aufregenden Moment auf der Bühne immer noch so, dass das Herz bis zum Hals schlägt. Aber das ist okay, das gehört dazu, das ist ein schönes Gefühl. In den damaligen Situationen war es einfach Horror, da wäre ich am Liebsten weggerannt.

Sie haben das Buch wie einen Ratgeber konzipiert: Erst schildern Sie Ihre Erfahrungen, dann kommt eine Expertise von Fachleuten und dann ein Selbsthilfeprogramm. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Annett Möller: Die Idee, ein Buch über meine Erfahrungen zu schreiben, habe ich schon länger. Das kam schon als ich von den Nachrichtensendungen weg war. Aber ich habe gedacht, ich will mich ja nicht selbst profilieren, um im Gespräch zu bleiben, indem ich jetzt meine Geschichte erzähle. Dann habe ich in Gesprächen, zu Beginn von Corona gemerkt, dieses Thema Angst ist allgegenwärtig. Ich hatte eine Ausbildung zum Systematischen Personal- und Business-Coach gemacht, und mir wurde klar, ich muss meine eigene Geschichte und meine Erfahrung mit meinem Wissen als Coach miteinander verbinden, dann kann ich anderen Betroffenen damit helfen. Es war fast wie eine Erleuchtung. Mir hat es damals sehr geholfen, Biografien von Menschen zu lesen, die es geschafft haben, aus einer Angstsituation wieder herauszukommen. Das hat mich motiviert. Ich wollte das in meinem Buch kombinieren mit Stimmen von Ärzten und Psychologen und gleichzeitig fundierte Übungen zur Selbsthilfe anbieten. Deswegen habe ich mich für die Expertenstimmen entschieden, die beschreiben, was bei solchen Attacken im Körper passiert und zusätzlich eine großen Selbsthilfeteil erarbeitet. Es war für mich in der Angst-Zeit extrem hilfreich, Achtsamkeitsübungen zu machen. Wie denke ich über mich, wie rede ich selbst über mich? Würde ich jemals zulassen, dass andere so über mich reden oder denken? Dann die Angst anzunehmen, mal aus einer anderen Perspektive darauf zu schauen. Dadurch habe ich neue Ansätze für mein Angstproblem gefunden. All das findet sich nun in meinem Buch wieder. Und es macht mich glücklich, zu sehen, wie nun alles im Nachhinein einen Sinn macht und sich zusammenfügt.

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